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ContraMehr Menschlichkeit durch offene Worte

Von Daniel Männlein / 29. Februar 2024
picture alliance / greatif | Florian Gaul

Bestimmte Themen sind tabu. Über sie sollte möglichst nicht (öffentlich) gesprochen werden. Die offene Auseinandersetzung mit Tabuthemen hingegen ist wichtig. Aufregung und die Lust nach maximaler Reichweite sollten nicht im Vordergrund stehen, sondern die demokratische Debatte.

„Damals hat es auch so angefangen. Es liegt an euch, seid Menschen!“ Mit diesen Worten mahnte die 102-jährige Holocaustüberlebende Margot Friedländer angesichts zunehmender Menschenfeindlichkeit in den grauen Wintertagen Ende 2023. Die aktuellen Proteste landauf, landab gegen Rechtsextremismus lösten bei ihr bei aller Besorgtheit aber auch Zuversicht aus, die Licht in diese Tage bringe. Denn Margot Friedländer, die die Pogromnacht 1938 in Berlin miterlebt hat, steht wie nur wenige öffentliche Personen für offene Worte und Ehrlichkeit, sollten sie auch noch so schmerzhaft sein.

Die Neue Rechte normalisiert, was tabu sein sollte

Tabubrüche können insbesondere gesellschaftliche Entwicklungen vorantreiben. Die Normalisierung von Rassismus durch die Neue Rechte gehört definitiv nicht zu diesem Fortschritt dazu. Rechtsextreme Vordenker*innen nutzen mit aus ihrer Sicht positiv besetzte, akademisierte, ja geradezu harmlos sachlich daherkommende Begriffe, um zum Beispiel rassistische Einstellungen und Handlungen salonfähig zu machen. Siehe der Begriff der „Remigration“. Der krude Plan, Menschen mit und ohne deutschen Pass aus Deutschland zu vertreiben, beträfe Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte, aber womöglich auch jene, die sich nicht in ihr Weltbild fügen.

Ausgerechnet in einer Villa am Wannsee, wo 1942 die effiziente Umsetzung der Ermordung der Jüdinnen und Juden im Holocaust koordiniert und damit der Entzug der Menschenrechte verbrieft wurde, kommt die millionenfache Deportation gesamter Bevölkerungsgruppen sicher nicht zufällig zur Sprache.

Rechtsgerichtete Meinungsmacher*innen versuchen wieder und wieder den öffentlichen Diskurs zu manipulieren. Flüchtlingshilfe im Rahmen der zivilen Seenotrettung solle tabu sein, fordern sie auch aktuell noch. Rhetorisch bedienen sie sich seit den 1980er Jahren abschätziger Bezeichnungen wie „Gutmenschen“ und üben sich so in einer Tabuisierung des Menschseins. Das steht für einen Vorgang, der in unserer pluralen Demokratie selbst tabu und damit inakzeptabel sein sollte.

Tabus dienen der Aufrechterhaltung von Macht

Nein, Tabuisierung ebenso wenig wie deren Bruch fungieren als „No-Go“, um, dialektisch gesehen, Interesse zu generieren. Auch wenn das naheliegend ist. Tabus sind vielmehr Instrumente der Aufrechterhaltung von Macht. Immer schon wurde etwas zum Tabu erklärt, weil es nicht der Norm der Mehrheitsgesellschaft entsprach. Weil Praktiken oder Betroffene vermeintlich „anders“ waren und weil es sonst den schönen Schein der jeweilig zu konstruierenden, heilen Welt gefährden könnte. So waren lange Zeit die moralischen Vorstellungen der Kirche normgebend, mit der Folge, dass Themen wie Sexualität als Tabu galten.

Tabubrüche sind daher kein Spiel, um Reichweite zu gewinnen; sie erfüllen eine andere Funktion: die Veränderung des Status quo. Die Verletzung eines Tabus, teils verbunden mit hohem persönlichen Risiko, ist oft erforderlich, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. So lohnt ein Blick auf den Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch: Der sogenannte „Schwulenparagraphen“ wurde erst 1994 nach 123 Jahren(!) der staatlichen Verfolgung von Homosexualität abgeschafft. Dieser Zustand ist auch dank dem Engagement vieler Bürgerrechtler*innen Geschichte.

Pflicht zur Menschlichkeit: Tabubruch ist kein Selbstzweck

Tabus entspringen tradierten und somit tief verinnerlichten Überzeugungen. Was, wie Migration oder Homosexualität, existiert und irgendwann zum Verbot erklärt werden sollte, entscheidet in einer Demokratie die Mehrheit der Leute selbst. Auch was enttabuisiert werden soll, liegt in der Hand der Wählenden.

Es ist daher etwas kompliziert. Tabubrüche können Gesellschaften liberaler machen, aber leider auch die Demokratie schwächen, wenn wir nicht aufpassen. Die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten von Thüringen „mit den Stimmen der AfD“ 2020 ist ein Beispiel für einen Tabubruch mit dem Ziel, eine öffentlichkeitswirksame Deradikalisierung herbeizuführen, die eben gerade nicht gewünscht ist. Es ist aber mehr als „unerhört“, im Superwahljahr 2024 die Neue Rechte als wählbar darzustellen. Währenddessen versucht sie, politische Gegenproteste zu diffamieren und als Teil einer Verschwörung von links darzustellen.

Solchen Erzählungen muss etwas entgegengesetzt werden! Wir müssen reden, reden über Tabus und wir müssen diejenigen benennen, die Rechtsextremismus und Rassismus vertreten. Ob wir dabei Tabus brechen oder nicht, spielt weniger eine Rolle. Denn wo entmenschlichende Sprache ist, ist Gewalt nicht weit. Mit den aktuellen Demonstrationen gehen harte, aber notwendige Diskussionen um Gefahren einher, die oft ausgeblendet werden. Was es braucht, ist ein anhaltender „Aufstand der Anständigen“, um mit Courage und Haltung solidarisch für Menschlichkeit einzustehen.



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