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In or Out?

Von Julia Berghofer / 21. Juni 2016
Credits: David Holt/ flickr; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Die Briten werden abstimmen, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Die Zukunft Europas steht damit vor einem historischen Wendepunkt.

Sowohl die Aktivitäten der Pro-Europäer (Remain-Campaign) als auch die der Gegner (Leave-Campaign) haben in den vergangenen Wochen und Monaten die Presse dominiert und die Gemüter erregt – nicht zuletzt durch den unverblümten Populismus des früheren Londoner Bürgermeisters Boris Johnson. Der brutale Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox hat der Auseinandersetzung um den möglichen „Brexit“ die gegebene Dramatik verstärkt, das Ganze aber nicht gestoppt.

Die Remain-Camapigner hatten es ohnehin schon schwer, nicht nur wegen des Leave-Aktionismus der Regenbogenpresse. Auch das Timing des Referendum war von vorneherein denkbar schlecht. Kürzlich hat das berühmte Glastonbury Festival begonnen, eines der weltweit größten Open-Air-Musikfestivals, zu dem jährlich mehr als 150.000 junge Menschen pilgern. Gerade diese jungen Menschen sind die Hoffnungsträger der Pro-Europäer – doch auf dem Festival wird es kein Wahllokal geben.

Per Briefwahl pro EU

Das ließe sich zwar ohne Probleme auch anders regeln. Aber die Regierung hat entschieden, dass jeder in seinem Wahlkreis abstimmen muss. Emily Eavis, die Organisatorin des Festivals, gab sich dem Guardian gegenüber dennoch zuversichtlich: „Das heißt ja trotzdem nicht, dass die Leute am 23. Juni nicht abstimmen können. Als das Datum des Referendums bekannt gegeben wurde, haben wir unsere Kampagne gestartet, um alle, die zum Festival kommen, dazu zu ermutigen, sich für die Briefwahl zu registrieren.“

Nicht zu wählen, sei „ziemlich dämlich“, findet Eavis, denn „diese Entscheidung wird wirklich das Leben aller Briten beeinflussen“. Dennoch: Sonderlich beliebt ist die Briefwahl nicht. Es ist außerdem fraglich, ob sich alle Festivalbesucher fristgemäß für die Briefwahl registriert haben.

Aber es gibt noch viele andere Remain-Kampagnen, die seit Monaten nichts anderes tun, als die Briten davon zu überzeugen, dass sie die EU brauchen –wirtschaftlich und politisch. Sie mussten dabei nicht nur der schrillen Leave-Kampagne und ihren Vertretern Kontra bieten, sondern auch den Vorurteilen in der Bevölkerung. Viele Briten glauben, dass ihr Land zu viel Geld in die EU fließen lässt, dass die Immigration aus EU- und anderen Staaten zu hoch sei und dass Großbritannien in der EU einen Teil seiner Souveränität einbüßt. Auf der Webseite des Bündnisses leave.eu steht: „Lasst uns den 23. Juni zu unserem Unabhängigkeitstag machen“.

Von Nazis beherrscht?

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Vicky Nevin, 23 (Foto: privat)

Eine Vertreterin der Remain-Bewegung ist die 23 Jahre alte Vicky Nevin. Sie ist in der Jugendorganisation der Jungen Liberaldemokraten aktiv und glaubt, dass die Zukunft ihrer Generation auf dem Spiel steht. „Unsere jüngeren Mitglieder haben auf der Straße für die EU geworben und mit Gleichaltrigen telefonisch diskutiert, um sie von den Vorteilen der EU zu überzeugen.“ Die Leave-Aktivisten beschreibt sie als „manchmal intelligent, oft aber einfach lächerlich“. An eine Begegnung kann sie sich besonders gut erinnern. „Einmal hat eine Amerikanerin mich angeschrien, ob wir wirklich von den Nazis beherrscht werden möchten.“

Percy de Vries ist ebenfalls aktiv in der Remain-Kampagne. Der 20 Jahre alte Student der Internationalen Beziehungen koordiniert seit März die Gruppe Students for Europe an der Universität Exeter. „Unsere Zielgruppe sind vor allem Studenten, aber auch junge Leute im Allgemeinen. Wir machen verschiedene Veranstaltungen zum Thema, führen politische Debatten und sind in den Medien aktiv“, sagt er. Die „Register to Vote“-Briefwahl-Initiative sei besonders erfolgreich gewesen. De Vries ist überzeugt: „Viele der Glastonbury-Besucher haben per Briefwahl abgestimmt oder durch einen Vertreter.“ Die Leave-Kampagne hat laut de Vries einen populistischen Unterton. „Es ist einfach lächerlich, anzunehmen, dass die Immigranten Schuld an allen unseren Defiziten haben, zum Beispiel an unserem rückständigen Bildungssystem oder der maroden öffentlichen Infrastruktur. Tatsächlich geben die Immigranten unserem Land einen Wachstumsschub.“

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Percy de Vries, 20 (Foto: privat)

„So etwas noch nie erlebt“

Die Annahme, dass junge Wähler eher in der EU bleiben wollen als ältere, ist weit verbreitet. Doch wer genau sind die Pro-Europäer und wer sind ihre Gegner? Laut der Forschungseinrichtung Populus ist der typische EU-Gegner zwischen 55 und 64 Jahre alt, eher männlich, mit hoher Wahrscheinlichkeit arbeitssuchend und lebt in den Midlands oder im östlichen Teil Englands. Dort hat er ein Haus von einer Wohnbaugesellschaft gemietet. In den vergangenen drei Jahren hat er vermutlich keinen Auslandsurlaub gemacht. Typische Remain-Wähler leben dagegen in Schottland oder London, sind zwischen 18 und 24 Jahre alt und eher weiblich. Wenn sie nicht in Vollzeit arbeiten oder studieren, reisen sie gern.

Homogen sind die jeweiligen Lager dennoch nicht. Während konservative Briten laut Umfragen die EU tendenziell eher verlassen wollen, hat sich auch innerhalb des konservativen Lagers eine Kampagne formiert, die Werbung für einen Verbleib in der EU macht. Es gibt also durchaus Hoffnung, dass die reine Statistik nicht Recht behalten muss und die Briten für den Verbleib in der EU stimmen. Mit Vorhersagen, so erklärte John Peet vom britischen Economist kürzlich auf einer Brexit-Diskussion in München, tue man sich ohnehin schwer. Denn eine Abstimmung wie diese habe sein Land noch nicht erlebt. Weder die Wahlbeteiligung noch die Folgen eines Brexit seien derzeit wirklich absehbar.

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