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Bestechendes Tschechien

Von Isabel Stettin / 2. September 2014
Carmen Stettin

Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt profitiert Tschechien von Investitionen, Förderprogrammen und zusätzlichen Arbeitsplätzen. Vor allem die Tourismusbranche floriert. Doch Korruption hemmt den Erfolg. Touristen schlendern über die Prager Karlsbrücke. In urigen, überfüllten Gaststätten bestellen sie böhmische Knödel und tschechisches Bier. Souvenirläden reihen sich in den Gassen der Altstadt aneinander wie Perlen auf einer Kette. Seit […]

Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt profitiert Tschechien von Investitionen, Förderprogrammen und zusätzlichen Arbeitsplätzen. Vor allem die Tourismusbranche floriert. Doch Korruption hemmt den Erfolg.

Touristen schlendern über die Prager Karlsbrücke. In urigen, überfüllten Gaststätten bestellen sie böhmische Knödel und tschechisches Bier. Souvenirläden reihen sich in den Gassen der Altstadt aneinander wie Perlen auf einer Kette.

Seit 1992 ist der Prager Stadtkern UNESCO-Weltkulturerbe. „Man kann stundenlang durch die Stadt spazieren und sieht überall historische Gebäude“, schwärmt die Pragerin Veronika Holikova, die seit 2004 als Touristenführerin arbeitet.

„Die positive Entwicklung des Tourismus in Tschechien nach dem Beitritt zur EU schließt an die positive Entwicklung aus den 1990er Jahren an“, sagt Jana Královcová von CzechTourism, der tschechischen Tourismuszentrale. „Der Beitritt zur EU 2004 und zum Schengen-Raum 2007 hat den Fremdenverkehr vereinfacht. Die Abschaffung der Grenzkontrollen macht Tschechien attraktiver für ausländische Touristen.“

Václav Havel kurz nach dem Beitritt Tschechiens in de EU. Havel war bis 2003 Präsident und betrieb bis zum Ende seiner Amtszeit die Anbindung Tschechiens an Nato und EU. (Foto: CzechTourism)
Václav Havel kurz nach dem Beitritt Tschechiens in de EU. Havel war bis 2003 Präsident und betrieb bis zum Ende seiner Amtszeit die Anbindung Tschechiens an Nato und EU. (Foto: CzechTourism)

Zustimmung weicht Skepsis

Bereits zu Beginn der 1990er Jahre schloss die damalige Tschechoslowakei ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Gemeinschaft. Nach der Teilung in die Tschechische und die Slowakische Republik 1993 wurde Václav Havel mit großer Mehrheit zum ersten Präsidenten gewählt, der sich bis zum Ende seiner Amtszeit 2003 für den EU-Beitritt einsetzte.

Mehr als 77 Prozent der Tschechen entschieden im Referendum für den EU-Beitritt. Doch die breite Zustimmung wich der Skepsis, die vor allem vom damaligen EU-kritischen Staatspräsidenten Václav Klaus befeuert wurde. Die derzeitige Regierung unter Miloš Zeman setzt wieder auf einen pro-europäischen Kurs und spricht sich für die Einführung des Euros aus.

Viele Tschechen sind enttäuscht von der EU. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Median vom Februar 2014 bewerteten nur 37 Prozent der Tschechen die Mitgliedschaft in der europäischen Staatengemeinschaft als positiv.

Finanzielle Unterstützung

Dabei wird das Land finanziell tatkräftig von der EU unterstützt. Von 2007 bis 2013 standen rund 26,7 Milliarden Euro an EU-Fördermitteln zur Verfügung, etwa zwei Drittel des tschechischen Staatshaushalts von 2007. Um die Mittel nutzen zu können, musste der Staatshaushalt Zuschüsse in Höhe von 4,7 Milliarden Euro beitragen.

"Dank den Förderungen der EU konnten viele neue Arbeitsplätze entstehen", freut sich Jana Královcová von CzechTourism, der tschechischen Tourismuszentrale (Foto: privat)
„Dank den Förderungen der EU konnten viele neue Arbeitsplätze entstehen“, freut sich Jana Královcová von CzechTourism, der tschechischen Tourismuszentrale (Foto: privat)

Von den Programmen für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Umweltschutz und eine verbesserte regionale Entwicklung profitiert auch die Tourismusbranche. „Es sind viele grenzüberschreitende Projekte zwischen den tschechischen Regionen und den Grenzregionen der Nachbarstaaten entstanden“, sagt Jana Královcová von CzechTourism. Übernachtungseinrichtungen wurden auf- und ausgebaut, Sehenswürdigkeiten rekonstruiert, Kurorte modernisiert und es wurde in Marketingkampagnen und Touristeninformationsservices investiert. Unter anderem wurde die Stadt Pilsen, bis dato vor allem aufgrund ihrer Bierspezialitäten bekannt, mit EU-Hilfen restauriert. 2015 ist sie die europäische Kulturhauptstadt.

„Dank der Förderung der EU entwickeln sich die Infrastruktur und die Ausbildungsmöglichkeiten für Fachkräfte. So sind viele neue Arbeitsplätze entstanden, vor allem im Bereich der Dienstleistungen“, sagt Královcová. Dem Tschechischen Statistikbüro zufolge arbeiten rund 230.000 Tschechen in der Tourismusbranche. Das entspricht 4,6 Prozent der Arbeitnehmer.

Insgesamt 13,9 Millionen tschechische und ausländische Reisegäste wurden 2013 registriert – absoluter Rekord. Fast ein Fünftel der 7,3 Millionen ausländischen Touristen kam aus Deutschland. Wie viele andere Tschechen lernt Veronika Holikova seit der Schule Deutsch. „Sprachen sind für uns wichtig“, sagt sie. „Wir müssen uns bemühen, weil wir ein so kleines Land sind.“

Korruption erschüttert Vertrauen

Dass viele Tschechen trotz der Zuwächse beispielsweise in der Tourismusbranche von der EU enttäuscht sind, kommt nicht von ungefähr. Korruptions- und Betrugsskandale erschüttern das Vertrauen der Bevölkerung in Politik und Wirtschaft.

Im Januar 2014 hat die EU vier Milliarden Euro Fördergelder für Tschechien eingefroren, da eine effektive Kontrolle über die Verwendung der Gelder fehle. Die Vergabeverfahren bei öffentlichen Bauaufträgen sind intransparent, die Verteilung von EU-Fördermitteln schlecht nachvollziehbar. Im ersten Antikorruptionsbericht, den die EU-Kommission im Februar 2014 veröffentlichte, schneidet Tschechien schlecht ab.

95 Prozent der befragten Tschechen glauben, Korruption sei in ihrem Heimatland weit verbreitet. Viele befürchten vor allem, dass Betrug unter Amtsträgern, die öffentliche Aufträge vergeben, gang und gäbe ist. Die Reiseagentur CorruptTour nimmt es mit Humor. Fernab der märchenhaften Prager Stadtkulisse begleiten die Stadtführer Touristen zu teuren Bauprojekten sowie zu Wohnhäusern von Lobbyisten und korrupten Politikern, frei nach dem Motto „Bestechendes Prag“.

Eine Antwort zu “Bestechendes Tschechien”

  1. Von emil am 24. Juli 2015

    Danke für die Informationen. Es gibt wenige Blogs die wie hier so verständlich und ausführlich schreiben.

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