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Die Natur hat Hausrecht

Von Danilo Rößger / 25. September 2017
Danilo Rößger

Naturkatastrophen wie der Hurricane Irma oder die Erdbeben in Mexiko zeigen, dass der Mensch niemals Herr über die Natur werden kann. Präventive Maßnahmen sind mittlerweile überlebenswichtig. Aber wie lange noch?

Im Wahljahr 2017 bestimmen fast ausschließlich politische Themen die Nachrichtenagenda. Mit zwei großen Ausnahmen: Ein Erdbeben in Mexiko und der Hurricane Irma in der Karibik sorgten trotz der geographischen Distanz auch in deutschen Medien für Sondermeldungen. Diese Vorfälle zeigen abermals, wie abhängig der Mensch von der Natur ist.

Naturkatastrophen sind in Zentralamerika keine Seltenheit. Meistens gehen diese vom Pazifischen Feuerring aus, einer Vulkankette, die sich U-förmig von Südostasien bis über die gesamte Westseite des amerikanischen Kontinents erstreckt. Entlang dieses Ringes sind die tektonischen Platten besonders häufig in Bewegung, sodass dort im Laufe der Zeit hunderte Vulkane entstanden sind, die immer wieder für Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis sorgen.

Proben für den Ernstfall

Der Staat Mexiko befindet sich in solch einer Zone und bekommt regelmäßig die Auswirkungen zu spüren. Seitdem im Jahr 1985 ein Erdbeben nahe der Hauptstadt Mexiko-Stadt beinahe zehntausend Tote forderte, wurden die Bewohner zum Umdenken gezwungen: Nie wieder sollte die Stadt solch eine Katastrophe einholen. Aus diesem Grund wurde kurz darauf ein öffentliches Erdbebenfrühwarnsystem installiert. In Simulationen trainieren die Menschen seither an jedem Jahrestag des Erdbebens für den Ernstfall und lernen, sich binnen weniger Sekunden in Sicherheit zu bringen.

Das Erdbeben in Mexiko war mit einer Stärke von 8,2 verheerend, doch die Bewohner von Mexiko-Stadt waren vorbereitet – der 19. September 1985 hat sich in das Bewusstsein der Mexikaner eingebrannt und sie nachhaltig sensibilisiert. Aufgrund der regelmäßigen Übungen, dem Frühwarnsystem und der strengeren Bauvorschriften, die ab 1985 eingehalten werden müssen, hielt sich die Anzahl der Toten und Verletzten in Grenzen.

Besonders hart traf es dafür die Kleinstadt Pijijiapan an der Küste des Bundesstaates Chiapas. Ein modernes Frühwarnsystem gibt es dort nicht. Die Ärztin Leticia de Alba hat ein Jahr dort gelebt und weiß, dass sich die Natur in diesen Breitengraden nicht zähmen lässt: „Wir hatten regelmäßig Erdbebenwarnungen, Tsunami-Alarme oder tropische Regenfälle mit Überschwemmungen. Es gehörte für uns zum Alltag“, erzählt sie.

Leben in ständiger Angst

Das verheerende Erdbeben von 1985 hat Leticia de Alba im Bauch ihrer Mutter mitbekommen – diese war im vierten Monat schwanger. Auf dem Weg zur Arbeit – sie war auch Ärztin – erfuhr die Mutter, dass das Krankenhaus komplett in sich zusammengestürzt war. Ein prägendes Erlebnis, das in einem vorübergehenden Umzug resultierte. Es sollte drei Jahre dauern, bis die Familie wieder zurück nach Mexiko-Stadt zog – mit einer gehörigen Portion Respekt vor der Natur und dem Bewusstsein, dass solch eine Katastrophe jederzeit wieder passieren könnte.

Dennoch fand Leticia de Alba Erdbeben als kleines Kind „ganz lustig“. Das änderte sich, als sie für ihre berufliche Weiterbildung nach Pijijiapan zog. „Erdbeben und tropische Regenfälle – das ist kein Spaß mehr, wenn man ständig damit konfrontiert wird. Seit unsere Nachbarstadt einmal komplett überflutet worden war, lag ständig die Angst in der Luft, dass es auch uns so ergehen würde.“

Während ihres Aufenthalts in Pijijiapan leistete die Ärztin medizinische Hilfe beim Katastrophenschutz. „Ich musste immer den Eindruck erwecken, dass die Lage stabil sei. Den Leuten Mut machen, optimistisch sein. Aber leicht war das für mich nie, denn die Leute mussten sich schlichtweg darauf einstellen, dass so etwas jeder Zeit passieren könnte.“

Kurz nach dem mexikanischen Beben in diesem Sommer braute sich rund 2.000 Kilometer östlich das nächste Unglück zusammen: Hurricane Irma bildete sich in der Karibik und zog anschließend über den US-Bundestaat Florida hinweg. Irma hatte die Fläche von Deutschland und wurde für einige Zeit als Tropensturm höchster Kategorie gewertet. Rund 6,5 Millionen Bewohner von Florida mussten flüchten. Es war die größte Massenevakuation in der Geschichte der Vereinigten Staaten, die zugleich sehr geordnet ablief. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass die Bewohner Floridas solchen Umständen ausgesetzt sind: Die gesamte Gegend ist Hurricane-Brennpunkt und verfolgt zur Hurricane-Saison von August bis Oktober besonders intensiv den Wetterbericht.

Der Mensch als Gewohnheitstier

Viele Einwohner Floridas verweigerten jedoch die Evakuierung. Auch Leticia de Alba hat festgestellt, dass nicht wenige Menschen trotz der Gefahren bequem sind. Als die Nachbarstadt von Pijijiapan überflutet wurde, habe die Regierung an sicheren Orten neue Wohnungen gebaut. „Und dann passierte… nichts! Die Bewohner bevorzugten es, in ihren alten Häusern zu bleiben, weil sie ihre Vergangenheit nicht zurücklassen wollten.“ De Alba hat dafür kein Verständnis: „Die Menschen müssen lernen, sich an die Natur anzupassen. Da führt kein Weg dran vorbei.“

Mexiko-Stadt dient abermals als Beispiel, dass der Mensch das Nachsehen hat, wenn er nicht versucht, im Einklang mit der Natur zu leben. Im 16. Jahrhundert wurde die Stadt auf dem schlammigen Boden eines stillgelegten Sees errichtet. Die Bevölkerung wuchs in den folgenden Jahrhunderten rapide – und damit häuften sich die Probleme. Durch die regelmäßige Förderung des Grundwassers direkt unter der Stadt sinkt sie immer mehr ab. So entstehen wie aus dem Nichts unterirdische Löcher. Erst im Juli ist ein vollbesetztes Auto in ein solches Sinkloch gefallen. Wann, wo und in welchem Ausmaß das nächste erscheint, kann niemand vorhersagen.

Die 20-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt hat bereits seit der Gründung ein schweres Los. Erdbeben, Erdrutsche und Vulkanausbrüche gehören zu Ereignissen, mit denen die Bewohner rechnen müssen. Jedoch wäre es mehr als töricht zu denken, man könne dies bekämpfen. Dank fortschrittlicher Technik und regelmäßiger Proben für Ernstfälle hat der Mensch in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, sich auf die Natur einzustellen und Schäden zu minimieren.

Er sollte sich allerdings damit abfinden, sie niemals in die Knie zwingen zu können.

 

*Nachtrag: Dieser Text ist kurz nach dem ersten großen Erdbeben geschrieben worden. Der Protagonistin sowie ihre Angehörigen sind auch nach dem zweiten Erdbeben wohlauf.

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