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Eine Welt, die ihre wäre

Von Hilistina Banze / 22. Dezember 2021
picture alliance / Zoonar | Axel Bueckert

Die Idee, dass die Wissenschaft objektiv sowie für alle zugänglich sei und es die eine Wissenschaft überhaupt gebe, scheint in Deutschland weit verbreitet. Doch sind “die“ Wissenschaft und dazugehörige Berufszweige mittlerweile geschlechtsneutral?

Die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir schrieb 1949 in „Das andere Geschlecht“: „Vielleicht würden sie sogar die Doppelarbeit leichten Herzens akzeptieren, wenn sie als Arbeiterinnen in eine Welt hineinkämen, die ihre Welt wäre, an deren Gestaltung sie freudig und stolz mitwirken könnten“.

Ja, vielleicht. Aber haben „sie“ denn die richtige, vollwertige Eintrittskarte in diese zu gestaltende Welt oder doch eher nur die symbolische Kinderfahrkarte, wie sie im ICE mit einem leicht gnädigen Lächeln ausgehändigt wird? Welche Rolle spielen Frauen* und queere Personen in einer Welt, die Wissen schafft?

Ich behaupte, dass die gesellschaftlich dominante, also cis-männliche Norm, Frauen* davon abhält, Fuß in wissenschaftlichen Betrieben zu fassen, sodass (damit?) die männliche Dominanz nicht in Frage gestellt wird.

Rollen(ver)teilung

An Universitäten und Hochschulen werden Frauen* in bestimmte Aufgabenbereiche geradezu gedrängt und Menschen jenseits des binären Geschlechtssystems gar nicht erst mitgedacht. Frauen* sind öfter Gleichstellungsbeauftragte oder (wissenschaftliche) Mitarbeiter*in im Familienbüro als Studiengangsdekan*in oder Rektor*in, denn davon gibt es laut Hochschulrektorenkonferenz (passenderweise nicht gegendert!) nur knapp 17 Prozent bzw. 22 Prozent. Dieser Sachverhalt ist bekannt und die Ursachen sind erforscht. Ich halte es darum für wichtig, sich diese Ungleichverteilung immer wieder bewusst zu machen. Ebenso lohnt sich aber auch der Blick darauf, was passiert, wenn Frauen* oder queere Personen wissenschaftliche Arbeiten verfassen, die gesellschaftliche Kontroversen aufgreifen.

Regretting-Motherhood-Studie

Im Rahmen der Studie „Regretting Motherhood“ stellt Orna Donath von der israelischen Ben-Gurion-Universität im Negev fest, dass längst nicht alle Mütter* ihr Glück in ihrer Mutter*schaft finden. Die 2015 veröffentlichte Studie schlug international Wellen. Aus der Analyse des international geführten Diskurses ergibt sich: Während die einen die Chance sehen, sich öffentlich als bereuende Mutter zu bekennen, scheint die Vorstellung, dass zahlreiche Mütter* mit ihrer Rolle hadern, für Verfechter*innen patriarchaler Strukturen nur schwer bis gar nicht nachvollziehbar zu sein. Durch Interviews, also durch eine klassische wissenschaftliche qualitative Methode, erzielte Ergebnisse wurden zum Skandal, denn schließlich kann es gesamtgesellschaftlich schwerwiegende Folgen haben, wenn Frauen* einfordern, unabhängig und selbstbestimmt leben zu wollen. Kinder zu bekommen müsste dann mit gesellschaftlichen Anforderungen und Bedingungen vereinbar gemacht werden, für alle Menschen, unabhängig geschlechtlicher Kategorien.

Das von de Beauvoir formulierte Zugeständnis, dass Frauen* Mehrfachbelastungen in Kauf zu nehmen bereit wären, um mit Männern karrieretechnisch Schritt halten zu können, ist auch im 21. Jahrhundert noch (oder: mehr als ein halbes Jahrhundert später noch immer) gelebte Realität. Wahr ist auch, dass trotzdem cis Männer die Arbeits- und Wissenschaftswelt dominieren, was eine von Zeit Campus durchgeführte Auswertung des „Hochschullehrerverzeichnis 2018“ zur Ermittlung der häufigsten Vornamen der Professor*innen in Deutschland zeigt. Sie heißen Hans, Klaus oder Peter. Aber es gibt sie dennoch: weibliche* oder queere Professor*innen oder Prof.ens1. An Lann Hornscheidt zeigt sich allerdings, was passieren kann, wenn Wissenschaftler*innen patriarchale Strukturen kritisieren.

