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Verängstigt und hasserfüllt

Von Bilke Schnibbe / 21. Dezember 2018
Credits: Photo by Clem Onojeghuo on Unsplash;

Rechter Hass flutet seit ein paar Jahren verstärkt die deutschen Medien. Eigentlich gibt es genug Menschen, die das nicht okay finden, aber wo sind die alle? Dieser Text ist ein Aufruf, sich gerade zu machen gegen Menschenfeindlichkeit, auch wenn wir Angst haben.

In Deutschland haben alle die Hosen voll: Der Rechtspopulismus zieht in die deutschen Parlamente ein. Die AfD ist in Deutschland die erfolgreichste Partei rechts von CDU und CSU seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Bisherige Gegenstrategien scheinen nutzlos oder nur dazu geeignet, den Zulauf zur AfD noch zu befördern. Doch warum nur sind rechte Parolen so erfolgreich? Und warum ist es so schwierig, mit ihnen umzugehen, obwohl doch die große Mehrheit der Menschen in Deutschland gerade nicht die AfD wählt?

Als Antwort auf beide Fragen hört man häufig: Die Leute hätten eben Angst. Menschen, die die AfD wählten, seien „besorgte Bürger_innen“, die durch die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verunsichert würden. Und die, die nichts sagen? Auch die hätten Angst, heißt es. Angst, vermeintlich berechtigte rechte Positionen auszuklammern. Bloß keine hyperempfindliche Tugendterrorist_in sein! Denn wenn die Rechten eigentlich nur Angst haben, dann sollte man ja mit ihnen reden können, oder?

Ich sehe darin eine neue bürgerliche Zaghaftigkeit und appelliere darum an all diese Zaghaften, endlich die verbale Brechstange rauszuholen und sich deutlich hörbar gegen menschenfeindliche Positionen auszusprechen! Das erfordert nur Haltung zeigen und kostet lediglich eine kleine Prise Mut.

Wo seid ihr denn alle?

Es gibt genug Leute, die durchaus erkennen, was abläuft, wenn Politiker_innen von „Umvolkung“ und „Genderwahn“ schwafeln. Aber wo sind die? Sind sie wirklich zu ängstlich, zu resigniert oder vielleicht auch zu bequem, um konsequent Haltung zu bewahren?

Wenn wir uns fragen, ob wir nicht verständnisvoller sein müssten, sind wir der rechten Rhetorik schon voll auf den Leim gegangen. Wir müssen deutlich machen, dass bestimmte Werte nicht verhandelbar und bestimmte Aussagen indiskutabel sind.

Nein, es gibt keine Homolobby, die unsere Kinder „verschwult“. Menschen, die sich vor Homosexuellen fürchten oder ekeln, sind das Problem.

Nein, es ist nicht Plan der Kanzlerin und irgendwelcher Leute „im Hinterzimmer“, die deutsche Bevölkerung mithilfe von Zuwanderung „auszutauschen“. Wer das denkt, hängt rassistischen Verschwörungstheorien an.

Nein, wir sind keine empfindlichen Memmen und unterbinden nicht die Meinungsfreiheit, wenn wir einen respektvollen Ton verlangen. Wir sind einfach nur keine autoritären, empathielosen Menschen.

Nein, es macht keinen Spaß, sich im Internet oder auf der Straße anpöbeln, auslachen oder bedrohen zu lassen. Ich weiß, wovon ich rede.

Und ja, es kann auch gefährlich sein, sich mit den Falschen anzulegen. Wir müssen uns trotzdem trauen, die Dinge beim Namen zu nennen, sonst ist es plötzlich in Ordnung, darüber zu reden, dass der Holocaust allen ernstes Jüd_innen einen „Opferbonus“ einbringen würde. Wir müssen den Mund aufmachen – im Internet, in der Schule, auf der Straße, beim Weihnachtsessen, an der Kasse im Bioladen und auch im Schützenverein.

Und dabei dürfen wir uns nicht in vermeintliche Diskussionen verwickeln lassen. Besorgt sein und menschenfeindliche Positionen vertreten sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Die Rechte holt die Leute nicht bei ihren Sorgen ab, sondern bei ihrem Hass und ihrem Gefühl von Machtlosigkeit sowie fehlender gesellschaftlicher Anerkennung. Sie empört sich über „die da oben“, schafft mit rassistischen Parolen den Sündenbock für die vermeintlich außer Kontrolle geratene Gesellschaft und bietet im Gegenzug die deutsche Identität als Möglichkeit an, sich nicht mehr wertlos zu fühlen. Es ergibt keinen Sinn, in dieser emotional aufgeladenen Gemengelage mit sauber recherchierten Statistiken und gewaltfreier Kommunikation um die Ecke zu kommen. Da lachen die Leute doch über, würde meine Oma jetzt sagen.

Hass ist keine Meinung

Abgesehen davon, trägt diese Art von Verständnis nur zur weiteren Verbreitung menschenfeindlicher Positionen bei, anstatt sich um einen Austausch von Argumenten zu bemühen. Durch kontinuierliche Tabubrüche und die medialen Reaktionen darauf schaffen es rechte Gruppen und Politiker_innen, menschenfeindliche Aussagen als etwas durchzusetzen, das doch „mal besprochen werden kann“. Das sieht man daran, wenn schon in der ZEIT ernsthaft unter dem Titel „Seenotrettung: Oder soll man es lassen?“ für und gegen das Ertrinkenlassen von Menschen diskutiert wird. Eine derartige Debatte wäre vor ein paar Jahren in einem Leitmedium, also in der Mitte der Gesellschaft, undenkbar gewesen.

Diese Verschiebung nach rechts wurde auch dadurch möglich, dass menschenfeindliche Einstellungen nicht konsequent als von vorneherein inakzeptabel ausgegrenzt wurden. Wir dürfen uns nicht vormachen lassen, dass es eine „Meinung“ sei, Ertrinkende mindestens in Kauf zu nehmen. Und deutliches Dagegenhalten bedeutet nicht, sich nicht mit anderen gesellschaftlichen Problemen zu befassen, wie etwa solchen, die z.B. durch den Sozialabbau, den wirtschaftlichen Neoliberalismus oder auch durch Migration und insbesondere den Umgang damit zustande kommen. Beides gehört aber nicht in einen Topf! Hass auf andere ist keine zulässige Haltung. Bei Hass und Vernichtungswünschen gibt es nichts mehr zu diskutieren. Da ist der Ofen aus. Und das müssen wir deutlicher sagen.

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