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1:0 für die Menschlichkeit

Von Daniel Lehmann / 4. Februar 2016
SV Babelsberg 03

„Integration gelingt spielend“, heißt es in einer Image-Kampagne der Bundesliga-Stiftung. Das Flüchtlingsteam Babelsberg 03 Welcome United beweist genau das – steht damit aber ziemlich allein da.

Auf den ersten Blick wirkt die Tabelle der 2. Kreisklasse C im Kreis Havelland nicht ungewöhnlich. Ein paar krasse Außenseiter liegen abgeschlagen auf den letzten Plätzen, während die halbe Liga um den Aufstieg spielt. Ein typisches Bild für die untersten Spielklassen im deutschen Amateur-Fußball. Mit Babelsberg 03 Welcome United ist allerdings eine Mannschaft im Wettbewerb, die nicht nur mit sportlichen Erfolgen von sich reden macht – sondern auch deswegen, weil sie das erste reine Flüchtlingsteam in Deutschlands Fußball-Ligen ist.

Seinen Anfang nahm das Projekt im Juli 2014 mit einer Anfrage von Manja Thieme, ehrenamtliche Helferin bei der Ausländerseelsorge Babelsberg. Sie bat den Viertligisten SV Babelsberg 03 um Trainingszeiten für Geflüchtete, die Fußball spielen wollten. Der Potsdamer Verein, der sich selbst als antirassistisch und antifaschistisch versteht und sich seit geraumer Zeit für Geflüchtete einsetzt, sagte zu.

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Kapitän Abdihafid Ahmed, genannt Abdi, führt seine Mannschaft auf das Feld.

Flüchtlings-Fußball mit langer Tradition

Der Balkankonflikt sowie Bürgerkriege in Burundi, Senegal, Simbabwe und der Republik Kongo ließen bereits in den 1990er Jahren Hunderttausende Zuflucht in der Bundesrepublik Deutschland suchen. Schon da engagierte sich der SV Babelsberg, indem er Fußballspiele für Geflüchtete organisierte. „Die damalige Flüchtlingskrise hatte aber längst nicht die Dimension von heute“, sagt Thoralf Höntze, Pressesprecher und Mitbegründer von Babelsberg 03 Welcome United.

Außerhalb des Vereins unterhält das Fanprojekt Babelsberg seit Jahren eine Integrationsfußballmannschaft, in der Fußballfans und in Potsdam lebende Geflüchtete spielen. Der nächste Schritt lag nah: Die Anmeldung einer eigenständigen Flüchtlingsmannschaft, die ganz normal am Ligabetrieb teilnimmt. „Nach ein paar Trainingseinheiten und Testspielen war klar, dass das der richtige Weg ist“, sagt Höntze. Die Spieler seien bereit für richtige Punktspiele gewesen. „Nur Rumgekicke war halt nicht.“

Nicht nur Fußball, sondern Gleichberechtigung

Höntze: „Wir haben den Geflüchteten nicht nur die Chance auf Fußball bieten wollen, sondern Gleichberechtigung.“ Deshalb stattete der Verein die neuen Spieler mit Mitgliedsausweisen aus, die gleichbedeutend mit einem Stimmrecht bei Vereinsversammlungen und einer Krankenversicherung im Verletzungsfall sind. Zusätzlich haben Verein und Fans die Geflüchteten bei Behördengängen, der Suche nach einem Arbeitsplatz oder einer Unterkunft unterstützt und Geld für die Trikots gesammelt.

Dafür erhielt das Projekt unter anderem den „11. Potsdamer Integrationspreis“ und den Sonderpreis „Fanaktion der Saison“ des Fußball-Magazins 11Freunde. In seiner Laudatio sagte DFB-Generalsekretär Helmut Schröck: „Der Fußball war schon immer ein Mittel der Integration, er ist ein Teil unserer Willkommenskultur. Welcome United 03 ist dafür nicht nur dem Namen nach ein leuchtendes Beispiel.“

Für die Potsdamer kam diese Ehrung einigermaßen überraschend. „Wir waren uns eigentlich ziemlich sicher, dass er ein oder andere Bundesligist längst ein ähnliches Projekt gestartet hatte. Deshalb waren wir sehr verwundert, als uns die Medien über unseren Irrtum aufklärten“, erinnert sich Pressesprecher Thoralf Höntze.

