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Ein Brot mit sieben Siegeln

Von Marlene Thiele / 11. Januar 2019
Credits: Pixabay/ mcstudio79;

Über 1000 Zertifikate kennzeichnen die Bioprodukte in Deutschland. Den Überblick behält nur, wer ein Studium in “Siegelkunde“ abgeschlossen hat.

Die Erde hat das Jahr 2019 erreicht, was nicht selbstverständlich ist: Sie brannte, stürmte und war laut menschlichen Aufzeichnungen heißer als je zuvor. Ein guter Rutsch sieht anders aus. Damit sie auch das nächste Jahr übersteht, müssen anständige Vorsätze her. Zum Beispiel, öfter Bio- und Fairtrade-Produkte einkaufen. Man lebt gesünder, sorgt für bessere Arbeitsbedingungen, für größere Tierställe, für eine nachhaltigere Produktion. Längst gibt es Bioprodukte in jedem Supermarkt, gekennzeichnet durch ein entsprechendes Siegel. Klingt unkompliziert, ist es aber nicht. Allein in Deutschland gibt es nämlich mehr als 1000 Gütesiegel. Für den Bio-Einkauf bräuchte man eigentlich erst ein Siegel-Diplom.

Ein graduierter Siegelkundige erkennt das prominenteste deutsche Biosiegel ohne Probleme: Ein neongrün umrandeter Hexagon, in dem fett „Bio“ geschrieben steht. Produkte, die es tragen, enthalten keine Geschmacksverstärker, künstliche Aromen oder Farbstoffe und maximal fünf Prozent der Inhaltsstoffe kommen aus konventionellem Anbau, weiß der Gelehrte. Ist das Siegel aber dunkelgrün und quadratisch mit der weißen Aufschrift „Bioland“, gehört es zum gleichnamigen Anbauverband, dem über 6500 Bauern und Lebensmittel-Hersteller angehören. Hier wird darüber hinaus darauf geachtet, dass der Boden langfristig fruchtbar bleibt und die Futtermittel aus eigenem Anbau stammen. Nicht zu verwechseln ist das Bioland-Siegel mit dem von Biopark, einem anderen Anbauverband mit etwa 700 Mitgliedern. Abgrenzung muss sein.

Wie im Mittelalter

Für die Siegel-Kennerin ist das alles kein Problem. Auch das „Demeter“-Siegel identifiziert sie auf Anhieb als „Bio“, obwohl das Siegel weder grün ist, noch ein Blatt abgebildet ist. Demeter-Bauern folgen besonders gründlichen und strengen Vorgaben. Die Expertin weiß: Bio ist nicht gleich Bio. Jedes Siegel hat seine eigenen Richtlinien und jeder Anbauverband kennzeichnet seine Produkte anders. Das erinnert ein bisschen ans Mittelalter, wo sich Dokumente dank des Siegels klar Kaisern oder Klöstern zuordnen ließen. “Otto Normal“ kapituliert an dieser Stelle vielleicht schon und achtet nur noch auf das grasgrüne Rechteck mit einem Blatt aus Sternen im Inneren: Das EU-Biosiegel, das seit 2010 alle verpackten Öko-Lebensmittel kennzeichnet, die in der EU produziert werden. Siegel-Kenner behalten jedoch den Durchblick und sind stolz, aufgrund ihrer Expertise genau zu wissen, ob der Apfel von einem GÄÄ-Bauern aus Ostdeutschland stammt oder von einem LVÖ-Bauern aus Nordrhein-Westfalen. Sie wissen, dass in den Bioland-Lebensmitteln 23 Zusatzstoffe erlaubt sind, während man bei Naturland mit maximal 22 Zusatzstoffen rechnen muss. Klingt verwirrend? Ist aber vor allem transparent.

