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Besser gebildet

Von Jacqueline Möller / 21. Juli 2017
Credits: Pixabay/ guilossio; Lizenz CC0

Die Digitalisierung ist überall und „4.0“ schlechthin die Zahlenkombination unserer Zeit. Auch im Bildungssektor steht die nächste Revolution an. Aber können wir wirklich schon von Bildung 4.0 sprechen?

Willkommen im Jahr 2017! Willkommen im Jahr des Web 4.0, deinem Freund und Helfer! Das Internet ist für dich gemacht, will dich bei sämtlichen Schwierigkeiten, die das Leben dir bietet, unterstützen. Du musst nur lernwillig sein.

Gefragt nach „Bildung“, spuckt Google 120.000.000 Treffer aus, sodass schnell klar wird: Möglichkeiten der Wissensvermittlung außerhalb des Schul- und Hochschulsystems gibt es viele. Was früher die Volkshochschule (VHS) bereitgestellt hat, leistet heute Edtech. Educational technology, also Bildungstechnologie, macht moderne Wissenschaft im Zeitalter der Digitalisierung verständlich und zugänglich. Sei es durch E-Learning, Lern-Apps oder MOOCs, Massive Open Online Kurse, die kostenlos sind und Unmengen von Interessierten Wissen auf Universitätsniveau anbieten.

Dieses vielfältige Angebot unterstützt die Art des eigenständigen Lernens – unabhängig von Alter oder Geldbeutel, Tageszeit oder Aufenthaltsort. Gebraucht wird lediglich der Zugang zum World Wide Web. Die Video-Plattform Youtube etwa bietet gleichermaßen Videos über den Satz von Pythagoras, Englisch-Grammatik und Programmiersprachen.

Kein Wunder, dass ein solches Bildungsversprechen klassischen VHS-Kursen oder teuren Nachhilfestunden Konkurrenz macht.

Cashcow Bildung?

Tatsächlich steht hinter den noch jungen Edtechs ein milliardenschwerer Markt. Längst prägen auch kostenpflichte Onlinekurse inklusive Materialien den Trend. Allein bis 2020 soll das Umsatzvolumen des digitalen Bildungsmarktes um 17 Prozent pro Jahr auf 252 Billionen US-Dollar (ca. 219 Milliarden Euro) steigen. Die Zeichen stehen unwiderruflich auf digital, denn die Onlinekurse sind effizient: Laut einer repräsentativen Studie der Universität Harvard und des Massachussets Institute of Technology (MIT ) brauchten 95 Prozent der Onlinekursteilnehmer mit zwölf Stunden pro Woche nur knapp ein Drittel der Studienzeit ihrer Kommilitonen, die gleichwertige traditionelle Kurse besuchten.

Die neuartige Kommerzialisierung von Bildung ist in vollem Gange. Deutschlands Klassenzimmer sind dennoch alles andere als digital. So bezeichnen laut einer Bitcom-Studie 40 Prozent der Eltern die Computerausstattung der Schulen ihrer Kinder als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Bis 2021 soll sich das jedoch ändern. Bildungsministerin Johanna Wanka (SPD) will in den kommenden vier Jahren rund fünf Milliarden Euro in die digitale Ausstattung von Schulen investieren. Sollte ihre Partei die Bundestagswahl gewinnen. Zusätzlich wird die Idee einer sogenannten Schul-Cloud weiter gesponnen. Damit sollen teilnehmenden Schulen Bildungsmaterialien kostenlos zur Verfügung stehen, auf die dann sowohl Lehrer als auch Schüler zugreifen können.

Rückbesinnung auf Bildungsauftrag

Aller gut gemeinten und teils überfälligen Initiativen zum Trotz ist aber jetzt schon klar: Ganz in das Internet verlagern und dort kommerzialisieren lassen wird sich die Bildung in Zukunft nicht. Das liegt auch daran, dass die derzeitigen Onlinebildungsangebote zu viele Schwachstellen haben.

Sie gingen zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Kursteilnehmer ein, so Kritiker. Diese im Zweifel sogar vor ihrem bildschirm vereinsamen. Außerdem zollten viele Schüler den Kursen nicht die notwendige Ernsthaftigkeit. Zudem ist die richtige Anwendung des Urheberrechts angesichts eines der wertvollsten Gesellschaftsgütern noch immer strittig. Und, so irritierend es auf den ersten Blick scheinen mag, mit der Bildung im Internet ist wie alles andere dort: in großem Stil durch Hacker manipulierbar.

Lernstoff auf rein digitalen Weg zu vermitteln, scheint ein steiniger Weg – stellt man sich die praktische Umsetzung weiter vor. Vom Hausmeister über Aisstenzlehrer bis zum Schuldirektor würde durch die Digitalisierung eine Vielzahl von Arbeitsplätzen womöglich vernichtet.

Zuletzt würde eine Verlagerung von Bildung in die Hände digital versierter Privatunternehmen ein bislang unumstrittenes Prinzip unterminieren. Darin heißt es: „Dem Staat kommt per Grundgesetz die Verpflichtung zu, ein chancengleiches und leistungsfähiges Schulsystem zu unterhalten, welches einen gewissen Bildungsstandard gewährleistet.“ Würde dies aufgegeben, könnten Unternehmen mit Hilfe von Lern-Apps ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen an Kinder und Erwachsene vermitteln, etwa Kaufwünsche durch zwischengeschaltete Werbung wecken. Um nur ein Missbrauchsbeispiel zu nennen.

Eingedenk aller Vor- und Nachteile der Digitalisierung im Bildungsbereich zeigt sich, es gilt – wie überall – Maß zu halten. Digitale Medien in den Unterricht zu integrieren, muss selbstverständlich sein. Medienkompetenzen, die in sämtlichen Berufen immer häufiger nachgefragt werden, sollte jede Schule oder auch VHS zumindest im Ansatz vermitteln. Schließlich darf nicht vergessen werden: Wissen ist immer im Wandel. Digitale Methoden erleichtern die Anpassung daran.

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