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Arrivederci Roma

Von Bettina Ehbauer / 9. Dezember 2014
D. Braun / pixelio.de

Südtirol und Venetien sind zwei italienische Regionen mit einem besonderen Selbstverständnis. Viele Menschen dort möchten nicht länger zu Italien gehören. Die Gründe liegen in der Geschichte, aber auch in den wirtschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit. Wer vom Brenner kommend durch das nördliche Südtirol fährt, merkt oft nur an den zweisprachigen Straßenschildern, dass er schon in […]

Südtirol und Venetien sind zwei italienische Regionen mit einem besonderen Selbstverständnis. Viele Menschen dort möchten nicht länger zu Italien gehören. Die Gründe liegen in der Geschichte, aber auch in den wirtschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit.

Wer vom Brenner kommend durch das nördliche Südtirol fährt, merkt oft nur an den zweisprachigen Straßenschildern, dass er schon in Italien ist. Die idyllischen Bergtäler mit ihren Almhütten gleichen denen auf der österreichischen Seite der Grenze. Fast jeder hier spricht Deutsch.

Bewegte Geschichte

Tatsächlich sind 70 Prozent der Südtiroler deutschsprachig, mehr als ein Viertel gehört der italienischen Sprach- und Volksgruppe an. Zudem gibt es eine kleine ladinischsprachige Minderheit. Heute leben diese Volksgruppen friedlich neben- und miteinander, doch das war nicht immer so.

Die heterogene Zusammensetzung der südtiroler Bevölkerung geht zurück auf den Vertrag von Saint-Germain kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches wurde der südliche Teil Tirols Italien zugesprochen. Unter der Diktatur Mussolinis kam es zum Versuch der Zwangsitalianisierung der dort lebenden Bevölkerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden der deutschsprachigen Bevölkerung immer mehr Rechte eingeräumt.

Doch diese Entwicklung ging vielen nicht schnell und weit genug. In den 1960er Jahren erschütterten Sprengstoffanschläge des selbsternannten Befreiungsausschusses Südtirol die Region mit dem Ziel, diese von Italien loszulösen.

1972 schließlich wurde ein Autonomiestatut für Südtirol erlassen, wonach sich die Situation entspannte. Die Selbstverwaltungsrechte der Region sind seither immer weiter ausgebaut worden. Heute verwaltet Südtirol 90 Prozent seiner Steuereinnahmen selbst. Während der Finanzkrise hinderte diese Selbstverwaltung die Regierung in Rom unter dem damaligen Ministerpräsidenten Mario Monti nicht daran, die Autonomie Südtirols durch Sparmaßnahmen einzuschränken. Dies führte zum Wiedererstarken separatistischer Strömungen.

(Foto: J. Bredehorn / pixelio.de)
(Foto: J. Bredehorn / pixelio.de)

Südtirol: Zu schade für Italien?

Nach Ansicht vieler Einwohner hat das reiche Südtirol wenig mit dem Rest Italiens gemeinsam. Das Bruttoinlandsprodukt liegt dort mit 36.000 Euro pro Einwohner deutlich über dem italienischen Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote ist mit vier Prozent die niedrigste aller italienischen Regionen.

Rechtspopulistische deutschsprachige Parteien, die die Sezession Südtirols von Italien zu ihrem Ziel erklärt haben, erhielten in Folge der Krise starken Zulauf. Bei den vergangenen Landtagswahlen im Jahr 2013 bekamen sie mehr als 27 Prozent der Stimmen.

Dabei verfolgen die verschiedenen rechtspopulistischen Gruppierungen ganz unterschiedliche Pläne für Südtirol. Während manche die Anbindung an Österreich oder den Zusammenschluss mit Nordtirol fordern, streben die im Landtag vertretenen Oppositionsparteien Die Freiheitlichen und Süd-Tiroler Freiheit einen unabhängigen Freistaat Südtirol an.

Ihre Unterstützer befürchten weitere Angriffe auf die Autonomie und sprachlich-kulturelle Bevormundungen durch die aktuelle Regierung Matteo Renzi. Die rechtspopulistischen Parteien nutzen diese Ängste und Ressentiments in der Bevölkerung für ihren Wahlkampf. So lautete der offizielle Slogan der Süd-Tiroler Freiheit bei den Landtagswahlen „Süd-Tirol – Viel zu schade für Italien“.

Autonomie statt Unabhängigkeit

Ulli Mair (Foto: privat)
Ulli Mair (Foto: privat)

„Unser Ziel eines unabhängigen Freistaates Südtirol garantiert eine sichere, geordnete und gleichberechtigte Zukunft für die drei Volksgruppen der Deutschen, Italiener und Ladiner“, behauptet Ulli Mair, die für Die Freiheitlichen im Landtag in Bozen sitzt. Die Partei ist dort mit sechs Abgeordneten mittlerweile zweitstärkste Kraft und stärkste Oppositionspartei.

Die derzeitige Autonomie sehen Mair und ihre Mitstreiter für ein unabhängiges Südtirol nicht als langfristige Lösung an. „Der Freistaat ist eine wirklich zukunftsweisende Lösung, welche den künftigen Generationen Perspektiven gibt“, so Mair.

