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Anders deutsch

Von Lisa Ossenbrink / 15. Februar 2021
picture alliance / Bildagentur-online/Gernhoefer-Mc | Bildagentur-online/Gernhoefer-McPhoto

Sauerkraut, eingelegte Gurken und Bier? In Namibia kommen vor allem deutschstämmige Bewohner kulinarisch auf ihre Kosten. Und das nicht nur während des Oktoberfests. Den Preis, den sie dafür zahlen: Abschottung.

Debatten über Identität gehen meist Fragen nach Gender und Sexualität oder Migration und Flucht nach. Was bei diesen Konversationen oft unter den Tisch fällt, ist der geografisch-historische Kontext, vor dem sie stattfinden. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass auch Deutschland eine Kolonialmacht war und verschiedene Kolonien in Afrika hielt. Nachfahren der deutschen Siedler leben heute noch in den von Deutschland kolonisierten Ländern.

Eines dieser Länder ist Namibia. Mit nur rund 2,5 Millionen Einwohnern ist der Wüstenstaat nach der Mongolei das am zweitdünnsten besiedelte Land der Welt. Eine deutsche Minderheit, die rund fünf Prozent dieser Einwohner ausmacht, existiert noch immer in Namibia. Aber wie deutsch ist Namibia? Und wie fühlt es sich an, als deutsche Person in einem afrikanischen Land aufzuwachsen?

„Little Germany“ mitten in Afrika

Wer durch die Straßen von Windhuk, Namibias Hauptstadt, läuft, kann die Überreste der deutschen Kolonialzeit direkt spüren: im architektonischen Stil alter Gebäude, durch Straßennamen wie Lessing, Goethe und Mozart sowie durch die Statuen, die einflussreiche Personen der deutschen Geschichte in Namibia verkörpern und gar glorifizieren – trotz Kolonialverbrechen. Swakopmund, Namibias viertgrößte Stadt, wird von Einheimischen sogar ironisch „Little Germany“ genannt.

Im Supermarkt, dessen Regale mit Lindt-Schokolade, Sauerkraut und eingelegten Gurken gefüllt sind, kann man an der Delikatessentheke Bratwurst und allerlei Brotsorten – selbst auf Deutsch – bestellen. Windhoek Lager, die in Namibia beliebteste Biermarke, wurde sogar nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Bleiben die Deutschen hier also unter sich?

Taleen Kazandjian, die für die Namibian Breweries arbeitet, erklärt, dass insbesondere die Geschichte der Brauerei sehr von deutschen Traditionen geprägt sei. Die gebürtige Deutsch-Namibierin hat vier Jahre lang Ernährungswissenschaften in Münster studiert, aber gefühlt hat sie sich seit jeher mehr als Namibierin denn als Deutsche.

Das Oktoberfest gibt es nicht nur in München

2011 hat sie das Abitur an der Deutschen Höheren Privatschule (DHPS) absolviert. Dieser Abschluss erlaubt es den Schülern, auch an deutschen Universitäten zu studieren. An der DHPS wird Deutsch bereits den Kleinsten im Kindergartenalter beigebracht. „In der Oberstufe, die auf das Abitur vorbereitet, gab es nur Deutsch-Namibier bei uns in der Klasse“, erinnert Taleen sich. „Deswegen waren wir auch im Freundeskreis alle deutsch-namibisch. Da war ich durch meinen armenischen Vater noch die am wenigsten Deutsche.“ Dann ergänzt die mittlerweile 28-Jährige: „Weil wir in meiner Familie miteinander Englisch sprechen, könnte ich, ohne auf die DHPS gegangen zu sein, gar nicht so gut Deutsch.“

Was nach viel Arbeit klingt, löst sich schnell in Freude auf. Lachend erinnert Taleen sich an die Zeit zurück, als sie als Kind den Windhuker Karneval mit ihrer Familie gefeiert hat und zwei Jahre in der Karnevalsgarde tanzte. Aber nicht nur der WiKa, wie der Windhuker Karneval liebevoll genannt wird, wird hier gefeiert: Die Hauptstadt Namibias hat auch ein eigenes Oktoberfest, das natürlich an das bekannte Volksfest in München angelehnt ist. Wenn auch Feste dieser Art regional übergreifend und für viele vor allem ein harmloser Spaß sind, Ziel ist, weiter deutsche Traditionen nach Namibia zu bringen und vor Ort zu bewahren. „Wir feiern als Familie deutsche Traditionen: Weihnachten an Heiligabend, Muttertag und eben Karneval und Oktoberfest“, erklärt Taleen.

