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Bitte entspannen Sie jetzt!

Von Barbara Engels / 16. Januar 2019
Credits: Photo by Haley Phelps on Unsplash;

Wellnessurlaube erfreuen sich steigender Beliebtheit – und zahlender Fans. Knapp 2.000 Euro geben Deutsche im Schnitt für Wellness aus. Kann man sich Entspannung erkaufen?

Einfach mal raus, entspannen, dem Alltag entfliehen, detoxen – auch digital, ein bisschen mehr Achtsamkeit, keine Termine. Was könnte sich dafür besser eignen als ein Wochenende in einem Wellnesshotel?

So denken außer mir immer mehr Deutsche. Im Tourismusjahr 2016 und 2017 hat sich die Anzahl der Wellnessreisen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 27 Prozent auf 14,7 Millionen Reisen erhöht. Insgesamt schreiben sich rund 1.300 Hotels in Deutschland Wellness auf die Fahne. Knapp 200 davon bekamen 2018 das Gütesiegel der anonymen Tester des „Relaxguide“, können also als Wellnesshotels im engeren Sinne bezeichnet werden.

Die Qual der Wahl 

Allein die Auswahl eines passenden Hotels für ein Wochenende Auszeit ist eine Mammutaufgabe. Wie viele Quadratmeter Spa-Bereich dürfen’s denn sein? Möchte ich lieber vier Saunen und zwei Ruheräume oder drei Saunen, einen Ruheraum und einen Außenpool? Genügt Halbpension mit Buffet oder soll es auch mal das Sterne-Dinner sein?

Der Preis als Auswahlkriterium ist nicht besonders hilfreich. Die Angebote schwanken zwischen teuer und sehr teuer. Unter 90 Euro pro Person und Nacht in der billigsten Kategorie zum günstigsten Zeitpunkt kommen Ruhesuchende nicht weg. Knapp 2.000 Euro geben Deutsche im Schnitt für einen Wellnessurlaub aus. „Wir gönnen uns mal was“, lügen sie sich selbst in die Tasche – da springt das Portemonnaie gleich leichter auf. Könnten wir uns Erholung doch nur tatsächlich erkaufen!

Mein Freund Patrick und ich entscheiden uns nach langem Hin und Her und dem Brüten über Exceltabellen mit den Vor- und Nachteilen von sieben interessanten Hotels für ein Haus der Kategorie „sehr, sehr teuer“. Wenn wir uns dort nicht entspannen, dann liegt es zumindest nicht an unserer Knausrigkeit, beruhigen wir uns selbst.

Der Fachwerkkomplex schmiegt sich sanft in die sauerländische Berglandschaft. Tannen soweit das Auge reicht, allein der Schnee fehlt zum perfekten Idyll. Die zweistündige Anfahrt aus Köln an einem Freitagnachmittag im Winter hat nochmal an unseren Nerven gezerrt: erst Stau, dann Serpentinen, dann zu viele Krümel im Auto. Aber wir kommen an und schleppen uns zur Rezeption. Woher kommt nur das viele Gepäck? Gleich, gleich, gleich können wir uns entspannen.

Termine, Termine, Termine

„Bitte warten Sie kurz hier“, die Rezeptionistin deutet auf ein Sofa. Schon fliegen zwei Gläser Sekt herbei. Patrick und ich stoßen an: So kann es weitergehen. Kopf aus, Erholung an. „Sie können jetzt auf Ihr Zimmer. In einer halben Stunde haben Sie die Paarmassage im Wellnessbereich, danach das Rosenbad und das Peeling. Und ab 18:30 Uhr gibt es dann das Essen, Sie hatten ja Halbpension bestellt. Ihre Termine für Morgen gebe ich Ihnen auch direkt mit.“ Ich verschlucke mich fast an dem Begrüßungsdrink und schlürfe ihn dann hektisch aus. Wenn wir uns vor der Massage noch im Spa-Bereich umsehen wollen, sollten wir uns schnellstmöglich umziehen. Wir hasten aufs Zimmer.

Den Zettel mit den Terminen hänge ich gut sichtbar an den Badezimmerspiegel – wir wollen ja nichts verpassen. In die Spa-Tasche stopfe ich fünf Zeitschriften, die ich schon seit Monaten lesen will. Hoffentlich finde ich zwischen den Anwendungen noch Zeit dafür. Äußerlich bin ich entspannt in Bademantel und Flipflops, innerlich brodelt es noch.

Viele Menschen, die sich für einen Wellness-Urlaub entscheiden, versuchen so wie ich, in kurzer Zeit etwas auszugleichen, was sie über lange Zeiträume falsch machen. Natürlich sind Massagen, Saunagänge und das Dösen im Ruheraum kurzfristig eine Wohltat. Langfristig gesünder wird man dadurch jedoch nicht.

Eine nachhaltige Wirkung erzielt Wellness nur, wenn sie Raum zum Nachdenken und zur Inspiration bietet. Gute Düfte, harmonische Klänge und massierende Hände sind hilfreich, das letzte Stück des Weges muss jedoch jeder selbst gehen. Das Wissen darüber ist leider keine Garantie zur Erlangung dieses heilsamen Zustandes.

Da war sie, die Erholung

Und so kommt es, dass es erst Samstagnachmittag werden muss, bis ich mich wirklich entspannt fühle. Samstagnachmittag haben wir die zahlreichen, wirklich tollen Anwendungen hinter uns gebracht und können uns mit uns selbst beschäftigen. Eingemummelt in Bademantel und Wolldecke blicken wir durch bodentiefe Fenster am Pool auf den angelegten Teichgarten.

Patrick atmet lang und tief auf der Liege neben mir. Ich ertappe mich dabei, wie ich einer Gruppe von Frauen, die die allgemeine Ruhe zerkichern, halb vorwurfsvolle und dennoch möglichst coole Blicke zuwerfe. Zwischen Rezeptideen, Einrichtungstipps und Tauchberichten ziehen meine Gedanken schließlich dahin.

Neben mir ist Patrick aufgewacht. „Wollen wir nochmal in die finnische Sauna, bevor wir gleich essen gehen?“, flüstert er. Ich nicke. Ich bin gerne nochmal nackt, bevor das Defilee zum Abendessen beginnt. Nach 18 Uhr tauschen die Gäste ihr Adamskostüm für fünf Gänge gegen schicke Abendroben. Entspannung sieht für mich anders aus – aber vielleicht muss ich mich auch einfach nur darauf einlassen. Schließlich habe ich dafür bezahlt.

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