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Altersungerecht

Von Sophia Förtsch / 24. Januar 2024
picture alliance / Westend61 | Westend61 / Uwe Umstätter

Kinder und Jugendliche, aber auch ältere Menschen leiden unter ungleichen sozialen Machtverhältnissen, wenn sie von Rollenumkehr betroffen sind. Grund dafür: verbreiteter Adultismus und anhaltende Parentifizierung.

“Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, machst du, was ich sage!”

“Dafür bist du noch zu klein.”

“Wenn Erwachsene reden, haben Kinder Sendepause.”

“Du benimmst dich wie ein kleines Kind!”

Was nach klassischer, strenger Erziehung klingt, ist in Wirklichkeit Diskriminierung, die zum Teil unbewusst und leider alltäglich stattfindet. Im Fachjargon spricht man von Adultismus.

Adultismus? Der Begriff setzt sich zusammen aus dem englischen Wort “adult” (Erwachsener) und dem Suffix -ismus, welches ein Gedankensystem wie beispielsweise eine Weltanschauung bezeichnet. Das Konzept hinter Adultismus beschreibt ein Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern durch die Geringschätzung jüngerer Menschen aufgrund ihres Alters. Sogar in modernen, liberalen Zeiten wie diesen.

Wenn Eltern ihre Kinder geringschätzen

Ob im Elternhaus, in der Kita oder in der Schule: Die Art des sozialen Umgangs wirkt sich langfristig auf das Selbstverständnis von Kindern und Jugendlichen aus. Schlimmstenfalls trägt eine ablehnende Grundeinstellung dazu bei, sich im Erwachsenenleben gegenüber anderen wie auch gegenüber sich selbst allzu kritisch oder gar abschätzig zu verhalten.

Mit Formulierungen wie “Reiß dich zusammen!” oder “Jetzt stell dich doch nicht so an!” kommunizieren Eltern vor allem ihre Autorität. In Kauf genommen wird, die Gefühle des eigenen Nachwuches zu verletzen, weil dieser sich „kindisch“ anstellt. Auf diese Weise wird Kindsein in Verbindung mit negativen Assoziationen gebracht.

Belehren, Beschämen, Schuldzuweisungen, Liebesentzug, mangelnder Respekt oder Belächeln – neben verhältnismäßig subtilen Formen äußern sich diskriminierende adultische Verhaltensweisen allerdings auch in Form von Gewalt.

Das Schema der Ungleichwertigkeit

So lernen Kinder ungesunde Machtverhältnisse und Ungleichwertigkeit von klein auf kennen. Als sei ein entsprechendes Verhalten “normal”, mit der Folge, dass andere Formen von Diskriminierung möglicherweise nicht als problematisch wahrgenommen werden.

Ältere Menschen erleben Adultismus zum Beispiel im Berufsleben. So kommt eine Erzieherin um die 60 für eine Stelle in einer Kita tendenziell nicht in Frage, wenn sie die vergangenen Jahre nicht gearbeitet hat oder somit modernen Herausforderungen wie Diversität und Sprachförderung vermeintlich nicht gewachsen sei. Fachliche Vorschläge einer jungen Erzieherin wiederum werden von manchen Eltern nicht ernstgenommen, wenn diese Erzieherin kinderlos und unter 30 Jahren alt ist.

Im Alltag findet jedoch nicht nur diese Form schematischer Ungleichwertigkeit statt.

Wenn Kinder zu früh erwachsen werden müssen

Ein anderes Extrem in der ungesunden und macht-ungleichen Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist die sogenannte Parentifizierung. Wenn Eltern ihrer Aufgabe nicht (mehr) gerecht werden, bürden sie die Verantwortung ihren Kindern auf. Es kommt zu einer Rollenumkehr. Kinder müssen Aufgaben übernehmen, die nicht altersgerecht sind und schlimmstenfalls körperliche und seelische Schäden hinterlassen.

Der Klassiker: Die Teenager-Tochter muss sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, weil die Mutter dazu nicht in der Lage ist. Man spricht hier von einer destruktiven instrumentellen Parentifizierung. Hin und wieder zu babysitten und eine altersgemäße Verantwortung im Haushalt zu übernehmen, kann im Gegenteil die Entwicklung des Kindes hin zu mehr Selbstständigkeit fördern.

Aber wenn Kinder unbewusst von den Eltern zum/zur Therapeut:in oder beste:n Freund:in, zum Partnerersatz oder Coach herangezogen werden, bedeutet das eine nicht altersgerechte und emotional überfordernde Situation.

Geraubte Kindheit?

Die Folgen von Parentifizierung und Adultismus wirken oft lange nach. Betroffene ringen mit geringem Selbstwertgefühl, Selbstaufgabe, Parentifizierung der eigenen Kinder, Burnout, Depression, ungesundem Perfektionismus, Misstrauen anderen Menschen gegenüber, Einsamkeit, Essstörungen und, und, und.

Dass etwa bei der Rollenumkehr zwischen Elternteil und Kind Generationsgrenzen im Familiensystem aufweichen und Kinder „Eltern-Funktionen“ übernehmen, führt aber nicht unbedingt zu unbezwingbaren Spätfolgen. Die gute Nachricht: Parentifizierung kann mit Hilfe von Psycholog:innen aufgelöst und dem Adultismus durch Eigenreflexion und Verhaltensänderungen entgegengewirkt werden.

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