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Athen: Gehen oder Bleiben

Von Steffen Haake / 5. Oktober 2015

Ist Athen das neue Berlin? Zumindest war das vor kurzem in der ZEIT zu lesen. Aber derzeit wandern viele Athener noch aus ihrem Land aus – unter anderem nach Berlin.

Athen und Berlin – Eva Stratou kennt beide Städte, sie hat im Spannungsfeld der beiden Länder, deren ehemalige Finanzminister sich ein filmreifes Duell lieferten, gelebt. Die Griechin hat gerade ihr Architektur-Bachelorstudium in Athen abgeschlossen. Im Rahmen dieses Studiums absolvierte sie auch ein Auslandssemester mit dem Austauschprogramm der Europäischen Kommission, ERASMUS+, in Berlin.

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Wieder in Athen arbeitete sie als studentische Hilfskraft für das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Vergleicht sie beide Metropolen, so erkennt sie zwar die Nischen und den kreativen Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen in beiden wieder. Was berufliche Chancen anbelangt, sieht sie aber massive Unterschiede zwischen den urbanen Zentren.

„Alle meine Freunde und Freundinnen in Athen stehen vor der einen Frage: Gehen oder bleiben? Die meisten entscheiden sich zu gehen.“ Athen ist zur unattraktiven Option geworden, selbst für qualifizierte Absolventen.

Zukunft suchen in Deutschland

So hat sich auch Eva entschieden: Schweren Herzens geht sie weg aus Athen – nach Deutschland. Sie sei sehr froh, in das Master-Programm der Technischen Universität München aufgenommen worden zu sein. „Dort mag ich es und vor allem habe ich eine Perspektive, die ich in Griechenland nicht hätte“, erzählt sie.

Die Lage in ihrem Heimatland ist für sie aussichtslos. „Was mit Griechenland passiert, ist schlimm. Ich bin hier aufgewachsen, meine Familie lebt seit Generationen in diesem Land, meine Freunde und Freundinnen sind hier. Doch die aktuellen Entwicklungen stellt alle vor wahnsinnige Herausforderungen.“ Die Alten hätten kaum noch genug zum Leben, die Jungen zögen zurück zu ihren Eltern oder ins Ausland, weil sie keine Perspektive mehr für sich sähen. Viele andere junge Athener und Athenerinnen hätten eine ähnliche Meinung.

Griechenland in eine Box gepackt

Der Wirtschaftsprofessor Michael C. Burda von der Humboldt-Universität zu Berlin hat Verständnis für die Situation junger Griechen. „Einige Beobachter meinen, es sei, als habe man Griechenland in eine Box gepackt, haue nun mit dem Knüppel drauf und wäre nur zu den anderen freundlich“, sagt er.

Die Worte Burdas stimmen gut mit der Gefühlslage Evas überein. „Viele fühlen sich durch die europäische Sparpolitik gedemütigt“, sagt Eva. !Natürlich hat der griechische Staat über Jahrzehnte große Fehler gemacht, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber was können die einfachen Leute dafür?“ Die Sparpolitik führe dazu, dass ein Teufelskreis entstehe. „Niemand hat mehr Geld und kann nichts mehr kaufen – dadurch machen die Unternehmen Verluste, gehen in die Insolvenz und verursachen Arbeitslose. Ein Haus bauen kann dann niemand mehr – schlechte Zeiten für Architekten.“

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Optimismus trotz allem

Auch Burda berichtet von Abwanderungstendenzen: „Ich untersuche dieses Phänomen schon lange: In den USA gibt es eine unglaublich hohe Mobilität, in Europa ist das neu.“ Nun bestehe die Gefahr, dass Griechenland durch die aktuelle Krise noch weiter geschwächt werde, weil die talentiertesten Köpfe ins europäische Ausland abwanderten. „Andererseits sehe ich aber auch die Chance: Europa könnte dadurch näher zusammenrücken und die jungen Griechen, wenn sie eines Tages wieder in ihre Heimat zurück kehren, mit neuen Eindrücken zur Stärkung des Landes beitragen.“

Ein solcher Optimismus ist auch bei Eva zu hören. „Zur griechischen Kultur gehört auch, allen Umständen zum Trotz die Lebensfreude nicht zu verlieren. Ich freue mich auf München und bin gespannt, was mich erwartet.“

Eine Antwort zu “Athen: Gehen oder Bleiben”

  1. Von Peter am 5. Oktober 2015

    Wünsche dir viele neue Eindrücke! Nutze die Zeit.

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