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Der Freund in meiner Telefonleitung

Von Julia Berghofer / 27. Mai 2015
picture alliance / dpa

Freunde zu haben ist eine feine Sache, auch im internationalen Umfeld. Manchmal können Freunde aber auch ziemlich anstrengend werden. Die USA beispielsweise stellen das gute Verhältnis zu Deutschland auf eine permanente Belastungsprobe – und vermiesen deutschen Diplomaten damit das Feierabendbier

Es ist Mitte Mai. Im „Vienna Café“ im Hauptquartier der Vereinten Nationen sitzt ein kleines Grüppchen deutscher Delegierter zusammen, die lange Gesichter machen. Hier im Herzen New Yorks werden regelmäßig wichtige Verträge verhandelt. In diesem Fall der Atomwaffensperrvertrag, der alle fünf Jahre neu diskutiert wird und bei den Deutschen offensichtlich für schlechte Laune sorgt. Ursprünglich sollte der Vertrag die Nuklearmächte, allen voran die USA und Russland, zum Abrüsten bewegen. Das gestaltet sich bis heute schwieriger als ursprünglich erwartet.

Für die deutsche Gesandtschaft müsste das nicht unbedingt ein Grund sein, deprimiert in den Kaffeebecher zu stieren. Wäre da nicht die unbequeme Sache mit der Freundschaft zu den USA.

Denn die Amerikaner fordern von den Deutschen mit Blick auf den Atomwaffensperrvertrag einen heiklen Loyalitätsbeweis. Die Bundesrepublik selbst besitzt rechtlich gesehen keine Atomwaffen. Trotzdem lagert ein kleines Arsenal von etwa 20 Sprengköpfen in einem 1000-Seelen-Dorf in Rheinland-Pfalz. Das Konzept nennt sich „nukleare Teilhabe“ im Rahmen der NATO und sieht vor, dass im Ernstfall durch die deutsche Luftwaffe amerikanische B 61-Bomben zum Einsatz gebracht werden. Momentan werden diese Waffen vermutlich gerade modernisiert – während die USA selbst ihre Abrüstungsverpflichtungen nur dann erfüllen, wenn es gerade gelegen kommt. Also ausgesprochen sporadisch.

Wie aber soll die Bundesrepublik international glaubhaft die Abschaffung von Kernwaffen propagieren, wenn gleichzeitig in heimischen Gefilden unauffällig Aufrüstung betrieben wird? Man ist im Zwiespalt. Grund genug für das Diplomatentrüppchen, kurz vor Ende der ins Hoffnungslose tendierenden Verhandlungen mindestens so unzufrieden dreinzusehen, als habe man Deutschland gerade untersagt, weiterhin Panzer nach Saudi-Arabien zu liefern.

Manchmal wäre es schön, weniger anstrengende Freunde zu haben. Die Auswahl wäre groß, schließlich hat Deutschland international ein exzellentes Standing. Deutsche Demokratie, Transparenz und Kompetenz sind Exportschlager. Deswegen herzt die Kanzlerin den französischen Präsidenten Hollande im Elysée-Palast, trinkt Tee im saudischen Königshaus und kuschelt mit Putins Hirtenhunden im Kreml. Wohlgesinnte Partner gibt es in Hülle und Fülle.

Für die hat man leider nur noch wenig Zeit, denn die USA strapazieren die deutsche Aufopferungsbereitschaft permanent. NATO-Speerspitze gegen die russische Aggression? Deutschland ist an vorderster Front dabei. Der militärische Stresstest: Die Offiziere auf Standby halten und dafür sorgen, dass anständiges Kriegsmaterial da ist, weil andernfalls die russischen Soldaten im Ernstfall besser mit der Kalaschnikow treffen als jedes halbwegs funktionstüchtige G36. Rückendeckung in Europa und in der leidigen Atomwaffenfrage. Die Amerikaner fordern ganz schön viele Liebesbeweise.

Umgekehrt scheint wenig von den transatlantischen Partnern zurückzukommen, außer vielleicht ein paar vage Sicherheitsversprechen. Hätten wir es mit einer zwischenmenschlichen Beziehung zu tun, wäre Deutschland der verzweifelte Liebhaber, der seitenweise Sonette verfasst und auf eine Sympathiebekundung der Angebeteten hofft, während diese sich mit einer ganzen Reihe von Verehrern tummelt und ihrerseits ungern Zeichen der Zuneigung liefert.

So nimmt auch daheim in Berlin die deutsch-amerikanische Freundschaft zuweilen hässliche Züge an. Man denke nur an die ominöse Kooperation des Bundesnachrichtendienstes mit der NSA, die jetzt wieder medial zerkaut wird. Nicht nur habe die NSA kräftig in befreundeten Gefilden gewildert, der BND sei auch noch unmittelbar in die NSA-Aktivitäten verwickelt gewesen und gibt mittlerweile auch zu, er könne nicht anders, er sei abhängig.

Abhängigkeit unter Freunden? Geht gar nicht. Und trotzdem haben wir eine Kanzlerin, der die Lust am Telefonieren vergangen ist, einen BND, der sich dilettantisch aus dem Skandal herauszuwinden versucht und einen Haufen eingeschüchterter Internet-User, die sich in Zukunft hüten werden, spaßeshalber nach Bausätzen für Molotow-Cocktails zu googlen.

Wäre man nur nicht so hin und her gerissen. Dann würden ein paar Tausend Meilen weiter westlich die deutschen Diplomaten abends ein Bierchen auf der Delegierten-Terrasse mit Blick auf den East River genießen, nachdem sie den Amerikanern morgens in der Konferenz klargemacht haben, dass man so etwas nicht macht unter guten Freunden: einem kleinen Örtchen Atomwaffen unterjubeln und die SMSen lesen, die Angela Merkel an ihre Parteikollegen schickt, wenn es in der Bundestagssitzung mal wieder anfängt öde zu werden. Weil aber die guten Freunde zuhause auch in der eigenen Telefonleitung stecken und man sein Image als zuverlässiger NATO-Partner nicht gefährden möchte, sitzt die deutsche Vertretung am diplomatischen Katzentisch und darf nicht stören, wenn die Mächtigen tief in den Katakomben der UN verhandeln, wie es mit dem weltpolitischen Schicksal weitergeht.

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