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Roma sind sich selbst überlassen

Von Nico Schmolke / 7. Oktober 2015
Nico Schmolke

Der Beitritt zur EU hat die Situation der rumänischen Roma trotz aller Erwartungen nicht verbessern können. Die Hoffnung ruht nun auf der politischen Selbstorganisation. Lokale Mandatsträger kämpfen für die Rechte ihrer Communitys.

Die Roma-Community beginnt dort, wo der Asphalt endet. Als wir in Frumușani, einem Ort 25 Kilometer vor Bukarest, aussteigen, werden wir sofort von Kindern umringt. Viele sind barfuß, es ist Vormittag, eigentlich Schulzeit. Die Häuser sind oft aus Lehm, selten winterfest. Zum Glück regnet es nicht, weil aus Wegen dann Schlammgruben werden. Ich frage mich, wie das innerhalb der EU möglich ist: Wie eine Gruppe von Menschen in absoluter Armut am Rande einer Gesellschaft leben kann.

Ich treffe Cristian Buceanu. 2012 wurde er in den Gemeinderat von Frumușani gewählt. Als einziger Roma-Vertreter sieht er sich mit jeweils sechs Konservativen und Sozialdemokraten konfrontiert. „Ich dachte schon, meine entscheidende Stimme macht mich nun zum Zünglein an der Waage. Doch stattdessen haben sich die beiden Parteien einfach gegen mich zusammengeschlossen.“ Die gemeinsame Ablehnung der Roma verbindet.

Politisierung der Roma-Community

Mit Cristian Bucceanu in Frumușani. Foto: Cristian Chiscop
Mit Cristian Buceanu in Frumușani. Foto: Cristian Chiscop

Das hindert Buceanu jedoch nicht an seiner Mission. Von 5.500 Einwohnern sind 1.500 Roma. Bis 2012 hatten sie keine Stimme in der Lokalpolitik. Ihre Schulen sind schlecht, die anderen Rumänen aus Frumușani schicken ihre Kinder auf die Schule in der nächsten Stadt. Vor der Wahl gab es im Roma-Wohngebiet keinen Strom, kein Wasser. Für die Lokalpolitik gehören die Roma einfach nicht dazu.

Buceanu beginnt nun, die Roma im Dorf zu politisieren. Er erklärt ihnen ihre Rechte, involviert sie in die Politik und macht ihnen klar, dass sie mit vereinter Stimme Veränderungen herbeiführen können. Das erzeugt Druck und beschert erste Erfolge: Durch die Roma-Siedlung zieht sich nun eine Stromleitung. Und es gibt Geld für ein Schulprogramm am Nachmittag.

Vor allem aber sprechen die Roma Buceanu auf den Straßen nun an, wann denn die nächste Gemeinderatssitzung stattfinde. Früher wussten sie nicht, welche Rechte der Gemeinderat hat. Als Analphabeten und im ständigen Bemühen, genug Geld für den nächsten Tag zusammenzubekommen, war politische Beteiligung für sie ein Fremdwort. Einige verkauften ihre Stimme für umgerechnet zehn Euro. Doch die nun politisierte Roma-Community wird sich bei den nächsten Kommunalwahlen nicht mehr unterdrücken lassen.

Der Berg an Problemen bleibt dennoch gewaltig: Etwa drei Viertel der rumänischen Roma leben unter der Armutsgrenze. Schätzungsweise zwei von 20 Millionen Rumänen sind Roma, eine riesige Minderheit am Rande der Gesellschaft. Viele haben keine offiziellen Dokumente, weil sie nicht als rumänische Staatsbürger anerkannt werden. Folglich finden sie keine Arbeit, wenn sie als Roma denn überhaupt jemand einstellen würde. Es fehlen den Roma auch Nachweise über den Besitz ihrer Grundstücke und Häuser. Jederzeit könnten die Siedlungen geräumt und die Menschen zwangsumgesiedelt werden. Ohne nachweisbaren Wohnort gibt es auch keine Papiere. Und der Kreislauf der Marginalisierung beginnt von vorne.

Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene verbessern

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Ciprian Necula und Nico Schmolke im Ministerium für Europäische Fonds. Foto: Kevin Kepler

Ciprian Necula möchte diesen Kreislauf durchbrechen. Als Roma-Aktivist ist er im ganzen Land bekannt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und kritisiert die Regierung für ihre Tatenlosigkeit. Nun ist er jedoch seit einem halben Jahr selbst Teil der Regierung. Innerhalb des Ministeriums für Europäische Fonds bekleidet er den Posten eines Staatssekretärs. Er entwickelt Strategien, wie die europäischen Mittel für Benachteiligte in Rumänien eingesetzt werden können. Doch gleichzeitig bleibt er Aktivist. „Wenn die anderen Ministerien ihre Arbeit machen würden, müsste es mich nicht geben“, sagt Necula. Mit seinem offiziellen Amt im Rücken kämpft er für bessere Gesetze, damit Roma Ausweise bekommen und ihr rechtmäßiger Besitz legalisiert wird.

