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Arbeitslose Akademikerin: Ein Stück Normalität

Von Camilla Lindner / 14. April 2015
picture alliance / HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com

Die Kunsthistorikerin Anna Nowak ist seit Monaten arbeitslos. Für sie ist es nicht einfach, einen passenden Job zu finden, weil er mehr als eine finanzielle Einnahmequelle für sie sein soll.

Anna Nowak* lächelt zurückhaltend. An den Wänden in ihrer Wohnung in Hamburg-Altona hängen Fotos und Collagen. Im Regal stehen säuberlich aneinandergereiht Fotografiebände, Bücher über digitale Medienkunst, Wörter- und Backbücher.

Nowak hat Kunstgeschichte und Islamwissenschaften an der Universität Hamburg studiert und ihren Magister 2012 mit der Note 1,0 abgeschlossen. Danach bekam sie sofort eine volle wissenschaftliche Stelle an einer Universität angeboten – allerdings auf zwei Jahre begrenzt. Heute ist sie arbeitslos.

„Für mich ist das eine komplett neue Situation“, so die 30-jährige Nowak. „Diese Ungewissheit darüber, wie es weitergeht, hatte ich noch nie“, sagt sie mit ruhiger und leiser, jedoch fester Stimme.

Die neue Arbeitslosigkeit

Trotz offizieller Arbeitslosigkeit würde sich Nowak nicht wirklich als arbeitslos bezeichnen. In den vergangenen Monaten hat sie mehr gearbeitet als bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Gerade kuratiert sie ehrenamtlich eine Ausstellung über digitale Kunst und entwickelt das Rahmenprogramm dazu. Außerdem ist sie bei einem künstlerischen Projekt zu hierarchiefreier Kommunikation aktiv. Auch das macht sie, ohne dafür Geld zu bekommen.

Nowak wirkt müde. Mit angezogenem Bein sitzt sie in Jogginghose und Wolljacke am Tisch. Noch vor einigen Monaten saß sie dort vor der Arbeit mit schickem Rock und rotem Lippenstift. „Es ist gut, dass ich gerade viel arbeite. Ich lerne Leute kennen, knüpfe Kontakte, baue mein Netzwerk aus und versuche, am Ball zu bleiben.“ Außerdem lenke die viele Arbeit von dem Gedanken an die eigentliche Arbeitslosigkeit ab.

Anna Nowak kann so viel ehrenamtlich arbeiten, weil sie Arbeitslosengeld I bekommt – jeden Monat 60 Prozent ihres letzten Gehaltes. „Mit den 1.400 Euro netto im Monat kann ich wirklich gut leben. Und ich habe ein ganzes Jahr Zeit, mich in Ruhe auf einen passenden Job zu bewerben“, so Nowak. Den passenden Job zu finden ist ihr sehr wichtig, denn die Arbeit ist für Nowak weit mehr als nur Mittel zum Zweck, Miete und Essen zahlen zu können. „Meine Arbeit nimmt einen Großteil meiner Zeit ein. Natürlich soll sie dann für etwas, was mir Spaß macht, genutzt werden.“

Das ist alles andere als einfach. „Ich arbeite in einem eher undefinierten Rahmen und falle dadurch aus dem klassischen Feld der Kunstgeschichte heraus“, sagt sie. Im Museum könne sie nicht arbeiten, weil dies ganz klare Schritte voraussetze: Studium mit Praktika, zusätzlich meist noch eine Promotion, ein Volontariat und dann die Einstellung. Ab und zu gebe es jedoch Stellen, die ganz genau auf ihr Profil passten.

„Natürlich bewerbe ich mich auf passende Stellen. Das habe ich schon gemacht, als ich noch gearbeitet habe. Jetzt bewerbe ich mich aber mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein, fast schon krampfhaft.“ Bei drei von acht Bewerbungen wurde Anna Nowak zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Bisher wurde sie danach jedoch abgelehnt. „Oft liegt das dann ja daran, dass die Chemie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht stimmt“, sagt Nowak.

Zweifel an der Studienwahl

In Hamburg und Umgebung entstanden laut der Bundesagentur für Arbeit im März insgesamt 700 neue Stellen im Bereich „sonstige Dienstleistungen“. Kunst fällt neben Sport, Bibliotheken und Kirchen in diesen Bereich. Insgesamt waren im Februar etwa 800 Stellen der Geisteswissenschaften, Kunst und Gestaltung unbesetzt. „Ich würde bestimmt eine Stelle bekommen, wenn ich mich außerhalb meines Profils bewerben würde“, so Nowak. Initiativbewerbungen hat sie noch keine abgeschickt.

Die Stellen, auf die sich Nowak bewirbt, sind oft befristet. „In meinem Berufsfeld ist das normal. Ich würde nur nicht wegen eines einjährigen Vertrages meinen Lebensmittelpunkt komplett aufgeben. Bei zwei Jahren wäre das aber in Ordnung“, so Nowak. Mit ihren 30 Jahren ist sie flexibel. „Wenn ich aber mal über Kinder nachdenken sollte, wird sich die Lage zuspitzen. Dann will ich natürlich auch nicht mehr alle zwei Jahre umziehen.“

Manchmal stellt sich Anna Nowak die Frage, was sie eventuell eher hätte studieren oder ob sie sich schon im Studium ganz klar auf klassische Kunst hätte spezialisieren sollen. Dann hätte sie ein eindeutiges Profil als Kunsthistorikerin. „Manchmal überlege ich noch, einen ganz anderen und finanziell sichereren Weg einzuschlagen. Vetrinärmedizin wäre eine Alternative.“

