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Wir brauchen mehr Penicillin

Von Tom Albiez / 21. September 2022
picture alliance / Westend61 | Mar

Etliche Erfindungen und zahlreiche Unternehmen würden heute nicht existieren, hätte es nicht irgendwann eine Akzeptanz für ein Scheitern gegeben. Dennoch dominieren hierzulande Angst und Schuldzuweisungen, wenn Fehler passieren. Dabei können wir insbesondere von wagemutigen Startups lernen.

Am 28. September 1928 kehrt der Arzt Alexander Fleming aus seinem Urlaub zurück. In seinem Labor in einem Londoner Krankenhaus macht er eine wundersame Beobachtung. In einer nicht entsorgten Petrischale mit Bakterien hatte sich ein Schimmelpilz gebildet. Doch rings um diesen Schimmelpilz herum waren keine Bakterien mehr zu erkennen. Diese zufällige Entdeckung sollte die Medizinwelt revolutionieren, denn sie legte den Grundstein für ein weltbekanntes Antibiotikum: Penicillin.

Dass Fehler fruchtbar sein können, ist wohl nirgends so sehr Common Sense wie in der Startup-Szene in der Metropolregion des Silicon Valley. Dort, wo Facebook, Google und Apple ihren Sitz haben, sind die sogenannten „FailCons“ entstanden – Konferenzen, auf denen Entrepreneure und Entrepreneurinnen von ihren größten “Fails“ berichten, also von ihren unternehmerischen “Babys“, die am Markt nicht überleben konnten. Aus Fehlern lernen, sich auf Fehler einzustellen und sich im Umgang mit der Scham über das missglückte Vorhaben zu wappnen, ist das ausgewiesene Ziel dieser seit 2009 stattfindenden Veranstaltung.

Die Verortung des Events ist kein Zufall: Dass Scheitern und erfolgreiches Unternehmertum kein Widerspruch sind, zeigen US-amerikanische Gründerikonen. Egal, ob Steve Jobs, der seinen Job bei Apple verlor, bevor er wieder zum Unternehmen fand, Bill Gates, der vor dem Aufbau von Microsoft mit einer Statistikfirma eine Bruchlandung hinlegte, oder Elon Musk, dessen Firmen SpaceX und Tesla am Bankrott vorbeischlitterten: In den USA gilt “trial and error“ als absolut legitim, wenn nicht sogar als notwendig fürs Vorankommen.

Fehlertoleranz: Deutschland auf dem vorletzten Platz

Auch in Deutschland tut sich etwas in Sachen Fehlerkultur. Immerhin haben es die Konferenzformate der Fuckups und FailCons über den Atlantik hierhergeschafft. Auf dem Businessnetzwerk LinkedIn ist es salonfähig geworden, Posts über die eigenen Fehler zu teilen. Allerdings beschränkt sich das Phänomen auf eine Nische, vorrangig im Kreise von Jungunternehmen. Dabei haben es wir Deutschen bitter nötig, dass auch im Rest der Gesellschaft umgedacht wird.

Prof. Michael Frese, Wirtschaftspsychologe an der Leuphana Universität Lüneburg, hat die Fehlerkultur in 61 Ländern der Welt untersucht. Dabei landete Deutschland 2019 auf dem 60. Platz vor Schlusslicht Singapur. Der Wissenschaftler, der sich auch mit Fehlermanagementtrainings beschäftigt, stellt Führungskräften gerne die Frage nach eigenen Patzern. Dabei beobachte er immer wieder, dass deutsche Manager und Managerinnen dazu neigten, zu erzählen, wie sie anderen Personen fälschlicherweise vertraut hätten. Hingegen tendierten ihre Kollegen und Kolleginnen aus dem angloamerikanischen Raum dazu, sich vorrangig die eigenen Fehler offen einzugestehen.

Der hohe Preis einer Schuldkultur

In Deutschland werden Fehler und Misserfolg als Niederlagen gewertet und sind primär negativ besetzt, wodurch laut Prof. Frese in hiesigen Unternehmen die Fehlerignoranz einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Kehrseite ist ein Hang zur unternehmerischen Schuldkultur mit fatalen Folgen. Die deutsche Industriegeschichte verzeichnet einige Skandale von Großkonzernen, deren Ursache sich, vereinfacht gesagt, so darstellt: Versagen? Irrtümer? Gibt es bei uns nicht! Für diese Haltung war man paradoxerweise bereit, große Schäden in Kauf zu nehmen, anstatt kreative Lösungswege zu suchen.

Aber nicht nur Privatunternehmen, sondern auch die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft leidet unter einer negativen Fehlerkultur. Die deutsche Gründungsquote liegt mit 6,9 Prozent weit unter derjenigen der USA mit 16,5 Prozent. Zu groß die Angst vor dem persönlichen Scheitern. Die Anzahl neugegründeter Startups in Deutschland ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sogar um sieben Prozentpunkte von 1.618 auf 1.508 zurückgegangen. So verwundert es kaum, dass neue große und erfolgreiche Unternehmen keinen deutschen Ursprung haben und dass Deutschland abseits vom baden-württembergischen SAP keinen bedeutenden Softwarekonzern vorweisen kann.

Trends folgen, statt tradiertes Denken hochzuhalten

Es sind Schlüsselindustrien, deren Anfänge hundert Jahre zurückreichen, die den Wohlstand in der Bundesrepublik sichern: Maschinenbau, Automobil- und Chemieindustrie. Aber wäre es nicht erstrebenswert, wenn das nächste Google aus Deutschland beziehungsweise Europa käme?

In der Medizin, in der Fehler besonders schwerwiegende Folgen haben können, hat sich neben der wissenschaftlichen Qualitätssicherung durch Peer Review-Verfahren ein Reportsystem etabliert: In Krankenhäusern können Fehler anonym gemeldet werden. Der Sinn dahinter? Es geht nicht darum, eine “schuldige“ Person zu finden, sondern den Fehler zukünftig zu vermeiden.

Die deutsche unternehmerische Fehlerkultur basiert noch zu sehr auf tradiertem Denken. Fehler sind unerwünscht, tabu. Eine “neue“ Fehlerkultur anzustreben heißt, mutig Fehler zuzugeben und eine konstruktive Kommunikationsweise zu fördern, um Kritik zuzulassen.

In der Startup-Szene lässt sich der Wandel bereits beobachten. Der trendige Slogan „fail fast, recover soon“ ist längst zur einschlägigen Maxime geworden. Dazu muss verinnerlicht werden, dass aus Fehlern im besten Fall neues Wissen entsteht. Denn wie heißt es so schön: Aus Fehlern lernt man! Hoffentlich.

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