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Was habt ihr nur mit diesem Sex?

Von Ohne Name / 12. Oktober 2018
Credits: Photo by Becca Tapert on Unsplash;

Sexualität gibt es in allen Ausprägungen. Was die einen scharf macht, lässt andere völlig kalt. Unserer Autorin geht es beim Thema Sex insgesamt so: Für den körperlichen Akt an sich interessiert sie sich nicht. Für die Liebe dagegen schon.

Ich bin 14 Jahre alt. Die Gespräche auf dem Pausenhof drehen sich in letzter Zeit immer häufiger um Jungs und darum, wer denn der heißeste Typin der angesagten Vorabendserie oder Boyband ist. Ich kann die Aufregung meiner Freundinnen nicht nachvollziehen. Heiß, sexy oder attraktiv? In solchen Kategorien denke ich nicht.

Bis vor einigen Jahren sorgte ich mich, dass mit mir etwas körperlich oder psychisch nicht stimmt. Ich habe einfach kein Verlangen nach Sex. Ich ging zu Ärzten, ließ meine Hormone checken, forschte nach möglicherweise verdrängten oder vergessenen traumatischen Erfahrungen in meiner Kindheit. Doch da war nichts. Schließlich stieß ich im Internet auf Informationen über Asexualität und las Erfahrungsberichte asexueller Menschen. Schließlich war ich erleichtert: Mit mir war alles in Ordnung. Etwa ein Prozent der Menschheit hat Schätzungen zufolge kein Interesse an sexueller Interaktion und fühlt sich von anderen Menschen sexuell nicht angezogen. Ich finde andere durchaus schön, aber das ist eine rein ästhetische Empfindung. So wie ich eben ein Gemälde oder eine Landschaft schön finde.

Ich bin 17 und habe zum ersten Mal Sex. Vielleicht gefällt es mir ja doch, wenn ich es erstmal ausprobiert habe, überlege ich. Hinterher die Ernüchterung: Das soll es jetzt gewesen sein? Darum machen alle so viel Aufhebens? Trotzdem werde ich in den nächsten Jahren und meinen nächsten beiden Beziehungen immer wieder Sex haben. Lange traue ich mich nicht, meinen Partnern zu offenbaren, dass Sex mich einfach nicht interessiert.

Asexualität ist keine Störung oder Krankheit, insofern sie bei den Betroffenen nicht unmittelbar einen Leidensdruck erzeugt. Dass ich kein sexuelles Verlangen habe, störte mich zunächst überhaupt nicht. Ich kannte es ja nicht anders. Das änderte sich schlagartig, als ich zum ersten Mal verliebt war und begriff, welch großen Stellenwert Sex für meinen damaligen Freund in unserer Beziehung hatte. Die meisten Menschen können sich eine romantische Partnerschaft ohne Sex wohl nicht vorstellen. Als asexuelle Freundin fühle ich mich oft unzulänglich, egoistisch und auch Schuld daran, dass mein Partner eines seiner grundlegenden Bedürfnisse nicht ausreichend ausleben kann.

Ich bin 20 und auf einer WG-Party. Das ein oder andere Bier ist schon geleert, die Gäste werden lockerer. Die Gespräche in der Runde auf dem Balkon drehen sich plötzlich um bevorzugte Sexstellungen, eine Kommilitonin gibt Verführungstipps zum Besten, die sie aus einer Frauenzeitschrift hat. Ich verziehe mich nach drinnen und schaue mir lieber die Musiksammlung des Gastgebers an. Auf einmal fühle ich mich sehr allein.

Mein fehlendes Interesse an Sex ist für mich völlig normal, doch mir wird im Alltag ständig etwas anderes vermittelt. Werbung, Filme, Bücher, Musik, Zeitschriften, das Internet – alles ist voll von Sex! Überall empfange ich bewusst oder unbewusst Botschaften darüber, wie ich zu sein habe: sexy, abenteuerlustig, experimentierfreudig, allzeit bereit. Als moderne Frau soll ich meine Sexualität selbstbewusst leben und meine sexuellen Bedürfnisse kommunizieren. Was aber, wenn ich diese Bedürfnisse gar nicht habe? Wenn ich das kontinuierliche gesellschaftliche Rauschen zum Thema Sex nicht nachvollziehen kann? Oft fühle ich mich so, als ob alle Welt ein Spiel spielt, dessen Regeln ich nicht verstehe.

Einsam, unverstanden, ausgegrenzt. Diese psychologischen Folgen von Asexualität beschreibt auch Professor Volkmar Sigusch, emeritierter Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft am Frankfurter Universitätsklinikum: „Asexuelle Menschen fühlen sich von unserer übersexualisierten Gesellschaft ignoriert, missachtet, ja sogar pathologisiert, also als impotent, krank und gestört angesehen.“

Ich verstehe die Regeln dieses Spiels nicht

Ich bin 26 und auf dem Christopher Street Day in Köln unterwegs. Obwohl einige andere asexuelle Menschen gekommen sind, die T-Shirts oder Plakate mit Aufschriften wie „A-Team“ tragen, fühle ich mich nicht zugehörig. Neben mir tanzen fast nackte Menschen eng umschlungen zu Technomusik. Die offensive Zurschaustellung von Sexualität und sexueller Begierde in der LGBTIQ-Community befremdet mich. Schon nach einer Stunde gehe ich nach Hause, bevor die Party überhaupt richtig begonnen hat.

Während von der gesellschaftlichen Norm abweichende sexuelle Orientierungen wie Homosexualität mittlerweile glücklicherweise von vielen Menschen akzeptiert werden, sind die Reaktionen beim Thema Asexualität meist von Verständnislosigkeit geprägt. Das Vorurteil, dass es sich dabei um eine Störung handle, hält sich hartnäckig. „Geh doch mal zum Arzt, normal ist das ja nicht“ oder „Du hast einfach noch nicht den Richtigen gefunden“ sind zwei der häufigsten (und harmloseren) Sprüche, die mir auch und gerade innerhalb der queeren Bewegung begegnet sind. Mittlerweile vertraue ich meine Asexualität niemandem mehr an – es sei denn, ich möchte eine Beziehung.

Ich bin 29. Mein Freund, mit dem ich seit über drei Jahren zusammen bin, ist der erste Partner, dem ich die Wahrheit gesagt habe. Am Anfang kam er gut damit zurecht. In letzter Zeit streiten wir uns häufig über Sex und unsere unterschiedlichen Bedürfnisse. Das Thema ist zur Zerreißprobe für unsere Beziehung geworden.

Wie die meisten wünsche ich mir eine erfüllte Partnerschaft. Ich genieße es, mit einem anderen Menschen vertraut zu sein. Ich habe Schmetterlinge im Bauch. Auch körperliche Nähe, beispielsweise Umarmungen, mag ich. Es erregt mich nur eben nicht. Der Impuls, dem anderen die Kleider vom Leib zu reißen und sich schwitzend zwischen den Laken zu wälzen, ist mir völlig unbekannt. Es ist nicht so, dass ich mich vor Sex ekeln würde. Ich sehe für mich nur keinen Grund, ihn zu haben. Ich habe kein Bedürfnis nach Sex, es macht mir keinen Spaß, es ist anstrengend – warum sollte ich so etwas tun? Sex steht für mich etwa auf derselben Stufe mit Tätigkeiten wie Wäschewaschen oder den Müll rausbringen. Es ist nicht schlimm, aber auch nicht aufregend, eher lästig. Die meiste Zeit denke ich einfach nicht darüber nach.

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