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Zombiekapitalismus

Von Marc Saxer / 19. März 2013

Auf Trent de Jongs Zombie Blog (http://trentdejong.com) wimmelt es nur so von Vampiren, Werwölfen und Untoten. Die Monster saugen hier aber kein Blut und fressen keine Hirne. Ganz im Gegenteil: Der Autor legt uns selber auf seine Couch. Alle Großen des Monster Dekonstruktivismus (jawohl, so etwas gibt es) kommen hier zu Wort, um zu klären […]

Auf Trent de Jongs Zombie Blog (http://trentdejong.com) wimmelt es nur so von Vampiren, Werwölfen und Untoten. Die Monster saugen hier aber kein Blut und fressen keine Hirne. Ganz im Gegenteil: Der Autor legt uns selber auf seine Couch. Alle Großen des Monster Dekonstruktivismus (jawohl, so etwas gibt es) kommen hier zu Wort, um zu klären welche Funktion Monster für uns haben. Nicht umsonst waren die Mythen und Legenden aller Völker zu allen Zeiten von Untoten, Übermenschen und Halbwesen bevölkert. Im Kern geht es um das menschliche Bedürfnis, die eigene Identität in Abgrenzung zum „Anderen“ zu definieren. Erst die Unmenschen erlauben es uns, das Menschliche in uns zu erkennen. Im Gegensatz zum Tier sind die Monster allerdings Halbwesen, die immer einen Teil Menschliches in sich tragen. Frankenstein ist noch nicht, der Werwolf nur manchmal, die Zombies nicht mehr Mensch. Wir erkennen uns in diesen Spiegeln und erschrecken. Es ist exakt diese Verwischung der Grenzen zwischen Mensch und Bestie, zwischen Leben und Tod, zwischen Individuum und Massen, zwischen Selbst und Anderen, zwischen Körper und Technik, die das Schaudern ausmacht. Die Terminatoren, Aliens und Vampire Hollywoods spielen mit dieser Ambivalenz und provozieren in Super 3D unsere ältesten Urängste.

Soweit, so amüsant. Man könnte den alten Monster ein neues Leben in der Popkultur wünschen und sich anderem zuwenden, wäre da nicht die Frage, worum einige von ihnen plötzlich zu, naja, Popstars aufsteigen. Begonnen hat alles mit den Aliens, die nach Jahrzehnten als skurile Spinnerobsession den X Akten entstiegen und gleich hordenweise unsere Heimat Erde angriffen. Die irrationale Furcht vor Außerirdischen, Fremden, Andersartigen, Aus-ländern verweist auf die Krise der eigenen Identität. In Kombination mit den Weltuntergangsphantasien um die Jahrtausendwende hatte diese Krise etwas Paranoides. In dutzenden von Filmen wurden wieder und wieder die Symbole des Kapitalismus und Amerikas – die Zwillingstürme, das Weiße Haus – zerstört. Nur ein Jahr später machte eine Gruppe von Anti-Amerikanern, Anti-Modernen, Anti-Christen aus den Fieberträumen grausame Wirklichkeit. Und die Amerikaner jagten Monster in den Höhlen von Tora Bora und im Sand des uralten Zweistromlandes.

Als nächste wurden die Vampire aus ihren Särgen geholt. Vampire waren immer Symbole sexueller Leidenschaft. Und doch lässt sich auch hier eine deutliche Bedeutungsverschiebung beobachten. Die alten Draculas waren konservative Monster, die sexuelle Sittlichkeit anmahnten: Gibt Dich Deiner Leidenschaft nur ein einziges Mal hin, und sei in alle Ewigkeit verbannt. Die neuen Vampire sind Sexsymbole, libertäre Casanovas, sexuelle Rebellen. Spiegelt sich darin die Emanzipation der weiblichen Sexualität? Oder die wachsende Akzeptanz von Queer Identities?

Der Vampirkult ist also ein Signifikant, ein Marker eines sozio-kulturellen Umbruchs. Gesellschaftliche Transformation und der damit verbundene Kulturwandel vollziehen sich oft schleichend und für den oberflächlichen Betrachter unbemerkt. Oft werden die Umwälzungen erst mit dem Abstand von Jahrzehnten sichtbar. Mitten im Getümmel lässt sich aber nur schwer in Worte fassen, was genau sich verändert. Popphänomene weisen daher immer über sich hinaus. Sie sind Symbole für schwer zu Benennendes, sie machen komplexe Fragen emotional erfahrbar und berühren genau deswegen plötzlich Millionen von Menschen. Im Zeitalter der sozialen Medien verbreiten sich solche intuitiven Aussagen über alle Kultur- und Sprachgrenzen hinweg in Windeseile um die Welt.

Womit wir bei den Zombies wären. Warum wanken auf einmal Untote durch hunderte von Filmen, Fernsehserien, Werbeclips und Videospiele? Wofür steht der Zombie, und warum ist er plötzlich so populär? Zunächst die Fakten. Bei einer Umfrage zur wahrscheinlichsten Form des Weltuntergangs nannten die Befragten die Zombie-Apokalypse an dritter Stelle. Mehr als die Hälfte aller Zombiefilme wurden nach der Jahrtausendwende gedreht. Mein Bauchgefühl sagt mir allerdings, dass die Zombie-Invasion zu einem anderen Datum begann: am 15. September 2008, dem Zusammenbruch der Lehman Brothers. Die Untoten symbolisieren das, was Colin Crouch das „befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ genannt hat. Der globale Finanzkapitalismus ist klinisch tot, doch wir erhalten ihn mit künstlicher Beatmung weiter am Leben. Erinnern die Finanzmarktanalysten, Wirtschaftsexperten und Rettungsschirmspanner nicht an die bleichen Untoten, die grunzend ihren sinnentleerten Routinen folgen? Und ernähren wir nicht längst Zombiebanken und untote Unternehmen am staatlichen Tropf? Ist nicht die ganze Finanzkrise eine Farce, ein geschmackloses Remake der Great Depression von 1929? Erinnert vielleicht daher die Atmosphäre an einen Zombiefilm: der Einbruch der Katastrophe in unser alltägliches Leben, die immer neuen Schocks, und die Absurdität der ganzen Szenerie? Und dennoch, Zombies sind nicht nur komisch, sondern zum Fürchten. Lässt man sie zu nahe an sich heran, fressen sie Hirn und Herz, und man wird selber Teil der hirnlosen Masse. Wobei es nicht ohne Ironie ist, dass die hirnlose Zombiehorde die Urangst der Liberalen verkörpert: der Tod des Individuums in der Masse.

Wir wissen insgeheim alle, dass der Finanzkapitalismus nicht mehr lebendig werden kann. Und doch hoffen wir weiter, dass ein Wunder geschieht und die Untoten auferstehen. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir uns die Wahrheit eingestehen, dass man Tote ruhen lassen muss. Bis dahin führen uns die Zombies weiter vor, was wir in der Realität nicht wahrhaben wollen.

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