Twitter Icon Facebook Icon

„Völkermord verjährt nicht“

Von Lucca Pizzato / 25. März 2020
Credits: Bild von erinbetzk auf Pixabay;

Er ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Vereins Berlin Postkolonial: Mnyaka Sururu Mboro über Verantwortung, Anerkennung und die Aufarbeitung versteckter Kolonialgeschichte in der deutschen Hauptstadt

Warum die Vergangenheit des deutschen Kolonialismus auch heute noch eine Rolle spielen muss, darüber gibt das folgende Interview Aufschluss.

sagwas: Herr Mboro, Sie sind in Tansania geboren und aufgewachsen und leben seit bald 30 Jahren in Deutschland. Wie sind Sie hierher gekommen?

Mnyaka Sururu Mboro: Ich bin damals nach Deutschland gekommen, um mein Bauingenieursdiplom zu machen. Als klar war, dass ich nach Deutschland kann, sagte meine Oma zu mir, sie habe immer gewusst, dass der Kopf von Mangi Meli zurückgebracht würde. Mangi Meli hatte in meiner Geburtsstadt Moschi, im ehemaligen Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, als ein Anführer des Chagga-Volkes gegen die deutschen Kolonialherren rebelliert und wurde nach seiner Erhängung auch noch geköpft. Acht Jahre nach der Unabhängigkeit Tansanias…

Im Jahr 1969…

Genau, da wurden die ersten Stimmen seiner Nachfahren laut, die forderten, dass der Kopf zurückgegeben werden solle, damit er nach unseren Traditionen beerdigt werden könne. Das ist für uns sehr wichtig: Meine Oma sagte immer, wenn es geregnet hat oder bei klimatischen Veränderungen, das liege daran, dass Mangi Meli noch nicht rituell beerdigt wurde.

Sie sind als Mchagga-Lehrer und Aktivist bekannt. Was war die Motivation, den Verein Berlin Postkolonial zu gründen?

Im Jahr 2004 gab es in Berlin einen Trauermarsch zur Erinnerung an die Herero und Nama, die im Vernichtungskrieg in Deutsch-Südwestafrika 1904-1908umgekommen sind. Wir von der Tansania-Community haben daran aus Solidarität natürlich teilgenommen. Gleichzeitig haben wir aber gemerkt, dass die Kolonialkriege in Tansania, wie der Maji-Maji-Krieg 1905-1907, keinerlei Aufmerksamkeit bekamen, obwohl die Menschen dort auch als Zwangsarbeiter arbeiten mussten und wo ebenso furchtbare Verhältnisse herrschten. Deshalb haben wir 2007 nach dem letzten Trauermarsch Berlin Postkolonial gegründet, um unseren eigenen Forderungen systematisch Nachdruck zu verleihen.

Mnyaka Sururu Mboro empflieht die Umbenennung der Weddinger Petersallee. (Foto: Tahir Della)

Um welche Forderungen ging es dabei?

Zum einen wollen wir in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen mit der Kampagne „Völkermord verjährt nicht“ die Anerkennung der brutalen historischen Ereignisse als Völkermorde und eine offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung erreichen. Zum anderen geht es aber auch um die Rückgabe kolonialer Kulturgüter, die damals geplündert wurden oder Kriegsbeute waren. Unter diesen sind rituelle Objekte, wie zum Beispiel Throne von afrikanischen Fürsten. Diese werden in ethnologischen Museen im Keller gelagert, liegen dort einfach herum. Aber es geht auch um menschliche Gebeine, wie eben der Kopf von Mangi Meli.

Frankreichs Präsident Macron hat 2017 klar Position bezogen, als er die Kolonialverbrechen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete und versprach, eine Vielzahl kolonialer Gegenstände zurückzugeben. Wie kam die Rede bei Ihnen an?

Nachdem Macron in Burkina Faso diese Rede gehalten hatte, haben wir und andere Organisationen an die Bundeskanzlerin geschrieben und sie aufgefordert, es Macron gleichzutun. Mit Unterschriften von Professoren, Aktivisten, NGOs. Bis heute warten wir auf eine Antwort.

