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Der Wut begegnen

Von Zita Hille / 27. Januar 2021
picture alliance / dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Hate Speech, Cybermobbing, Body Shaming – all das sind Phänomene, mit denen durchschnittliche Social Media-NutzerInnen konfrontiert sind. Manche häufiger, andere selten. Für alle aber gilt: Ein negativer oder provokanter Kommentar bleibt eher im Gedächtnis haften als 100 positive.

„Es scheint, als würden Leute ihren ganzen Frust und ihre schlechte Laune an der Supermarktkasse bei den Kassiererinnen abladen.“ Das ist ein Zitat aus den „Wilden Hühnern“ – Cornelia Funkes Jugendbuch-Klassiker. Was damals die Supermarktkasse war, ist heute das Internet. In den sozialen Medien scheinen sich eine Menge wütender, unausgelasteter und gereizter Menschen zu tummeln, die bei jeder Möglichkeit ihren Emotionen freien Lauf lassen.

Cathy Hummels, Moderatorin und Influencerin, kennt das Problem. Sie ist Person des öffentlichen Lebens, hat 606.000 Follower auf Instagram und findet regelmäßig Hasskommentare und Beleidigungen unter ihren Fotos sowie Bewertungen über ihren „viel zu dünnen“ oder „viel zu dicken“ Körper und vieles mehr. In einer Reportage der Sat.1-Sendung „Akte“ trifft sie eine ihrer „Haterinnen“, Lisa P. Unter ein von Hummels aus dem Krankenhaus gepostetes Foto, in dem sie sich wegen einer Keiminfektion befand, schrieb Lisa P.: „Dein Ernst? Du heulst rum wegen einer Magenspiegelung oder Darmspiegelung? Andere haben viel schlimmere Eingriffe und haben danach Langzeitschäden. Wie lächerlich Du bist.“

Promis posten von ihrem privaten Leben, um sich nahbarer zu machen, das ist bekannt. Aber ist die unverblümte Meinungsäußerung von Lisa P. gerechtfertigt? Cathy Hummels und Lisa P. treffen in der Reportage aufeinander und es stellt sich heraus: Lisa P. leidet selbst unter einer Krankheit und war in dem Moment des Postings frustriert. Ihr Kommentar war Resultat von Emotionen, die sie in diesem Moment nicht zurückhalten konnte – oder wollte. Lisa P. war damals außerdem ebenfalls Opfer von Mobbing. Doch dass sie mit ihrer Aktion selbst zur Täterin werden würde, sei ihr in diesem Moment nicht bewusst gewesen, gibt sie an.

Meinung oder Mobbing?

Auch Sat.1-Frühstücksfernsehen-Moderatorin Alina Merkau unterzieht sich dem Konfrontations-Experiment: Sie trifft auf ihre 80-jährige Internet-Haterin Christel. Christel erklärt, sie habe gedacht, ihre kritischen Kommentare kämen bei Alina Merkau gar nicht an, weil sie in der Masse an Kommentaren untergingen und sie deshalb nicht verletzen könnten; und außerdem müsse die Moderatorin doch eine dicke Haut haben. Dass hinter dem Fernsehgesicht Alina Merkau eine reale Person mit Gefühlen steckt, scheinen Menschen wie Christel zu vergessen oder zu ignorieren. Auch der Eindruck, in der Fülle an Kommentaren nicht weiter beachtet zu werden, unterschätzen einige. Und rechtfertigen sich: Es sei ja nur die eigene Meinung.

Doch der Grat zwischen Meinung und Mobbing ist schmal. Der Tatbestand der Beleidigung kommt auf Social Media-Kanälen am häufigsten vor. Laut Paragraph 185 des Strafgesetzbuchs (§ 185 StGB) kann man dafür mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden. „XX gehört standrechtlich erschossen. Dieser Assi ist weitaus schlimmer als die Nazis.“ Dieser Kommentar kostete den Verfasser 1.200 Euro wegen Beleidigung.

