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Die Haltbarkeit von Idolen

Von Camilla Lindner / 4. August 2021
picture alliance / Westend61 | hsimages

Idole? Damit bezeichnen wir Menschen, die uns beeindrucken und inspirieren, zu denen wir aufblicken. Idole vereinen die Sehnsüchte vieler, sie werden verehrt und erhalten übermenschliche Größe. Was aber sind die Bedingungen für einen Idol-Status?

Sie sitzen oder stehen, erhoben auf Sockeln, ihre Körper aus Bronze oder Stein. Statuen machen Menschen zu erinnerungswürdigen Objekten. Otto von Bismarck im Hamburger Elbpark oder Jean-Baptiste Colbert vor dem französischen Parlament in Paris suggerieren Unsterblichkeit. Ob nun Bismarck und Co. für manche Menschen immer noch wie einst als Idol, Vorbild oder gar Held gelten, steht seit einiger Zeit in Frage. Kritik und Debatten um kolonialgeschichtliche Aufarbeitung zeigen, dass sich eine Person keineswegs für immer ihrer positiven Zuschreibung sicher sein kann und dass Geschichtlichkeit nicht linear verläuft.

Einfluss auf die Wahrnehmung anderer nimmt die Bedeutung von Sprache. Der Begriff des Idols leitet sich aus einer Zeit ab, in der vor allem heidnische Götter verehrt wurden. Der Bezeichnung hängt somit etwas Überweltliches an. Irdisch wird ein Idol erst, wenn sich damit eine gewisse Vorbildfunktion verbinden lässt, die es greifbar macht. Dabei unterscheiden sich Idol und Vorbild deutlich. Ein Vorbild bietet Charakteristika, die nachgeahmt werden können. Freund:innen oder Eltern werden oft als Vorbilder beschrieben, als Idol wird sie eher niemand bezeichnen. Schließlich hängt dem Begriffsverständnis von “Idol“ ein Hauch von Kult an. Idole werden zu “lebenden Legenden“ stilisiert. Bislang verwiesen idealisierte Leitbilder in von Mythen umrankten Legenden allerdings vielfach auf religiöse Persönlichkeiten. Im Fokus jener Erzählungen standen also Ikonen und Heilige aus überlieferten Texten.

Idole stehen für Moral und Habitus

Noch heute spielen Idole eine wichtige Rolle für das eigene Selbstbild. Die Wissenschaftlerin Claudia Wegeners befasst sich in ihrer Habilitation mit der Medienaneignung und Identität von Jugendlichen. Idole definieren laut Wegeners erstrebenwerte Ideale und setzen „Wertmaßstäbe und Vorstellungen von Moral und Habitus, die im Prozess der Verehrung gleichsam internalisiert werden“. Auch Dorit Bosse und Rudolf Messner von der Universität Kassel verweisen in ihren Arbeiten auf die Wichtigkeit von Idolen als Orientierungspunkte und Identifikationsfiguren.

Während bei Kindern viele Idole vorrangig einen frei erfundenen Charakter besitzen, orientieren sich Jugendliche an lebenden Beispielen. Statt Pipi Langstrumpf oder die Fünf Freunde rücken reale Sänger:innen und TV-Stars ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Idole verfügen in Kindheit und Jugendzeit also über großen Einfluss, im Erwachsenenalter schwindet die Anziehungskraft der Übermenschen hingegen.

Nicht selten entsprechen Idole dem Selbstverständnis ganzer Generationen. Der marxistische Revolutionär Che Guevara aus Argentinien wurde zum weltumspannenden Idol der ’68-er Bewegung, ein Jahr nachdem er ermordet worden war. Was seinen Status über den eines generationsgebundenen Idols hinaus besonders macht: Die Erzählung über ihn geht weiter, entkoppelt sich zunehmend legendenhaft von der Person. Gueveras Foto schmückt bis heute T-Shirts und Taschen. Das Idol wird selbst heute von der Popkultur und Mode aufgegriffen.

Missverhalten schadet dem Idol-Charakter

Anhand von Missbrauchsvorwürfen gegenüber Idolen wie Popstar Michael Jackson oder Starregisseur Woody Allen zeigt sich, dass moralisches Missverhalten dem Idol-Charakter schadet. Gleiches gilt inzwischen für Mahatma Gandhi. Viele fragen sich: Ist der pazifistische Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung trotz rassistischer Äußerungen und Verachtung der Frau zu Recht zum Idol geworden? Und was ist mit dem Bereich der Bildenden Künste? Können Kunstwerke trotz Fehlverhaltens ihrer Erschaffer:innen positiv betrachtet werden? Fiktive Figuren in Märchen und Geschichten haben es in diesem Fall um einiges leichter als weltliche. Ihren Idol-Status können sie mangels wirklicher Fehlbarkeit und Rechenschaftspflicht kaum einbüßen.

Die Faszination für Idole speist sich auch aus der Möglichkeit, durch sie und mit ihnen einer Projektionsfläche Raum für jegliche Phantasien der Betrachter:innen zu verschaffen. Doch auch Idole geraten ins Wanken. Manche Radiosender spielen keine Jackson-Songs mehr. „Wir betrachten jedes Musikstück nach seinen Verdiensten. Und Entscheidungen darüber, was wir spielen, werden immer unter Berücksichtigung des relevanten Publikums und des Kontextes getroffen“, begründet ein Radiosprecher des britischen Senders BBC 2 die Entscheidung gegenüber der Sunday Times im März 2019.

Idol-Charakter in 25 Milliliter

Dafür lässt sich eine Nummer kleiner die anhaltende Idealisierung menschlicher Eigenschaften immer häufiger beobachten. Starkult umweht inzwischen selbst Influencer:innen. Als Idole vergöttert werden sie wohl kaum, umso bedeutungsvoller ist ihr Unterhaltungswert. Und: Durch ihre Äußerungen prägen sie die Werte einer Gesellschaft mit. Doch Pluralität und Entfaltungsmöglichkeit schützen nicht vor der vorherrschenden Marktlogik. Die Haltbarkeit der meisten Social Media-Idole ist darum eher kurz. Denn Betrachter:innen sind nicht zuletzt Konsument:innen. Sie klicken und swipen, wollen ihre Neugier bedienen, Abwechslung und Spaß finden.

Neben den Instagram-Stars und Tiktok-Sternchen rückt die eigene Person in den Vordergrund: Was habe ich von diesem Video? Was kann ich für mich selbst mitnehmen, wenn ich jener Person folge? Unternehmen sind längst auf diese Logik aufgesprungen. So wirbt beispielsweise die französische Kosmetikmarke Lancôme mit einer Frau, die auf einem Pferd durch die Straßen New Yorks reitet und ihre Hand mit dem Flakon nach oben reißt. Dazu verkündet, ganz dem Bild der modernen Frau entsprechend, die Parfümeriekette Douglas verheißungsvoll: „Deine Zeit ist jetzt: Sei dein eigenes Idol. Der neue sinnlich-frische Damenduft von Lancôme für eine Generation starker, selbstbewusster Frauen“. Wer braucht da schon Idole, wenn 25 Milliliter Parfum einen selbst zum Idol machen können?

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