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Im Dada-Land

Von Barbara Engels / 17. Juni 2020
Credits: Photo by Jonathan Borba on Unsplash ;

Kommunikation funktioniert vor allem dann gut, wenn die Kommunizierenden die gleiche Sprache sprechen. Umso herausfordernder und spannender ist, wie Eltern mit ihren Babys interagieren.

Zwei Kleinkinder stehen in der Küche, nur mit Windeln und Socken bekleidet. Sie unterhalten sich angeregt, gestikulieren wild, lachen abwechselnd über das Gesagte. Gut zwei Minuten dauert das Video, das auf Youtube mehr als 200 Millionen Mal angeschaut wurde. Die einzigen Worte, die die Babys von sich geben, sind Silbenketten von „Da“ mit unterschiedlicher Länge und Intonation.“Dadadadada?“, fragt eines der Kinder, seine Stimme geht am Ende des Satzes hoch. – „Dadadadadada!“, antwortet das andere Kind bestimmt.

Auch wenn der genaue Inhalt der Interaktion zwischen beiden für Außenstehende völlig unklar bleibt, ist klar: Hier findet Kommunikation statt: verbal, nonverbal, auf der ganzen Palette der Ausdrucksmöglichkeiten aus Sprache, Mimik und Gestik – noch lange vor dem ersten Wörterbuch-Wort.

Kommunikation ist überlebenswichtig

Wie Babys sich ausdrücken und sprechen lernen, fasziniert nicht nur Wissenschaftler. Ein Zeitgenosse und politischer Gegner, der Geschichtsschreiber Salimbene von Parma, schrieb dem Hohenstaufenkaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert ein grausames Experiment zu. Dieser wollte wissen, welche Sprache Babys sprechen, wenn ihnen keine Sprache vorgegeben wird und ließ darum Neugeborene ihren Eltern wegnehmen, um sie von Ammen pflegen zu lassen, die sie ernährten, aber nicht mit ihnen sprachen oder kuschelten. Bevor die Babys anfingen zu sprechen, starben sie. „Denn sie vermöchten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen“, berichtet Salimbene.

Kommunikation, egal ob verbal oder nonverbal, ist also überlebenswichtig. Neben Zuneigung oder allgemeiner Aufmerksamkeit sind es die biologischen Bedürfnisse wie Hunger und Schlaf, die Babys befriedigt wissen wollen. Insbesondere in den ersten Monaten vermitteln sie diese Bedürfnisse durch Schreien.

So stellen Kinder sicher, dass sich gekümmert wird – auch wenn das nicht immer gleich klappt. Ist nun die Windel voll, tut etwas weh oder will das Kind auf den Arm genommen werden? Das ist gerade für frischgebackene Eltern schwierig zu unterscheiden. Mit zunehmendem Alter des Kindes lernen die Eltern jedoch, die feinen Nuancen der Schreie zu differenzieren. Und auch das Baby kann mehr und mehr durch Mimik und Gestik unterstreichen, wo der Schuh drückt. Das vermeintlich unspezifische Schreien wird dann weniger, wenn andere Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen.

Kommunikation ist Handarbeit

Eltern verwenden zudem die Babyzeichensprache, um leichter mit ihrem Nachwuchs kommunizieren zu können. Dabei nutzen die Erwachsenen Gebärden aus der Gebärdensprache, um das Gesagte zu unterstreichen. Kleinkinder können diese Gebärden mit ihren Händen schneller nachahmen, als sie sprechen lernen. Um sicherzustellen, dass die Kinder auch die Lautsprache lernen, ist es wichtig, dass die Gebärden immer von gesprochenen Wörtern begleitet sind.

Gesunde Kinder, deren Eltern gehörlos sind, sogenannte CODA oder Children of deaf adults, erlernen zunächst die Gebärdensprache als Muttersprache. Die (deutsche) Lautsprache lernen sie von Hörenden, oftmals im Rahmen von Frühförderungsprogrammen, wie sie etwa der Sozialdienst für Gehörlose (SDGL) in Nürnberg bietet. Um das Schreien ihrer Babys wahrnehmen zu können, nutzen gehörlose Eltern Technologien wie etwa eine Lampe, die aufblinkt, sobald das Baby schreit.

Kommunikation ist Bindung

Reagieren die Eltern – gehörlose wie hörende – nicht oder sehr verzögert auf das Schreien des Kindes, kann das vor allem in den ersten Lebensmonaten fatale Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Bindung haben. Für das Urvertrauen des Kindes ist es wichtig, jederzeit signalisiert zu bekommen, dass jemand da ist, der sich kümmert.

In dem umstrittenen Dokumentarfilm „Elternschule“ gibt es eine Szene, in der ein zweijähriger Junge in einer Gelsenkirchener Kinderklinik lernen soll, alleine ein- und durchzuschlafen. Das Kind wird dafür in ein Klinikzimmer geschoben, seine Mutter muss das Zimmer verlassen, beide weinen. Der Junge soll lernen, sich selbst zu beruhigen. „Kontrolliert schreien lassen“ ist der Kerninhalt dieses sogenannten Schlaftrainings. Doch es widerstrebt auch der elterlichen Intuition.

Kommunikation ist intuitiv

Eltern agieren in der frühen Verständigung mit ihrem Baby generell intuitiv: Sie passen sich dem kindlichen Kommunikationsverhalten an, vereinfachen und verdeutlichen ihre Ausdrucksweise. Sie betonen Wörter, nutzen kurze, einfache Sätze, sprechen melodisch, verfallen in einen Singsang. Auch ältere Geschwisterkinder tragen dazu bei, in diesem aufeinander abgestimmten Kommunikationsprozess die Sprachkompetenzen des Säuglings nach und nach zu stärken.

Die Dialoge zwischen Kind und Mutter oder Vater können dabei sehr unterschiedlich ausfallen. Das hat die Heidelberger Pädagogikprofessorin Ursula Horsch herausgefunden. Sie und ihre Kollegen haben mehr als 1.000 Videos mit Eltern-Kind-Gesprächen ausgewertet. Eines der Erkenntnisse: Nicht nur untereinander, auch mit ihren Kindern kommunizieren Frauen und Männer ganz unterschiedlich. Während Väter eher spielerisch und fantasievoll kommunizieren, bevorzugen Mütter die funktionale Herangehensweise. Bei Vätern werden beispielsweise Wäscheklammern zu springenden Fröschen; Mütter hingegen zeigen ihren Kindern, wie diese im Alltag genutzt und geordnet werden können. Beides ergänzt sich übrigens wunderbar.

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