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Zwischen Region und Nation: Die neue polnische Geschichtspolitik

Von Vasco Kretschmann / 9. Juni 2016
Credits: Maciek Lulko/ flickr; Lizenz CC BY-NC 2.0

Die Deutung der Vergangenheit ist ein heißes Pflaster. Seitdem die neue polnische Regierung auf eine national-patriotische Geschichtspolitik setzt, stehen die Ansätze vieler Regionalmuseen in Polen in Frage.

Ein Blick auf die polnische Presselandschaft macht deutlich: Die Bedeutung der Landesgeschichte im politischen Tagesgeschäft ist in Polen ungleich größer als in vielen westeuropäischen Staaten. Nicht nur das traumatische Erlebnis der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg wird bis heute lebendig diskutiert. Auch die kommunistische Zeit als Teil des sowjetischen Machtbereichs bietet heute noch reichlich Stoff für parteipolitische und gesellschaftliche Debatten. An der Interpretation der Vergangenheit machen sich unterschiedliche politische Lager fest, in die sich auch der große Markt populärhistorischer polnischer Zeitschriften unterteilen lässt.

Spätestens seit dem Antritt der neuen nationalkonservativen Regierung unter Beata Szydło (Partei Recht und Gerechtigkeit, PiS) im November 2015 ist die umstrittene Geschichte Polens als Feld staatlicher Machtpolitik wieder in die breite Öffentlichkeit gerückt.

Die unvermittelte Ankündigung des Umbaus des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs wird seit Mitte April in den europäischen Feuilletons diskutiert. Das Konzept des noch nicht eröffneten Museums, das polnische Schicksal während des Krieges im Kontext weltweiter Kriegsschauplätze zu zeigen und hierbei multiple Perspektiven nebeneinander zu stellen, lehnte der neue Kulturminister Piotr Gliński ab. Stattdessen soll eine affirmativ-patriotische Geschichtspolitik betrieben werden, die einem Schwarz-Weiß-Bild von Opfern und Tätern unterliegt. Die Geschlossenheit der Nation soll als Leitprinzip gelten.

Die Wiederentdeckung der regionalen Geschichte

Angesichts dieses Wandels im öffentlichen Umgang mit der Geschichte in Polen sind aktuelle Projekte über die Regionalgeschichte Westpolens besonders interessant.

Der Großteil der westlichen Gebiete Polens hatte bis 1945 eine mehrheitlich deutsche Bevölkerung. In Zuge der Grenzverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Bewohner vertrieben. Polen aus den an die Sowjetunion verlorenen Ostgebieten sowie aus Zentralpolen zogen in die ehemaligen ostdeutschen Städte und Dörfer.

Es ist leicht vorstellbar, wie schwierig und politisch heikel der Umgang mit der Geschichte dieser Gebiete im neuen polnischen Staat gewesen ist. Tatsächlich herrschten bis zum Ende der Volkrepublik Polen 1989 zahlreiche „weiße Leerstellen“ in der Landesgeschichte Schlesiens oder Pommerns.

Auch die kommunistische Regierung Polens setzte ganz auf die nationale Karte. In der Geschichtserzählung wurde nur das betont, was polnisch war. Deutsche Einflüsse auf die historische Entwicklung Stettins (Szczecin), Danzigs (Gdańsk) oder Breslaus (Wrocław) galten vor allem als negativ oder bedrohlich, wenn sie denn überhaupt Erwähnung fanden.

Vor diesem Hintergrund liegt eine bedeutende Dimension der deutsch-polnischen Versöhnung seit Ende des Kalten Krieges auch im Umgang mit dem gemischten Kulturerbe der westpolnischen Gebiete. In der jungen Demokratie engagierten sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Vereine und lokale Verwaltungen in der Erforschung regionaler Geschichte jenseits nationaler Schablonen. Sogar die ehemals staatlichen Museen zeigten plötzlich „unbekannte“ Bilder der Orte während der Gründerzeit oder die Geschichten deutscher, jüdischer und polnischer Persönlichkeiten.

Nach dem Ende des staatlichen Deutungsanspruchs der Vergangenheit durch die kommunistische Regierung lebten zahlreiche Debatten zu schmerzhaften Themen auf. Diskutiert wurden das jüdisch-polnische Verhältnis während des Zweiten Weltkrieges, der polnische Kommunismus oder auch die Vertreibung und Umsiedlung der Deutschen und Ukrainer. Alte Bilder einer heldenhaften, geschlossenen Nationalgeschichte gerieten ins Wanken.

Museale Stadtgeschichte in Westpolen: Regional-integrativ oder affirmativ-national

Merkmale dieses einschneidenden Wandels lassen sich insbesondere in den Stadtmuseen Breslaus, Stettins und Danzigs finden. War es vor 1989 undenkbar, dort eine Ausstellung zur Entwicklung der Stadt vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu finden, etablierten sich zwanzig Jahre nach Beginn einer freien Debattenkultur und zahlreicher Sonderausstellungen erste Synthesen der Stadtgeschichte.

Stettin und Breslau nahmen dabei eine Vorreiterrolle ein. Das Stettiner Nationalmuseum eröffnete 2009 seine deutsch-polnische Kulturgeschichte „Hans Stettiner und Jan Szczeciński“. Das Breslauer Stadtmuseum eröffnete im gleichen Jahr die umfangreiche Objektsammlung „1000 Jahre Breslau“. Danzig arbeitet derzeit an einer vergleichbaren Schau.

Damit ist die Aufarbeitung der komplexen Lokalgeschichte aber noch nicht beendet. Besonders die radikale Transformation dieser Orte in den Nachkriegsjahren, der Austausch der Bevölkerungen, die Beseitigung deutscher Spuren und der große Wiederaufbau, sind schwer fassbar ‒ wie auch die Aufstände gegen die kommunistische Herrschaft in diesen Gebieten.

Im Januar 2016 eröffnete in Stettin das szenografische Dialogzentrum der Umbrüche. In Breslau, der europäischen Kulturhauptstadt 2016, bereitet das Zentrum für Erinnerung und Zukunft die Eröffnung eines multimedialen Geschichtszentrums zur jüngsten Stadtgeschichte vor.

Weitere Auseinandersetzungen im Umgang mit der deutsch-polnischen Regionalgeschichte Westpolens scheinen vorprogrammiert, zumal die Bürgermeister aller drei Städte der ehemaligen Regierungspartei, der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO), nahestehen. Das von der neuen Regierung initiierte Programm einer patriotischen Nationalgeschichte könnte die Ausstellungsprojekte in den westpolnischen Städten konterkarieren.

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