Neben Privathaushalten besorgen die Lokalmedien einen Gutteil des sprachlichen Erbes vergangener Zeiten. Die Allgemeine Zeitung und Hitradio bieten ihre Berichterstattung komplett in deutscher Sprache an. So bleibt insbesondere die ältere Generation der Deutsch-Namibier, deren Englisch nicht unbedingt ausreichend gut ist, informiert. Jeden Samstagmorgen geht es außerdem für viele auf den Biomarkt an der evangelischen Kirche in Klein Windhuk (so heißt das Stadtviertel, in dem viele der Deutschen wohnen), wo Mettbrötchen geschlemmt und Kaffee geschlürft werden können. Im Café Anton in Swakopmund können sowohl einheimische Deutsche als auch Touristen sogar Schwarzwälder Kirschtorte genießen, während sie über den Südatlantik blicken. Auf vielen Lodges und in den Restaurants der Hauptstadt stehen zahlreiche deutsche Gerichte auf den Tageskarten. Schnitzel, Bratwurst und Leberkäse, Kartoffelpuffer und Spätzle – gastronomisch gesehen sind die Deutschen hier noch immer heimisch.

Schatten der kolonialen Vergangenheit

Was lustig anmutet, irritiert bei genauerem Hinsehen allerdings. Mit eigenen Bildungs-, Medien- und Kultureinrichtungen ausgestattet scheint es gar, als lebten die Deutschstämmigen in einer Parallelwelt, abgeschottet von anderen Gemeinschaften in Namibia, in ihrer eigenen kleinen Blase aus Deutschtum eingeschlossen, was sich auch nicht unbedingt ändern muss. Wie isoliert die deutsch-namibische Minderheit wirklich ist, zeigt sich schließlich an Lokalitäten, die nur von ihnen frequentiert werden – zu erkennen an Memorabilia, die Kolonialzeit glorifizierende Erinnerungsstücke, welche dort die Wände schmücken.

Während Deutschland im europäischen Vergleich oft als eher vernachlässigbare, vergleichweise harmlose Kolonialmacht abgestempelt wird, ist es wichtig, an den von 1904 bis 1908 stattgefundenen Genozid der Herero und Nama in (damals:) Deutsch-Südwestafrika zu erinnern, bei dem fast 65.000 der damals geschätzten 80.000 Herero und mindestens 10.000 Nama durch Lothar von Trothas, seines Zeichens preußischer Infanteriegeneral, Vernichtungsbefehl getötet wurden. Auch diese schuldbeladene Geschichte und wie davon heute noch profitiert wird, prägt die Geschichte und Erfahrung der Deutsch-Namibier. Vor allem vor Ort.

5 Antworten auf „Anders deutsch“

  1. Avatar
    Von Sven am 15. Februar 2021

    Hmmm bleibt jetzt doch sehr oberflächlich. Sind die Leute jetzt wirklich so isoliert, wie werden sie von der restlichen Bevölkerung wahrgenommen und was ist mit der Geschichte, die würde mich mehr interessieren und nicht nur kurz im letzten Abschnitt. Kurz, ich bin jetzt angeteasert und muss jetzt mit vielen Fragen weiterziehen …

    1. Avatar
      Von Sagwas-Redaktion am 16. Februar 2021

      Danke für dein Feedback, Sven! Wir überlegen, ob und wie eine Fortsetzung dieser Geschichte in Frage kommt. Also, am besten bald wieder reinschauen! Und damit die Zeit schneller vergeht, hier noch ein anderes sehr interessantes Namibia-Stück aus 2016 von sagwas-Autorin Andrea Lindner https://sagwas.net/gekommen-um-zu-fuehren/

  2. Avatar
    Von Lisa Ossenbrink am 16. Februar 2021

    Lieber Sven,

    Du hast Recht, der Artikel konnte nicht alles auf einmal abdecken – vermutlich ließe sich ein Buch schreiben, wenn man auf alle Aspekte des deutsch-namibischen Lebens in Namibia eingehen wollte. Es freut mich aber, dass du angeteasert bist und gerne mehr wissen würdest. Hoffentlich kann eine Fortsetzung umgesetzt werden, damit wir mehr auf die Geschichte der Deutsch-Namibier eingehen können!

  3. Avatar
    Von Sven am 20. Februar 2021

    Eine Fortsetzung würde mich auf jeden Fall freuen und bis dahin muss ich halt andere Quellen suchen.

    Lieben Gruß
    Sven

    1. Avatar
      Von Sagwas-Redaktion am 22. Februar 2021

      Lieber Sven, Quellensuche kann lästig sein, das wissen wir nur zu gut. Aber sie kann auch den Horizont erweitern, was wir dir unbedingt wünschen. Und wenn du von Fortsetzungsgeschichten generell nicht genug kriegen kannst, empfehlen wir dir https://sagwas.net/c/schwerpunkt/fortsetzung-folgt/ Dort finden sich auch andere bewegende Texte – und vielleicht bald „Anders deutsch Vol. II“

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