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Die unsichtbare Nabelschnur

Von Pauline Reinhardt / 26. Februar 2020
Credits: Bild von Anuja Tilj auf Pixabay;

Der mütterliche Körper ist für Kinder natürlich vor allem in den ersten neun Monaten nahezu unersetzlich. Doch wenn die Mutter Jahrzehnte später schwer krank wird, hat das auch Folgen für das Kind.

In dem Fragebogen, den ich für meine Therapeutin ausfüllen soll, beginnt meine eigene Biografie mit der von jemand anderem. „Was ist Ihnen über die Schwangerschaft Ihrer Mutter (als sie mit Ihnen schwanger war), den Geburtsverlauf und Ihre frühkindliche Entwicklung bekannt?“, steht da. Ich halte inne. Es erscheint mir unvorstellbar, einmal im Bauch meiner Mutter gelebt zu haben.

Beim Yoga nehme ich die Stellung des Kindes ein, für die Uni halte ich ein Referat über die Bedeutung der Mutter Gottes für Polen und im Museum betrachte ich Bilder der Venus. Die „Mutter“ ist ein großer Mythos. Ihm hat die polnische Autorin, Feministin und Mutter Sylwia Chutnik einen ganzen Roman gewidmet, zu Deutsch „Weibskram“. Die Hauptpersonen der vier Erzählungen darin heißen Mania, Maria, Marian und Marysia. Ihre Geschichten entzaubern den Mythos. So hat Mania eine Fehlgeburt und trägt ─ im wahrsten Sinne verrückt vor Liebe ─ den winzigen, kaum menschenähnlichen Embryo wochenlang mit sich herum.

Meine eigene Geburt war riskant, meine frühkindliche Entwicklung entspannt. „Du hast erst spät Laufen gelernt. Sprechen auch, aber dann nicht mehr damit aufgehört“, erfahre ich von meiner Mutter. Wir sind keine Familie, in der die Babylöckchen ganz romantisch in ein Album geklebt werden und daneben eine Notiz zum ersten Wort steht. Aber ich weiß, dass meine erste Mahlzeit, fernab von Muttermilch und Babybrei, Rollmops war und dass ich mich erstmals auf einer Fähre nach Rügen übergeben habe.

Meine beste Kindergartenfreundin hat noch mit sieben Jahren ihre Mutter auf den Mund geküsst. Andere Freunde nennen ihre Mütter beim Vornamen. Sie alle haben ganz unterschiedliche Beziehungen zu ihren Erzeugerinnen ─ körperlich wie emotional. Gemeinsam ist ihnen nur die Selbstverständlichkeit ihrer Handlungen. So wenig man das Verhältnis zur eigenen Mutter hinterfragt, so schockiert oder angeekelt reagiert man zuweilen, wenn andere von ihren Erfahrungen und Gewohnheiten erzählen.

Wie in Mamas Bauch

Hin und wieder erscheint es mir nicht unbegreiflich, sondern geradezu tröstlich, einmal im Bauch meiner Mutter gelebt zu haben, oder wie Chutnik schreibt: „Sie legte sich auf den Bauch, schmiegte ihr Gesicht an das kleine Kopfkissen. Sie zog die Beine an. Wie schön, wie in Mamas Bauch.“

Denn häufig liebt einen nie wieder jemand so bedingungslos wie die eigene Mutter ─ und gleichzeitig so schonungslos. Meine Mutter hat mir in meinen Jugendjahren zahlreiche Pickel ausgedrückt und mich unverblümt darauf hingewiesen, dass ich dringend Deodorant benutzen sollte. Ich habe rebelliert, gelogen und rumgeschrien und bin doch immer wieder zurückgekehrt. Als ich schon keine Jugendliche mehr war, aber einmal unter schrecklichem Liebeskummer litt, habe ich auf der Suche nach Trost für einige Nächte in ihrem Bett geschlafen: eine Rückkehr zu Zeiten, in denen es Liebe nur innerhalb der Familie gab.

Besondere Ereignisse oder Belastungen

Der Fragebogen meiner Therapeutin fragt mich weiter: „Gab es im Jahr vor dem Erstauftreten der Beschwerden besondere Ereignisse oder Belastungen?“ Meine Mutter ist in dieser Zeit schwer erkrankt. Wenn ich jetzt nach Hause fahre, sollte ich nicht erkältet sein und genügend Zopfgummis für mich mitnehmen ─ sie benötigt und besitzt keine mehr. Sie ist immer noch mein Notfallkontakt, aber ich bin jetzt auch ihrer.

Meine Therapeutin diagnostiziert bei mir eine Anpassungsstörung: Ich bin krank, weil meine Mutter krank ist und ich das nicht ertragen kann. Wenigstens hat meine Frauenärztin versichert, ich sei gesund. In ihrer Praxis wird mir zum ersten Mal bewusst, was Verwandtschaft im schlimmsten Fall auch bedeuten kann: Krebs ist nicht ansteckend, aber die Anfälligkeit dafür manchmal vererbbar.

Bei Chutnik ist Mütterlichkeit vor allem mit Schmerz und Ekel verbunden. Ihre Mutterprotagonistinnen schreien ihre Kinder an, beseitigen deren Exkremente und erleben im Zweiten Weltkrieg Vergewaltigung und Mord. „Aber das ist kein Heldentod, das sind keine Kriegsverletzungen, das ist Weibskram. Es ist auch nicht heldenhaft, sein totes Kind in den Armen zu halten, zu sehen, wie sie es aus dem fünften Stock werfen, zu hören, wie der kleine Körper auf das Pflaster schlägt.“

Diese Stelle ist der Schlüsselmoment der deutschen Übersetzung, in dem deutlich wird: Fehlgeburten, Femizide, Kriegsverletzungen außerhalb des Schlachtfelds ─ alles nur Weibskram, über den nicht gesprochen und der nicht anerkannt wird.

Auf Polnisch heißt Sylwia Chutniks Roman „Kieszonkowy atlas kobiet“, Taschenatlas der Frauen. Dieser Atlas will Orientierung geben in einer Welt, die für uns alles andere als einfach ist. Er ist eine Fibel für das Muttersein und Tochtersein, das, ungeachtet des Mythos, nicht sonderlich wertgeschätzt wird, sobald es um mehr geht als die wundersame Vorstellung einer lebenslangen unsichtbaren Nabelschnur. Diese Nabelschnur ist auch unangenehm, sie tut weh und kann vor allem nicht gekappt werden.

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