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Zwischen Euphorie und Ablehnung

Von Judith Dauwalter / 30. Juni 2016
Credits: Till Krech/ flickr; Lizenz CC BY-SA 2.0

Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Applaus für ankommende Flüchtlinge und erfolgreiche rechtspopulistische Parteien: Das Thema Flüchtlinge löst viele konträre Reaktionen aus. Auch die allgemeine Stimmung hat sich verändert.

Die Bilder der ersten Septemberwochen 2015 auf dem Münchener Hauptbahnhof sind vielen noch im Gedächtnis, als tausende Flüchtlinge Tag für Tag ankamen und herzlich begrüßt wurden. Sie machen noch immer Gänsehaut: Applaus und „Welcome“-Rufe, tausende Helfer, tonnenweise Spenden. Der Begriff „Willkommenskultur“ war geboren, Angela Merkels „Wir schaffen das“ stammt aus jenen Tagen.

Schmuddeliges Bild“ bereinigen

Vaniessa Rashid war vom ersten Tag an vor Ort, sie hat die Flüchtlingshilfe dort initiiert. „Das war eine echte Ausnahmesituation. Schon nach unserem ersten Aufruf kamen hunderte Helfer, einfach toll“, erinnert sich die 24 Jahre alte Politikstudentin. Von der Großmutter bis zum Kleinkind, vom Student zum Arbeitslosen, vom Anzugträger bis zum Antifa-Aktivist: Vereint hat sie alle der spontane Wille zu helfen.

Vaniessa Rashid I
Vaniessa Rashid, Flüchtlingshelferin der ersten Stunde, kriegt heute noch eine Gänsehaut, wenn sie an die ersten Septemberwochen 2015 am Münchner Hauptbahnhof denkt. (Foto: Privat)

Diese Euphorie, die im vergangenen Herbst von München aus in die gesamte Republik und die ganze Welt strahlte, wurde außerdem durch einen weiteren Gedanken beflügelt, meint Boris Nieswand, Soziologieprofessor an der Universität Tübingen. „Es war die Gelegenheit, statt dem schmuddeligen Bild der Holocaustschuld und des Spießertums das Bild eines weltoffenen, jungen, menschenrechtsorientierten Deutschland in die Welt zu transportieren.“ Nieswand beschäftigt sich als Mitglied des interdisziplinären Netzwerks „Grundlagen der Flüchtlingsforschung“ mit dem soziologischen Aspekt von Migration.

Dieses schmuddelige Bild, von dem Nieswand spricht, bekam 2015 weitere, unschöne Farben, beispielsweise tausende Menschen, die bei Demonstrationen fremdenfeindliche Parolen riefen oder brennende Flüchtlingsheime. Im Jahr 2015 wurden fünfmal so viele Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte begangen wie noch 2014.

Ist das Engagement für die Geflüchteten eine Art „bereinigende Geste“, wie Forscher Nieswand vermutet? Zumindest ergab eine repräsentative Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland, dass sich im vergangenen Jahr jeder zehnte Deutsche für Geflüchtete engagiert hat. So viele Menschen sind nicht einmal in Sportvereinen ehrenamtlich aktiv, dem sonst beliebtesten Freiwilligenbereich in der Republik.

Köln als Wendepunkt

Aus der Spontanhilfe am Münchner Hauptbahnhof – wie auch immer sie beim Einzelnen motiviert war – seien organisierte Strukturen erwachsen, berichtet Vaniessa Rashid. Die Helfer von damals geben heute Sprachunterricht in der Unterkunft im Vorort, sind noch immer befreundet mit den Geflüchteten vom Hautbahnhof. Eine Community von 40.000 Menschen ist entstanden, die online verbunden sind und die Freiwillige andernorts beraten. „Die Helfer sind alle noch da“, sagt Rashid.

Doch auch sie spüren, dass die große Euphorie vorbei ist. Nicht nur, weil Behörden überfordert sind und europäische Grenzen geschlossen wurden. Als Wendepunkt hätten viele Flüchtlingshelfer die Ereignisse an einem anderen deutschen Hauptbahnhof erlebt, erzählt Rashid: die Silvesternacht 2015 in Köln, als wohl mehr als 600 Frauen sexuell belästigt wurden. Unter den Tätern waren mutmaßlich zahlreiche Asylbewerber. Die Skepsis oder gar Angst vor neuen Unterkünften sei seitdem gewachsen bei Anwohnern, sagen die Helfer.

Auch Forscher Nieswand bezeichnet die Kölner Silvesternacht als einen „turning point“ in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Von „ernstzunehmenden Ängsten“ in der Bevölkerung zu sprechen, hält er für zu harmlos. Gerade die Politik mache zunehmend von einer „Bedrohungskommunikation“ Gebrauch. Mit dem Schreckensbild Zuwanderung errang die AfD bei drei Landtagswahlen im Frühjahr 2016 auf Anhieb zweistellige Ergebnisse.

Frage nach dem Nationalstaat

Österreich ist nur knapp an einem rechtspopulistischen Präsidenten vorbeigeschrammt. Die Briten haben beschlossen, aus der Europäischen Union auszutreten. Diese Liste ließe sich europaweit fortführen und ist überall eng verbunden mit negativen Einstellungen gegenüber Geflüchteten.

„Wir stehen an einem Scheideweg, die Bevölkerung ist massiv gespalten“, sagt Nieswand. Im Wesentlichen gehe es um die Frage nach der Zukunft des Nationalstaates, ein Konstrukt, das eigentlich nicht mehr zeitgemäß sei in Zeiten der Globalisierung und bei länderübergreifenden Problemen. Das Bild des Nationalstaats erkläre die Ablehnung von Fremdem und den Anspruch, vom eigenen Staat bevorzugt geschützt und versorgt zu werden.

Auch wirtschaftlicher Neid spielt eine Rolle, wenn sich die Stimmung gegenüber Geflüchteten verschlechtert. Das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat ergeben, dass zwischen dem Frühjahr 2015 und dem Frühjahr 2016 die Sorge in der Bevölkerung zugenommen hat, dass Flüchtlinge eine Bedrohung für den deutschen Wohlstand darstellen könnten.

Dabei sei eine moderne Einwanderungsgesellschaft, der die Gesellschaft positiv gegenüber steht, allein aus demographischer Hinsicht notwendig, so Migrationsforscher Nieswand. Auch und gerade, um den Wohlstand erhalten zu können.

EKD-Studie (Pressemitteilung, Studie selbst auf der Seite verlinkt): https://www.ekd.de/presse/pm250_2015_hilfsbereitschaft_ungebrochen.html

SVR-Integrationsbarometer: http://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2016/04/SVR_JG_2016-mit-Integrationsbarometer_WEB.pdf

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