Üble Nachrede gemäß § 186 StGB ist ebenfalls ein häufiger Tatbestand: Hier muss die Aussage an sogenannte ehrenrührige Behauptungen gekoppelt sein. Ebenso wird die Würde bestimmter Gruppen angegriffen, wenn Gruppenzugehörige als minderwertige Wesen eingestuft werden: So lautet die Definition des Bundesgerichtshofes für Volksverhetzung, auf die bis zu fünf Jahre Haft oder ein entsprechend hohes Strafgeld folgen. Gemäß § 111 StGB kann man zudem für die öffentliche Aufforderung zu Straftaten belangt werden.

Sogar Likes sind strafbar

Wie die Hessenschau mitteilte, sind seit kurzem nicht nur Kommentare strafbar, sondern auch Likes auf Hass- und Hetzkommentare. So erging es einem 63-Jährigen aus Hofheim, der kurz nach dem Anschlag in Hanau im Februar 2020 diesem Facebook-Kommentar Zustimmung signalisierte: „Solange sich die … gegenseitig abschlachten, ist alles ok… 😉“. Die Folge: Ein Strafbefehl wegen öffentlicher Billigung von Morden, die den öffentlichen Frieden stören könnte.

Warum einigen das Verfassen derartiger Kommentare so leicht von der Hand geht, ist nicht eindeutig zu beantworten. Wenn es einem auf anonymen Plattformen, wie zum Beispiel der Studenten-App „Jodel“, leichter fällt, gesichtslos über private Angelegenheiten zu sprechen, sinkt vermutlich auch die Hemmschwelle, vermeintlich unerkannt Negatives über andere Menschen zu äußern. Aber abgesehen davon, dass man mit Hilfe von IP-Adressen die UrheberInnen von Posts herausfinden kann, besagt eine Studie von WissenschaftlerInnen der Uni Zürich aus dem Jahr 2016 dagegen, dass anonyme NutzerInnen weniger aggressiv kommentieren als nicht-anonyme. Die Anschlussfrage, ob Hater aus dem Netz Beleidigungen auch direkt in das Gesicht ihrer Opfer aussprechen würden, muss wohl bejaht werden.

Andererseits zeigen beide „Akte“-Reportagen, dass sowohl Christel als auch Lisa P. in der Gegenüberstellung Reue empfinden und sich für ihre Äußerungen entschuldigen. „Im Ton vergriffen“, so beschreibt es die 80 Jahre alte Christel vor der Kamera.

Lieber mit Gesicht als ohne

Motivation für die Verwendung eines Klarnamens ist laut netzpolitik.org die höhere Glaubwürdigkeit. Sicherlich wird auf Facebook eher jemandem beigepflichtet, der ein scheinbar vertrauenswürdiges Profil besitzt, als einer „Zuckermaus123“. Warum aber erlaubt man diese Art von destruktiver Kritik im öffentlichen Raum überhaupt?

Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, warnt jedenfalls: „Hasskommentare bedrohen die Demokratie.“ Immer mehr Menschen hielten sich aus Angst, Hassreaktionen auf ihre Kommentare zu ernten, aus Diskussionen heraus. Daher müsste von „gefühlten Mehrheiten“ die Rede sein, wie Quent in einem Interview mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erläutert. Die „stillen Mitleser“ würden vergessen. Um das Meinungsbild wieder zu entzerren, rät Quent ebendiesen, den öffentlichen Raum nicht nur anderen zu überlassen und sich einzumischen. Mit Respekt.

6 Antworten auf „Der Wut begegnen“

  1. Von Der Peter am 27. Januar 2021

    Hass im Internet wird unterschätzt, meine Freunde
    Good vibes only

  2. Von DerHerr am 27. Januar 2021

    Gut geschriebener Artikel mit relevanten Beispielen! Beleidigungen sollte man für sich behalten 😉

  3. Von Ibolya am 27. Januar 2021

    Super Artikel,leider sehr aktuell..

  4. Von Daniel am 27. Januar 2021

    Gut geschrieben und gut recherchiert 👍

  5. Von Tim am 28. Januar 2021

    Interessanter Artikel und wichtiges Thema heutzutage, leider.

  6. Von Thomas am 1. Februar 2021

    Sehr guter Artikel. Leider kommt sowas viel zu häufig vor!

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