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Such(t) nach Risiko

Von Sabrina Wirth / 7. Dezember 2022
picture-alliance / Image Source | Image Source/Matthias Clamer

Wer wagt, gewinnt? Nicht unbedingt. Aber damit verbundene Risiken halten sich meist in Grenzen. Also: Einmal Neustart, bitte!

Einfach alles hinschmeißen. Die Tür schließen und dann nur noch weg! Es gibt wohl niemanden, dem nicht irgendwann der Sinn danach stand, das Weite zu suchen. Aber aufgeben? Das geht nicht. Darin schwingt Versagen mit und Unglück.

Neuanfang – das klingt schon besser. Das klingt nach Abenteuer, Adrenalin und Spannung. Das alte Leben hinter sich lassen und neu beginnen: in einer neuen Stadt, einer neuen Wohnung, mit neuen Freund*innen. Neue Eindrücke sammeln, Chancen, Möglichkeiten und Erfahrungen, alles zum Greifen nah. Neuanfänge sind hoffnungsvoll, aufregend, keine Frage.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

In seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse den mittlerweile sprichwörtlich gewordenen Zauber des Anfangs. Unser Herz solle stets bereit zum Abschied sein, aber auch zum Neubeginn. Beides gehört Hesse zufolge unausweichlich zum menschlichen Dasein.

Beispiel Beziehung: Alles ist noch unbekannt und aufregend. Unser Körper stößt Unmengen an Oxytocin, Serotonin und Adrenalin aus. Wir könnten platzen vor Glück und sind voller Energie. Genau so kann es einem gehen, wenn man (aus freien Stücken) umzieht, den Job wechselt oder eine Zeit lang im Ausland verbringt. Anfänge sind anziehend. Durch sie fühlen wir uns lebendig. Die damit verbundenen Risiken finden erstmal kaum bis gar keine Beachtung. Wozu auch? Sie würden eh nur im Weg stehen.

Alles auf Anfang: Freiwillige und unfreiwillige Neuanfänge

Die Zeit als Kind ist voller Anfänge: Der erste Kindergartentag, die Einschulung, der Übertritt in eine weiterführende Schule. Viele Kinder müssen mit Umzügen während der Schulzeit umgehen, wenn die Eltern einen Job antreten oder sich gar scheiden lassen. Auch der Übergang von der Kindheit in die Pubertät, vor allem körperliche Veränderungen, eine neue Selbstwahrnehmung, das stellt für viele einen völlig neuartigen Lebensabschnitt dar. Man könnte sagen: Jedem Neuanfang wohnt die Eingewöhnung inne.

Dann der Auszug aus dem Elternhaus. Einige junge Erwachsene gehen ins Ausland, ziehen in eine neue Stadt für eine Ausbildung oder zum Studieren, oft weit weg von ihrer Heimat. In allen Fällen werden wir mit einem Neustart konfrontiert – ob gewollt oder nicht. Neue Freunde finden, eigenes Geld verdienen, für sich selbst sorgen, Wohnungssuche, Haushalt. Das alles zeitgleich zu gestalten, stellt sich häufig als Herausforderung dar.

Vergessen wir nicht mögliche Schicksalsschläge: Der Tod der Eltern, von Freund*innen, Krankheiten, Trennungen. All das zwingt uns, von vorne zu beginnen. Hier ist der viel beschworene Neuanfang einer, der mitunter keinerlei Zauber enthält. Sich solchen unfreiwilligen “Risiken“ entziehen zu wollen, hat keinen Sinn. Es ist unmöglich.

Sensation Seeking: Die Suche nach dem Risiko – eine Sucht?

Ich gehöre zur sogenannten Generation Y. Uns wird nachgesagt, wir seien die „Generation beziehungsunfähig“ – immer auf der Suche nach Neuem, das besser als das Alte sein könnte. Hauptsache Abwechslung! Hierfür gibt es in der Psychologie mittlerweile einen Begriff: Sensation seeking.

„Sensation seeking zeichnet sich durch das Bedürfnis von Personen nach abwechslungsreichen, neuen und komplexen Eindrücken sowie durch die Bereitschaft aus, um solcher Eindrücke willen physische und soziale Risiken in Kauf zu nehmen“, so die offizielle wissenschaftliche Definition.

Statistiken zeigen, dass im letzten Jahr so viele junge Menschen aus ihrem Elternhaus ausgezogen sind wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr. Für die hohen Zahlen sind nicht nur ostdeutsche Jugendliche aus dem ländlichen Raum verantwortlich, die mangels Jobperspektive und eingeschränkter Mobilität keine andere Wahl für sich sehen. Weggehen liegt grundsätzlich im Trend.

Eine aktuelle, vom Arbeitsministerium in Auftrag gegebene Studie fand heraus: Wer einmal seine Heimatregion verlassen hat, bleibt auch in Zukunft mobiler als Menschen, die diesen Schritt nicht gegangen sind. Das ist ein Pluspunkt auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn es ein risikobehafteter Pluspunkt ist.

Gesundes Mittelmaß

Ich zähle mich zum Mittelmaß. Was das heißt? Sicherheit gehört nun mal zu den menschlichen Grundbedürfnissen, auch zu meinen. Ein Risiko einzugehen bedeutet für mich, einen bestimmten Schritt zu tun, ohne zu wissen, was danach folgt. Unbekanntes Terrain auszuprobieren, nicht ohne auf die nötige Absicherung zu verzichten, entspricht unserer Verhaltensstruktur – und dem eigenen Überlebenswillen – seit jeher. No risk, no fun! Oder in Bertolt Brechts Worten:

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Das soll kein Plädoyer dafür sein, völlig unbedarft Pläne zu schmieden und voll auf Risiko zu setzen. Eher eine Ermutigung, dass es sich manchmal eben doch lohnt, Neues zu wagen, sich auf Fremde(s) einzulassen und damit bewusst Gefahren einzugehen. Aber man kann ja (fast) alles rückgängig machen. Entscheidungen lassen sich wieder korrigieren. Dir gefällt es in der neuen Stadt nicht? Dann zieh um/ zurück! Der Job passt nicht zu dir? Kündige und such dir einen neuen! Du bereust es, eine Beziehung beendet zu haben. Nimm wieder Kontakt auf, suche das Gespräch, zeige deine Reue/ dein weiterhin bestehendes Interesse am Gegenüber!

Und auch ein misslungener Haarschnitt wächst nach.

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