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Solidarität hilft nicht nur anderen

Von Bettina Ehbauer / 8. Juni 2018
Credits: Unsplash/ Philippe Leone; Lizenz CC0

Flüchtlingsströme, Naturkatastrophen, MeToo-Kampagne: Gründe, sich solidiarisch zu zeigen, gibt es viele. Ob wir uns aber solidarisieren oder nicht, entscheiden wir nicht alleine.

Solidarität ist selten bequem. Egal ob wir demonstrieren, Unterschriften sammeln, Geld spenden oder einen Flüchtling in unser Haus aufnehmen – das alles kostet Zeit, Anstrengung oder Geld. Ob wir dann das anvisierte Ziel mit einer kleinen guten Tat erreichen, ist zudem meist ungewiss und mitunter eher unwahrscheinlich. Hilfreich also wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Doch solidarisches Handeln gilt bei vielen als selbstlos und uneigennützig. Tatsächlich bringt es auch uns selbst durchaus Vorteile. Sie sind jedoch oft subtil oder indirekt und deshalb nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar.

Motiviert vom Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit

Der polnisch-britische Sozialpsychologe Henri Tajfel und seine Kollegen teilten für ein Experiment die Versuchspersonen durch Losentscheid in zwei Gruppen ein und ließen sie anschließend Geldbeträge in selbst gewählter Höhe an die jeweils anderen Teilnehmer (der eigenen und der fremden Gruppe) verteilen. Im Ergebnis verteilten die Versuchspersonen deutlich mehr Geld an die Mitglieder ihrer eigenen Gruppe. Menschen haben also grundsätzlich eine hohe Bereitschaft, sich mit anderen zusammenzuschließen und sie zu unterstützen, selbst wenn es kaum Ähnlichkeiten oder gemeinsame Interessen gibt und nur das gemeinsame Los einen zusammengeführt hat.

Solidarisches Handeln erfüllt ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit und fördert das psychische Wohlbefinden. Wer sich nicht solidarisiert, wird schnell zum sozialen Außenseiter. Eine Frau, die sich nicht explizit für Gleichberechtigung einsetzt, weil sie subjektiv nie Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts erlebt hat, wird dafür womöglich von ihren Geschlechtsgenossinnen verbal attackiert und muss sich rechtfertigen, um ihre Gruppenzugehörigkeit abzusichern. Solche Infragestellungen gefährden unsere Identität.

Das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit kann sogar so weit gehen, dass die Inhalte selbst in den Hintergrund treten, wie Taifels Untersuchung zeigt. Solidarisches Empfinden wird dann nicht von Kategorien mit hohem Identifikationswert wie Geschlecht, sozialer Klasse oder Nationalität gestiftet, sondern es genügen oberflächlichere Gemeinsamkeiten. Wer zum Beispiel schon einmal als Zuschauer bei einem großen Sportereignis im Stadion war, weiß, dass die geteilte Sympathie für einen Verein, die durch Trikots, Vereinsfarben oder Sprechchöre nach außen getragen wird, ein starkes Gefühl der Verbundenheit unter den Fans auslösen kann.

Gemeinschaft und ihre Grenzen

Gemeinschaft ist also eine starke Maxime unseres Handelns und damit ein zentrales Motiv für Solidarität. Was aber passiert, wenn unsere soziale Umwelt unser Selbstkonzept in Frage stellt oder gar bedroht? Bleiben wir beim Sport. Stellen uns vor, dass unsere Lieblingsmannschaft seit längerem eine Durststrecke hat. Um unser Gefühl der Verbundenheit mit der Gruppe nicht zu gefährden, vermeiden wir es, uns von unserem Fanlager abzuwenden. Stattdessen greifen wir zu einem psychologischen Trick: Wir benutzen die Durststrecke, um (vor uns selbst und vor anderen) unsere hohe Loyalität oder Leidensfähigkeit im Vergleich zu den Anhängern anderer Vereine zu betonen. Auch hier zeigt sich: Menschen tendieren dazu, ihre Eigengruppe auf- und Fremdgruppen abzuwerten. Diese Idealisierungen auf der einen Seite und Ressentiments auf der anderen beeinflussen unsere Gefühle und unser Handeln. Gegenüber Mitgliedern unserer eigenen Gruppe sind wir stärker zu Solidarität und Kooperation bereit als gegenüber Außenstehenden.

Nationalität wird gegen die europäische Identität gesetzt

Die Bereitschaft, sich mit der eigenen Gruppe zu solidarisieren, hat aber auch Grenzen. Je öfter wir die Erfahrung machen, dass unser Einsatz wirkungslos ist, vom Adressat unserer Unterstützung nicht gewürdigt oder nicht im Sinne des gegenseitigen Gebens und Nehmens erwidert wird, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit für solidarisches Engagement. Wir wenden uns dann eher von sozialen Gruppensituationen ab und ziehen uns mehr und mehr ins Private zurück. Von der EU enttäuschte Bürger besinnen sich mit der Zeit häufig auf einen nie vernachlässigten, aber auch nicht unbedingt hervorgehobenen Teil ihrer Identität, der die Gegenposition zur EU am deutlichsten repräsentiert: die Nationalität. Eine Gemeinschaft wird gegen die andere getauscht, die mehr Wohlbefinden versprechen will.

Mitgefühl als Quelle von Solidarität

Die beschriebenen kollektiven Prozesse, die mit darüber entscheiden, ob wir uns solidarisieren oder nicht, treffen auf alle Menschen mehr oder weniger ausgeprägt zu. Darüber hinaus sind natürlich auch individuelle Faktoren von Bedeutung. Empathie ermöglicht es, sich in andere hineinzuversetzen und deren Unterstützungsbedarf überhaupt erst wahrzunehmen.

Wer als Typ grundsätzlich besonders empathisch eingestellt ist, empfindet und gibt sich häufiger solidarisch als andere. Das zeigt sich vor allem dann, wenn wir die Empfänger unserer Hilfeleistung gar nicht kennen (beispielsweise nach humanitären Katastrophen am anderen Ende der Welt) oder kaum wahrgenommene Gemeinsamkeiten mit ihnen haben (etwa mit dem fremden Obdachlosen in der Fußgängerzone). Hier beeinflussen besonders ein bereits ausgeprägtes Mitgefühl oder verinnerlichte Normen der Mitmenschlichkeit (etwa durch erlernte gesellschaftliche Handlungsanweisungen), ob wir uns solidarisch verhalten oder nicht.

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