Queer-feministische Stimmen ernst nehmen

Prof.ens Lann Hornscheidt argumentiert in zahlreichen Schriften teils mit anderen Wissenschaftler*innen, wie das Geschlecht als konstruierte Kategorie gesellschaftlich hervorgebracht wird und dass Diskriminierungen nur vermieden werden können, wenn die Kategorie Gender überwunden wird. Diese Erkenntnis stößt auf großen Widerstand in wissenschaftlichen Kreisen. Von jeher wird die Wissenschaftlichkeit der Disziplin Gender Studies in Frage gestellt und der Fachbereich als reine Ideologie verunglimpft. Ich finde es schade, dass dieselben Herangehensweisen, die in der Soziologie als wissenschaftlich angesehen werden, dann als unwissenschaftlich gelten, wenn die männliche Macht von Frauen* in Frage gestellt wird. Dabei scheint es unerheblich zu sein, ob sie sich rein literaturbasiert und interdisziplinär auf Vordenker*innen stützen oder quantitative beziehungsweise qualitative Forschungsmethoden heranziehen. Dies zeigt, wie Männer die Deutungshoheit in wissenschaftlichen Räumen für sich beanspruchen und Männlichkeit somit als die eine unhinterfragbare wissenschaftliche Norm inszenieren.

Und die Moral von der Geschicht‘?

An dieser Stelle lässt sich nur beispielhaft umreißen, wie Frauen* und queere Personen in wissenschaftlichen Kreisen durch Skandalisierung und Verunglimpfung ihrer Forschungsergebnisse an einer gleichberechtigten Teilhabe an der Wissensproduktion gehindert werden, um zur Beibehaltung männlicher Dominanz beizutragen. Eigentlich erfordert die Problematisierung dieser Thematik eine viel tiefergehende Auseinandersetzung.

Es bleibt zu hoffen, dass das Thema Gleichstellung durch ein wachsendes Ungleichheitsbewusstsein aus seiner Nische herauskommt und alle Wissenschaftsbereiche ebenso wie wissenschaftliche Institutionen über 70 Jahre nach de Beauvoirs Schrift bereit sind, Frauen* und queeren Personen angemessene Gestaltungsspielräume auf allen Ebenen einzuräumen. Vielleicht würden sie dann sogar die Doppelarbeit leichten Herzens akzeptieren.

1genderfreie Selbstbezeichnung

Eine Antwort zu “Eine Welt, die ihre wäre”

  1. Von Benji von Stucki am 15. November 2022

    Was ist eigentlich mit Menschen mit Behinderung? Wo werden sie sichtbar?welche Möglichkeiten werden ihnen zugestanden? Welcher Gruppe sollen sie sich zugehörig fühlen? Wann hören wir endlich auf damit, Menschen Gruppierungen zuordnen zu wollen. In einer gleichberechtigten Welt sollte jeder Mensch die Möglichkeit haben, nach dem für ihn Besten zu streben und das auch durch Qualifikation erreichen zu können, ohne auf Netzwerke und Gönner angewiesen zu sein. Was oder Wer die Person ist, sollte keine Rolle spielen. Wir werden erst eine relative Gleichberechtigung erreichen. Solange es die Menschheit gibt wird es eine absolute Gleichberechtigung nicht geben, weil der Mensch nun mal so ist wie er ist. Erst wenn wir hinter einem Titel oder einer Berufsbezeichnung einen Menschen sehen und nicht eine Cis-Person, Qeer, PoC und was sich der Mensch noch alles ausgedacht und eventuell ausdenken wird, kommen wir dem Ziel näher und Bitte lasst das Gendern wenigstens im geschrieben Wort. Dem Text zu folgen, ist fast nicht mehr möglich vor lauter Sternchen.

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