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Wenn es Zeit wird für den Reset-Button

Von Margit Roth / 12. Januar 2022
picture alliance / Sergey Nivens/Shotshop | Sergey Nivens

Mit Mitte 80 noch einmal von vorne anfangen. Warum gehen Menschen das Wagnis eines kompletten Neustarts ein? Im Interview erzählt einer davon, wie sich das anfühlt, ein neues Leben zu beginnen.

In eine neue Stadt ziehen. Ein fremdes Bett, ein fremder Schrank. Das erste Mal allein U-Bahn fahren, alleine Essen gehen. Was wie die To-Do-Liste eines Studierenden klingt, beschäftigt durch die steigende Lebenserwartung bei guter Gesundheit zunehmend auch Menschen über 80 Jahre.

Der letzte Umzug in ein Seniorenheim bedeutet heute nicht mehr ein Warten auf den Tod, sondern kann eine bewusste, selbstbestimmte Entscheidung für einen neuen Lebensabschnitt sein: mit neuen sozialen Begegnungen und urbanen Herausforderungen. Mein Schwiegervater Heinrich, 84 Jahre alt, hat diesen Schritt gewagt.

Sagwas: Es ist jetzt genau ein Jahr her, dass Du Dich entschieden hast, nach München zu ziehen. Wie kam es dazu?

Heinrich S.: Meine Frau war im April 2020 verstorben. Ich saß alleine in unserem alten Haus in Memmingen. Körperlich und geistig bin ich zwar fit, von Haushalt hatte ich aber keine Ahnung. Meine Dori hat mir im letzten halben Jahr vor ihrem Tod vieles beigebracht. Es war klar, dass sie den Krebs nicht überleben wird und ich mich alleine zurechtfinden muss.

Was war Deine größte Sorge?

Dass ich im Haus die Treppen runterfalle und es Tage dauert, bis mich jemand findet. Meine Kinder wohnen in München. Über hundert Kilometer entfernt. Ich hatte mich nach dem Tod meiner Frau sehr zurückgezogen, sodass mich meine Nachbarn oder Bekannten sicher nicht gleich vermisst hätten. Mit meinen Kindern telefonierte ich zwar regelmäßig, aber auch nicht jeden Tag.

Warum hast Du Dich entschlossen, woanders neu anzufangen?

In der Münchner Straßenzeitung BISS war ein Artikel, der mich sehr neugierig gemacht hat. In dem Interview erzählen drei Frauen davon, dass sie zwar in einem Seniorenheim leben, aber dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen. Bis dahin bin ich immer davon ausgegangen, dass ein Seniorenheim das Ende ist und es nur noch um Pflege auf den letzten Metern geht. Ich begann darüber nachzudenken, ob es für mich eine Option wäre, in die Nähe meiner Kinder zu ziehen und dennoch ein eigenes Leben zu führen. Eine Art betreutes Wohnen mit allen Freiheiten. Ganz bei ihnen zu wohnen und ihnen zur Last zu fallen, wäre für mich nicht in Frage gekommen.

Du hast dann Kontakt zu den Frauen aus dem Artikel aufgenommen. Warum?

Sie direkt zu kontaktieren, hätte ich mich nicht getraut. Bei einem Besuch erzählte ich meiner Tochter von meinen Gedanken. Der Zufall wollte es, dass sie mit einer Frau befreundet ist, die mit den Protagonistinnen schon beruflich zu tun hatte. Sie organisierte ein Treffen, und bei Kaffee und Kuchen konnte ich meine Zweifel formulieren und alles fragen, was mich beschäftigt hat. Die Damen ermunterten mich, trotz Corona einen Besichtigungstermin im Seniorenheim zu vereinbaren und mir selbst ein Bild zu machen. Beim Gespräch mit der Verwaltungsleiterin ein paar Wochen später hieß es, dass es ein Jahr oder länger dauern kann, bis ein Apartment frei wird. Ich dachte, ich hätte also noch viel Zeit mir über meinen Umzug Gedanken zu machen.

Ganz bei meinen Kindern zu wohnen und ihnen zur Last zu fallen, wäre für mich nicht in Frage gekommen.

Heinrich S.

Aus einem Jahr wurde plötzlich ein Monat. Wie war das für Dich?

Der Anruf kam völlig unerwartet. Im Januar klingelt das Telefon und man teilte mir mit, dass ich in sechs Wochen einziehen könne. Der Besichtigungstermin der Wohnung sei in ein paar Tagen.

Was hast Du gedacht, als Du das erste Mal in Deiner neuen Wohnung standst?

Ich bin ziemlich erschrocken. In meinem ganzen bisherigen Leben war ich noch nie in eine leere Wohnung gezogen. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich da leben soll. Bis zu meiner Hochzeit habe ich bei meinen Eltern gewohnt, anschließend im Elternhaus meiner Frau.

Hast Du mit dem Gedanken gespielt, es doch sein zu lassen?

Nein, ich hatte gar keine Zeit, alles noch einmal grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Ereignisse überschlugen sich, ich musste mich um so viel kümmern. Arztbesuche, Versicherungen kündigen, Sachen packen.