Doch auch wenn die Unterstützung in der Bevölkerung für die separatistischen Bewegungen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, bevorzugt die Mehrheit der Südtiroler nach wie vor den Verbleib der Region im italienischen Staat mit ausgeprägtem Autonomiestatus. Zwar haben die separatistischen Parteien Sitze im Landtag hinzugewonnen, doch die seit 1948 regierende Südtiroler Volkspartei (SVP) hält immer noch mehr als 45 Prozent der Mandate.

Ihr erklärtes Ziel ist der maximale Ausbau und die Stärkung der Autonomie Südtirols. Die Unabhängigkeit von Italien hingegen hält die Partei für unrealistisch. Denn die Aussicht auf die nötige Zustimmung Italiens zu einem Unabhängigkeitsreferendum in Südtirol besteht derzeit nicht. Zudem müsste ein sich loslösendes Südtirol einen Teil der italienischen Staatsschulden übernehmen, was den Haushalt des jungen Freistaates übermäßig belasten würde. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt den Kurs der maximalen Selbstständigkeit anstelle einer Loslösung von Italien.

Venetien: Auflehnen gegen den gierigen Staat

Anders stellt sich die Situation in Venetien dar. Die Region im Nordosten Italiens mit ihrer beliebten Hauptstadt Venedig zählt wie Südtirol zu den reichsten und wirtschaftsstärksten Gebieten des Landes. Jährlich fließen 21 Milliarden Euro Steuereinnahmen mehr von Venetien nach Rom, als die Region durch Investitionen der Regierung erhält.

Viele Veneter sehen sich deshalb nur noch als Steuerzahler, die die Haushaltslöcher in den ärmeren Regionen Süd- und Mittelitaliens stopfen. Immer mehr Unternehmen melden Konkurs an oder wandern ins benachbarte Österreich ab, wo der Steuerdruck geringer ist.

Cristiano Scatolin (Foto: privat)
Cristiano Scatolin (Foto: privat)

Zudem haben viele Veneter das Gefühl, dass ihr Geld nicht sinnvoll verwendet wird. „Der Staat benutzt den Vorwand, dass mit unserem Geld den ärmeren Regionen geholfen wird, aber in Wirklichkeit fließt es in ein gescheitertes System, das immer mehr Geld frisst“, sagt Cristiano Scatolin. Der Veneter ist Verantwortlicher der Jugendorganisation von Noi Veneto Indipendente, einem Zusammenschluss der sieben wichtigsten separatistischen Bewegungen in der Region. Der italienische Staat beruhe auf Vetternwirtschaft und sei deshalb nicht strukturell reformierbar, so Scatolin.

Die Meinung Scatolins teilen offenbar viele Veneter. Im März dieses Jahres hatten sie Gelegenheit, in einem von der parteiübergreifenden Bewegung Plebiscito.eu organisierten Online-Votum über die Unabhängigkeit ihrer Region abzustimmen. Zwar hat das Ergebnis keinerlei rechtlich bindende Wirkung, spiegelt aber die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der derzeitigen Situation wider.

89 Prozent der Abstimmenden sprach sich den Organisatoren zufolge für die Abspaltung von Italien und die Gründung eines eigenständigen Staates Venetien aus. 63 Prozent der Wahlberechtigten hatten sich den Angaben nach an dem Votum beteiligt.

(Foto: J. Bredehorn / pixelio.de)
(Foto: J. Bredehorn / pixelio.de)

Zurück zu alter Stärke

Zwar spielen wirtschaftliche Faktoren die größte Rolle für die separatistischen Bestrebungen der Veneter, doch ähnlich wie im Fall Südtirols fehlt vielen Menschen aufgrund der Historie das Gefühl der Identifikation mit dem italienischen Staat.

Mehr als 1.100 Jahre lang, vom siebten Jahrhundert bis Ende des 18. Jahrhunderts, war Venetien das Herzstück der wirtschaftlich und kulturell wichtigen Republik Venedig. Die Bedeutung Venedigs als Zentrum des riesigen Kolonialreichs und als Umschlagplatz des Handels zwischen West und Ost trug zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg vieler Veneter und der gesamten Region bei.

Nach der Besetzung durch Napoleon und der Auflösung der Republik Venedig fiel der größte Teil Venetiens an Österreich. Nach jahrzehntelangen Kriegen wurde Venetien schließlich im Jahr 1866 Teil des fünf Jahre zuvor geeinten Königreichs Italien.

Viele Veneter sehnen sich danach, dass ihre Region die alte Stärke und Bedeutung zurückerlangt. Nach dem Online-Votum verabschiedete das venetische Regionalparlament ein Gesetz, das ein offizielles, rechtlich bindendes Referendum über die Unabhängigkeit der Region vorsieht. Die italienische Verfassung sieht jedoch eine vollständige Loslösung einzelner Regionen nicht vor. Zudem würde der Verlust des wirtschaftsstarken Venetiens Italien teuer zu stehen kommen. Ministerpräsident Renzi hat dem Wunsch vieler Veneter nach einem Unabhängigkeitsreferendum deshalb bereits eine Absage erteilt.

Die separatistischen Kräfte scheinen davon wenig beeindruckt. Sie berufen sich auf das internationale Selbstbestimmungsrecht der Völker und wollen weiter für ein unabhängiges Venetien kämpfen.

Eine Antwort zu “Arrivederci Roma”

  1. Von weihnachtsmann am 15. Dezember 2014

    Super interessant! Ich Wusste gar nicht, dass es diese Autonomiebestrebungen gibt…

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