Letztlich sieht Necula die große Verantwortung jedoch auf kommunaler Ebene. Zu viele Bürgermeister sperren sich noch dagegen, ihre Budgets auch für die Roma-Siedlungen zu verwenden. Die kommunale Infrastruktur endet an den Wohngebieten der Roma. Mit den europäischen Geldern will Necula lokale Akteure dazu anregen, endlich auch Roma als Teil der Gesellschaft zu verstehen. Doch er kann nur Anstöße geben, organisieren müssen sich die Roma vor Ort selbst.

Roma-Frauen besonders benachteiligt

Im Gespräch mit Carmen Gheorghe, Vereinsvorsitzende von E-Romnja. Foto: Kevin Kepler
Im Gespräch mit Carmen Gheorghe, Vereinsvorsitzende von E-Romnja. Foto: Kevin Kepler

Vor allem müssen sich auch die Frauen organisieren. Bisher ist Politik bei den Roma, wie auch bei den etablierten Parteien in Rumänien, Männersache. Der Verein E-Romnja kämpft für die Rechte von Roma-Frauen. Die Vereinsvorsitzende Carmen Gheorghe erklärt das Vorgehen: Die Aktivistinnen sprechen vor Ort Frauen an und befragen sie zu ihren Bedürfnissen. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, um die Ideen der Frauen umzusetzen. Häufig geht es um basale Bedürfnisse wie Zugang zu Strom und Wasser. Schutz vor Gewalt und Zwangsverheiratungen steht jedoch genauso auf der Agenda.

Diese Arbeit ist mühsam. Roma-Frauen sind sowohl sexistischer als auch rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. Gheorghe hat ihre Erwartungen nach und nach heruntergeschraubt. „Ich bin schon froh, wenn ich einer einzelnen Roma-Frau ihr Selbstbewusstsein zurückgeben kann“, sagt sie. Besonders enttäuscht ist sie von der Europäischen Union. „Beim EU-Beitritt gab es eine große Euphorie. Wir haben voller Erwartungen die Tür geöffnet, doch der Raum war leer.“ Verändert hat sich also wenig. Vor Ort in den Roma-Siedlungen hofft keiner auf Europa. Europäische Standards oder die Verpflichtung auf den gemeinsamen Wertekanon sind Theorie, Marginalisierung ist weiterhin die Praxis.

Nächste Generation soll es besser haben

Diana Stoica von OvidiuRo erläutert, wie ihr Projekt die Bildungschancen von Roma-Kindern erhöht. Foto: Kevin Kepler
Diana Stoica von OvidiuRo erläutert, wie ihr Projekt die Bildungschancen von Roma-Kindern erhöht. Foto: Kevin Kepler

Doch es gibt auch Lichtblicke. Mit dem Programm „Alle Kinder in den Kindergarten“ versucht der Verein OvidiuRo den Armutskreislauf zu durchbrechen. Eltern erhalten Wertgutscheine, wenn sie ihre Kinder jeden Tag in den Kindergarten bringen. In elf der 41 Verwaltungskreise Rumäniens ist das Projekt aktiv. Wenn vorher durchschnittlich 30 Prozent der Kinder in vom Verein ausgewählten Gemeinden einen Kindergarten besucht haben, so sind es heute 80 Prozent. Dadurch steigen auch die Schulbesuchsraten. Das Projekt scheint nachhaltig zu wirken.

Nun können sich die Eltern endlich Schulmaterialien leisten, kaufen saubere Kleidung und bringen ihre Kinder auch dann zur Bildungseinrichtung, wenn die Wege zu Schlammgruben werden. Das Anreizsystem führt dazu, dass der Schulbesuch zur Normalität und nicht mehr in Frage gestellt wird. Viele internationale Unternehmen und Stiftungen finanzieren das Projekt. Sie stiften damit Hoffnung, dass die nächste Roma-Generation bessere Chancen auf ein menschenwürdiges Leben haben könnte.

Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf 2016. Dann finden wieder Kommunalwahlen statt. Cristian Buceanu aus Frumușani arbeitet am Zusammenschluss vieler Roma-Mandatsträger auf kommunaler Ebene. Mit vereinter Stimme soll es gelingen, die Roma entsprechend ihres Bevölkerungsanteils auch in die Parlamente zu bringen. Die Politisierung der Communitys soll ausgeweitet werden. Die Roma sollen ihre Rechte selbst in die Hand nehmen und sich für ihre Bedürfnisse einsetzen. Wenn die EU nicht helfen kann, dann muss man es eben selbst tun.

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