Als Kriegsgefangene versammelte Angehörige des südafrikanischen Hirtenvolks der Herero. (Bild: Bundesarchiv_Bild_146-2003-0005,_Deutsch-Südwest-Afrika,_Kriegsgefangene_Herero)

Mit der geplanten Eröffnung des Humboldt-Forums im September 2020 wird die Hoffnung verknüpft, dass neue Ergebnisse der sogenannten Provenienzforschung veröffentlicht werden. Steht das Forum mit Ihnen in Kontakt?

Nein. Als 2013 das Schloss wiederaufgebaut wurde, haben wir dagegen demonstriert und mit anderen NGOs die Kampagne „NoHumboldt21“ ins Leben gerufen. Im ersten Werbeheft des Forums ist das Wort Kolonialismus nicht einmal erwähnt! Erst nach viel Druck haben sie angefangen, den Begriff auch in Bezug auf das Forum zu benutzen.

Eine weitere Aufgabe, der sich Berlin Postkolonial widmet, ist die Umbenennung verschiedener Berliner Straßen. Was hat es mit diesen Straßennamen auf sich?

Wir wollen keine weitere Ehrung für koloniale Verbrechen. Hier im “Afrikanischen Viertel“ im Wedding gibt es noch immer Straßen, die nach den Gründern afrikanischer Kolonien benannt sind. Da gibt es die Lüderitzstraße, benannt nach Adolf Lüderitz, Mitgründer von Deutsch-Südwestafrika, heutiges Namibia. Oder hier direkt um die Ecke kommt man zur Petersallee. Carl Peters war Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, Ruanda und Burundi. Und dann gibt es noch die M-Straße [Mohrenstraße, Anm. d. Red.], die noch immer ihren rassistischen Namen tragen darf. Wir von Berlin Postkolonial fordern, dass diese Straßen umbenannt werden.

Das heißt, Sie hatten damit bislang keinen Erfolg?

2010 konnten wir durchsetzen, dass das Gröbenufer in Kreuzberg in May-Ayim-Ufer umgetauft wurde. Das ist aber bisher unser einziger Erfolg. Vorletztes Jahr im Herbst wurde bei einer Bezirksverordnetenversammlung in Wedding entschieden, dass die drei erwähnten Straßen im “Afrikanischen Viertel“ umbenannt werden. Dieser Bescheid liegt jetzt seit 2018 vor. Das Problem ist nur, dass die Anwohner leider größtenteils gegen das Vorhaben sind. Es kamen schon Menschen in unser Büro und haben uns beleidigt. Auch bei meinen Rundgängen, bei denen ich anhand der Straßenschilder über die koloniale Vergangenheit Deutschlands aufkläre, wurde ich von Leuten verbal attackiert. Neulich sogar mit Eiern beworfen! Aber ich sage immer, dass wir keine Angst vor diesen Leuten haben dürfen. Sonst machen sie nur weiter.

Was würden Sie sich für die Zukunft von Ihren Mitmenschen und der Regierung wünschen?

Es geht um den Umgang miteinander und um Respekt. Wenn ich dir eine Ohrfeige gegeben habe, muss ich mich entschuldigen. Erst dann können wir sehen, ob und wie wir uns versöhnen können. Was mich sehr stört und schmerzt, ist, dass uns nicht die Hand zur Versöhnung gereicht, sondern eigentlich nur weiter Salz in die Wunde gestreut wird. Die Wunden sind ja da. Was ist so schwer daran, sich zu entschuldigen? Liegt das daran, dass wir Schwarze sind? Bei den Weißen haben sie sich schließlich entschuldigt. Ich glaube, auch hier spielt Rassismus eine Rolle. Man muss nur auf den Umgang miteinander schauen: Wenn ihr euch nicht entschuldigen wollt, ok, dann lasst es. Aber so können wir auch nicht weiter über Versöhnung sprechen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ähnlicher Beitrag

Hintergrund

So viel mehr als Musik

Der größte Musikwettstreit des Kontinents, der Eurovision Song Contest, ist seiner ursprünglichen Bestimmung entwachsen. Er ist ein sensibles Barometer für den gesellschaftlichen Wandel in Europa …
Von / 21. Mai 2015

Neues Thema

Meist Kommentierter Artikel