Arbeitslosigkeit als Normalität

Die meisten ihrer Bekannten reagieren auf Nowaks Arbeitslosigkeit alles andere als überrascht oder negativ. Dass ein bis zwei Jahre Arbeitslosigkeit heute auch mit Hochschulabschluss fast schon Normalität seien, hört sie oft. Auch Hartz IV zu beziehen ist kein Tabu mehr. „Einerseits weiß ich als rationaler Mensch, dass kurzzeitige Arbeitslosigkeit irgendwie normal ist, denn es gibt heute keine Sicherheit mehr. Andererseits fühlt es sich nicht normal an.“

Nowaks Eltern zogen 1988 mit der dreijährigen Anna und ihrer älteren Schwester aus Polen nach Deutschland. Ihnen war es wichtig, dass beide Kinder studieren. „Meine Eltern machen sich nun natürlich Sorgen. Sie verstehen nicht, warum ich als Hochschulabsolventin keine Arbeit bekomme“, berichtet Nowak.

Sie fragt sich oft, was wäre, wenn sie irgendwann zu einem der von Medien gerne porträtierten langzeitarbeitslosen Akademiker werden würde. „Das macht man als arbeitslose Akademikerin: Artikel über arbeitslose Akademiker lesen. Diese sind natürlich meist Extremfälle.“

Auch wenn sei weiterhin auf der Suche nach einem passenden Beruf ist, würde sich Nowak nicht als anspruchsvoll bezeichnen. Sie könnte ihren Lebensstandard im Zweifelsfall auch heruntersetzen. Im Sommer will sie mit ihrem Freund nach Frankreich fahren und Surfen lernen. Auf Dinge verzichten, weil sie arbeitslos ist, muss und will sie noch nicht.

* Name von der Redaktion geändert

6 Antworten zu “Arbeitslose Akademikerin: Ein Stück Normalität”

  1. Von D.Leitz am 15. April 2015

    Artikel hat in der Kürze die Probleme von Jungakademikern auf den Punkt gebracht.
    Wünsche Anna im nahmen aller LeidensgenossInnen bald einen Bewerbungserfolg.
    Wenn sie weiterhin so bodenständig denkt und handelt, habe ich da keine Sorge.
    Kopfhoch, sie ist nicht allein mit ihren Sorgen!

    1. Von Lisa am 16. April 2015

      Genau in der selben Situation war ich auch schon – und ja, Liebe „Anna“, es geht weiter. Das ist eben das Problem heute, dass wir bei Spezialisierungen nur schwer einen Job finden. Ich war 3 Jahre lang arbeitslos. Trotzdem habe ich nun einen Job gefunden, der passt. Geduld zu haben hat sich also gelohnt. Viele Akademiker warten aber nicht so lange und gehen Jobs nach, die eben Geld einbringen.

      1. Von Robin am 17. April 2015

        Ich gehe auch einem Job nach, der Geld bringt aber nur wenig mit meinem Studium zu tun hat. Trotzdem kann ich Fertigkeiten aus dem Geschichtsstudium dort einbringen und die Arbeit macht mir Spaß. Zudem herrscht ein ausgeprägter Fachkräftemangel in meinem Bereich, so dass ich zu einem Gehalt, das meine Familie ernährt, eine vier Tage Woche heraushandeln konnte.
        In der so gewonnenen Zeit baue ich mir nebenbei selbstständig etwas auf, mit dem ich meine Leidenschaft für Geschichte befriedigt (und das hoffentlich irgendwann meinen Lebensunterhalt und mehr finanziert)
        Auch eine Möglichkeit. Es kommt vor allem auf Kreativität und ein gutes Gespür für Möglichkeiten und Trends an, denke ich. Selbstmitleid (Ich armer Akademiker: so klug und doch so arbeitslos) ist Gift für des Geisteswissenschaftlers Karriere.

      2. Von Imad am 11. Mai 2015

        was soll ich sagen wenn ich Ausländer bin .Ich habe in meinem Land Jura studiert und seit 15 Jahre versuche ich ein Studium in Deutschland weitermachen es udt aber schwer

  2. Von Ragna am 19. April 2015

    Ich studiere auch Geisteswissenschaften und möchte schon in einem Feld arbeiten, wo ich mein Wissen anwenden kann. Mir ist natürlich auch klar, dass ich flexibel sein muss. Und wenn ich keinen auf mich passenden Job finden werde, muss ich eben einen anderen Bereich finden, der evtl. auch nicht so viel mit meinem Studium zu tun hat. Ich glaube, das „so klug und doch so arbeitslos“ nicht wirklich auf arbeitslose Akademiker passt. Aber ich stimme Robin zu, dass man dann eben andere Möglichkeiten finden muss. Ansonsten muss ich Medizin studieren, wenn ich eine ganz Klare Richtung haben will – auch langweilig, oder :).

  3. Von Chris Thomas am 18. Januar 2017

    Und wieder bestätigt sich das mit der Chancenungleichheit

    denn viele studieren BWL kommen aus einfachen Häusern und sind gut. am ende kommt das erwachen

    denn sie finden keinen job

    ich kenne so viele CDU nahe Studenten die aus CDU Familien mit posten kommen wo sie schnell einen job finden
    dank sozialer Kontakte und vitamin b
    darunter leute die Philosophie studiert haben

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