Mediales Gegengewicht zu Pegida

Auf einem Kunstrasenplatz auf dem Gelände des 11.000 Plätze fassenden Karl-Liebknecht-Stadions, in dem der Frauen-Bundesligist 1. FFC Turbine Potsdam und der SV Babelsberg 03 ihre Heimspiele austragen, kämpfen die Spieler von Welcome United um Trainer Sven George seit dem vergangenen Sommer um echte Punkte.

Wie in niedrigen Ligen üblich, kommen oft nicht mehr als einer Handvoll Zuschauer. Bisherige Ausnahme: Das allererste Pflichtspiel im Kreispokal gegen den USV Potsdam lockte 100 Fans. Auswärts die Mannschaft in einem politisch aufgeladenen Spiel gegen Fortuna Babelsberg nach Neonazi-Vorwürfen gegen die Heimmannschaft sogar vor 250 Anhängern.

„Sie wollen nur spielen“: Das Video zum Projekt

Dass in der Mannschaft ausschließlich Geflüchtete spielen und keine anderen Mitglieder des Vereins, war eine bewusste Entscheidung. Man wolle Welcome United als ein positives Zeichen und mediales Gegengewicht zu Pegida, den brennenden Flüchtlingsheimen und Demonstrationen wie in Freital etablieren, erklärt Thoralf Höntze. Es gebe jedoch auch ein gemischtes Volleyball-Team im Verein.

Derzeit sind etwa 40 Geflüchtete Vereinsmitglieder. Hinzu kommen 80 neu angekommene Flüchtlinge und unbegleitete Minderjährige, die am Trainingsbetrieb teilnehmen. Sie stammen aus Kamerun, Somalia, Kenia, dem Iran und vielen anderen Ländern. „Eine wirklich bunte Truppe“, meint Höntze schmunzelnd. Zu den Spielern gehört der aus Nigeria stammende Uzoukow Ejike. Gegenüber dem Spiegel sagte er: „Es ist schön, dass wir uns hier zeigen dürfen und nicht in einem Flüchtlingsheim versteckt werden.“

Dass das Projekt menschlich wertvoll sei, stehe außer Frage. Doch auch sportlich sei die Flüchtlings-Elf ein Gewinn, berichtet Höntze. Es seien viele gute Spieler unter den Geflüchteten. So hat beispielsweise ein Torwart den Sprung in die 2. Herrenmannschaft des SV Babelsberg 03 geschafft, weitere könnten folgen.

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Jubel nach dem Sieg gegen Lok Leipzig II.

Es braucht ein Umdenken gegen Alltagsrassismus

Zu schweren rassistischen Zwischenfällen bei einem Spiel ist es bisher laut Höntze nicht gekommen. „Es gibt aber ab und zu Gemaule auf dem Platz: Der Vorwurf, der Schiedsrichter bevorteile uns, weil wir Geflüchtete seien, wird häufiger laut.“, sagt Höntze.

Problematisch sei auch der immer noch existente Alltagsrassismus im Sport, selbst wenn Höntze zarte Fortschritte erkennt: „Seit der Wende hat sich die Situation schon verbessert, auch weil die Vereine reagiert haben und Rassismus im Stadion ausschließen. Auf unseren Eintrittskarten steht seit 20 Jahren, dass Zuschauer, die sich homophob, volksverhetzend oder in sonstiger Weise intolerant verhalten, das Gelände zu verlassen haben.“ Trotzdem müsse noch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden.

Momentan liegt Babelsberg 03 Welcome United zwei Punkte hinter Spitzenreiter SV05 Rehbrücke – hat aber auch zwei Partien weniger absolviert. „Natürlich haben wir den sportlichen Erfolg im Auge und streben den Aufstieg an. Wichtiger wäre uns allerdings, dass es weiterhin ruhig bleibt und wir als Vorbild für andere Vereine agieren können. Gerade in höheren Spielklassen wäre mehr Integration schön“, wünscht sich Thoralf Höntze.

Dieser Artikel ist der erste Text einer mehrteiligen Serie zum Thema „Gegensätzlich – füreinander“. Mehr dazu hier http://www.sagwas.net/kategorie/gegensaetzlich-fuereinander

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