Vom eigenen Haus in ein Einzimmer-Apartment – eine ziemlich drastische Veränderung. Du musstest Dich schnell entscheiden, was Du mitnehmen willst und was zurücklassen. Fiel Dir das schwer?

Ich wollte unter mein bisheriges Leben einen Schlussstrich ziehen. Ich dachte, wenn ich mir ein neues Bett, einen neuen Schrank, Schreibtisch und Esstisch kaufe, würde das Heimweh geringer werden. Außerdem hatten wir viele Jahre keine neuen Möbel mehr gekauft, weil wir dachten, dass sich das in unserem Alter nicht mehr rentieren würde.

Vermisst Du inzwischen ein paar Dinge?

Besonders bei den Büchern ärgere ich mich sehr, dass ich nicht mehr mitgenommen habe.

Du kamst während des Lockdowns in das Seniorenheim nach München. Hat das den Neuanfang erschwert oder vielleicht sogar erleichtert?

Wegen Corona hatten im Restaurant des Seniorenheims alle Bewohner und Bewohnerinnen einen festen Platz und eine feste Tischnachbarin. Für mich hat das den Neuanfang insofern erleichtert, weil ich von Anfang an einmal am Tag einen festen Termin und eine Gesprächspartnerin hatte. Bei uns daheim war es immer meine Frau, die sich um soziale Kontakte gekümmert hat. Ich musste es nach ihrem Tod erst mühsam lernen, auf Menschen zuzugehen. Neu sind für mich auch die Netzwerke und Unterstützungsangebote die es hier gibt. Besonders die Frauen sind sehr integrativ.

Ich wollte unter mein bisheriges Leben einen Schlussstrich ziehen. 

Heinrich S.

In Memmingen hattest Du ein Auto, hier fährst Du U- und S-Bahn. Warum?

Autofahren würde ich mich in München nicht trauen. Meine Tochter hat mir ein Ticketabo für den Nahverkehr geschenkt und ist ein paar Mal mit mir durch die Stadt gefahren, um mir alles zu erklären. Mittlerweile suche ich mir die Verbindungen im Internet raus und kann mich sehr unabhängig bewegen.

Du sagst von Dir selbst, dass Du ein eher zurückgezogener Mensch bist. Wie kommt so jemand auf Dauer in einer neuen Stadt zurecht, in einer fremden Wohnumgebung?

Ich gehe sehr viel spazieren. Im Seniorenheim höre ich mir Vorträge an, gehe schwimmen und besuche einen Sportkurs. Ich lebe absolut autonom, was aber auch bedeutet, dass ich mich selbst organisieren und ständig entscheiden muss, was ich tun oder lassen will. Die alten Routinen gibt es nicht mehr. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass ich mich nach jedem neuen ‚Abenteuer‘ erst einmal ein paar Tage erholen muss.

Zieht es Dich trotzdem noch in Dein altes Leben zurück?

Seit meinem Auszug war ich nicht mehr bei meinem alten Haus. Ab und zu fahre ich mit dem Zug nach Memmingen und gehe ans Grab. Von unserem Freundeskreis lebt kaum mehr einer. Die Freundinnen meiner verstorbenen Frau rufen mich manchmal an und erkundigen sich, wie es mir geht. Ich glaube, sie dachten, ich wäre von meinen Kindern ins Heim abgeschoben worden. Wenn sie hören, was ich alles Neues erlebe, sind sie sehr verwundert.

Welche Bilanz ziehst Du nach einem Jahr München? Hast du irgendwelche Pläne?

Es war sicherlich die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Aber einfach einen Schlussstrich zu ziehen und alles Vergangene zurückzulassen, funktioniert leider nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Nach einem Jahr ist nicht mehr alles neu und aufregend. Jetzt, wo schon einiges zur Routine geworden ist, bleibt mehr Zeit zum Nachdenken. Ich hätte niemals gedacht, dass ich in meinem Leben noch so viel Spannendes entdecken werde. Es gibt aber auch Stunden, in denen mir bewusst wird, was ich alles aufgegeben habe. Ob ich noch einmal verreisen werde, weiß ich nicht. Da hat ein Neustart in meinem Alter doch auch Grenzen. Das Programm der neuen Konzerthalle in München habe ich mir aber schon ausgedruckt und den Weg dorthin angeschaut.

Eine Antwort zu “Wenn es Zeit wird für den Reset-Button”

  1. Von Rita Seitz am 2. Februar 2022

    Ich bin sehr berührt von dem Artikel. Veränderungen im Leben älterer Menschen sind noch wenig beforscht und kommuniziert. Das Sichtbar-Machen und die Reflexion von Veränderungsprozessen im Alter erscheinen mir wichtig, um die gesellschaftlichen Diskurse anzuregen und die Lebenswelten älterer Menschen zu gestalten. Ich hoffe, dass viele ältere Menschen sich in dieser Debatte zu Wort melden oder sich inspirieren lassen, das eigene Alter als spannenden Schritt im Leben anzugehen. Ich wünsche Herrn Heinrich, dass er auch mit 85 tolle Abenteuer erlebt!

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