Dass neben den allgemeinen Siegeln auch Spezial-Siegel erfunden wurden, etwa für Bio-Wein oder Fairtrade-Kaffee, ist da nur konsequent. Öko-Äpfel kann man nicht mit Öko-Birnen vergleichen und auch nicht mit Öko-Trauben. Warum sollte man dann die Produkte mit dem gleichen Siegel kennzeichnen? Eine solch detailgenaue Unterscheidung ist wünschenswert und sollte ausgebaut werden: Ein Siegel nur für Kekse aus Hand geerntetem Bioweizen, eines für Honigbonbons aus Honig von freifliegenden, mecklenburgischen Bienen, eines für Sahnequark aus Milch von Kühen mit braunen Flecken… Und warum nicht darüber hinaus an den schönen Trend anknüpfen und auch für jede Marke ein eigenes Siegel einführen? Der Fantasie sind schon jetzt längst keine Grenzen mehr gesetzt. Vorreiter dabei ist übrigens die Firma Rapunzel, die seit über 25 Jahren mit ihrem Hand-in-Hand-Fairtrade-Siegel selbstständig eigene Fairtrade-Produkte auszeichnet.

Die großen Supermarkt- und Discounter-Ketten haben hier begeistert nachgelegt und bieten mittlerweile jeweils auch ein eigenes Siegel an, das dann zusammen mit dem verpflichtenden EU-Biosiegel die Kartons und Verpackungen ziert. Bereits heute findet der interessierte Käufer etwa auf einem zertifizierten „Rewe-Bio-Traubensaft“ noch den deutschen Bio-Hexagon und den Panda von WWF. Schöner wäre es nur, wenn auf einem Produkt aus verschiedenen Inhaltsstoffen bald bis zu 30 Siegel abgedruckt wären. Das wäre dann zwar selbst für den diplomierten Siegel-Experten anspruchsvoll, könnte ihm aber eine Möglichkeit zur Weiterbildung bieten: Wer jedes einzelne erkennen und richtig zuordnen kann, erhält den Siegel-Bachelor. Yay, so macht einkaufen Spaß!

Ein Siegel für Bewertungsportale

Wer heute einen Bachelor hat, möchte natürlich auch den Master machen – und hier kommen die Vergleichsseiten ins Spiel. Die gibt es, damit der Kunde weiß, ob die vielen Siegel und Logos überhaupt etwas taugen. Einen Vergleich gibt es zum Beispiel vom BUND. Und vom WWF. Und vom Portal Siegelklarheit, aber auch Vergleich.org und zahlreichen anderen Internetseiten. Demeter empfehlen alle uneingeschränkt. Das EU-Biosiegel ist zumindest okay, auch da herrscht Einigkeit. Bei MSC-gekennzeichneten Produkten jedoch sprechen der BUND und Siegelklarheit eine zumindest teilweise Empfehlung aus, während es Greenpeace-Report als „absolut nicht vertrauenswürdig“ gilt. Normale Kunden mögen sich vergackeiert fühlen könnten, der Master des Siegel-Universums aber behält den Überblick: Vergleichstest A verfolgt wirtschaftliche Interessen, Vergleichstest B ist radikal, Vergleichstest C ignoriert die Gehälter der Kontrolleure der Standards der Siegelvergabe. Es wäre durchaus vernünftig, das Durcheinander durch die Einführung einer weiteren Kontrollinstanz aufzulösen – quasi ein Siegel für die Bewertungsportale.

Der Kunde gewinnt: Nach mehreren Stunden Recherche weiß er ganz genau Bescheid, welchen Standards Getreidekaffee und Heubutter im Supermarktregal entsprechen. Wobei das am Ende eh wurscht ist. Das Greenpeace-Magazin fand 2010 nämlich heraus, dass viele Bioprodukte vom Discounter aus denselben Molkereien und Ställen stammen, wie Premium-Bio-Produkte. Der Unterschied liegt lediglich im Preis – und damit in den Einnahmen, die ein Bauer erzielen kann, um seine Bioproduktion weiterhin rentabel zu halten.

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