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Integration 4.0 – eine Frage des richtigen Klicks?

Von Alex Wolf / 2. Februar 2017
Credits: Pixabay/ Pexels; Lizenz CC0

Mehr als jeder zweite Geflüchtete hat sich mit einem Smartphone nach Europa durchgeschlagen, für die meisten wäre eine Flucht ohne technische Hilfsmittel gar unmöglich gewesen. Hier hört aber die Rolle handlicher Technologien nicht auf. Vielmehr verbirgt sich in ihnen das Potential für eine Integration.

Wie genau eine neue Generation der Integration funktioniert, zeigt ein Blick in die sozialen Medien: Sprachkurse werden über Facebook-Gruppen organisiert, wertvolle Erfahrungen über Messenger-Dienste wie Whatsapp ausgetauscht. Der Trend macht deutlich – Hilfe zur Selbsthilfe wird unter den Geflüchteten großgeschrieben. Doch diese neue Entwicklung nimmt auch die Aufnahmegesellschaften in die Pflicht, bestehende Hilfsangebote zu überdenken und fit für die digitale Welt zu machen.

Denn wie Tobias Stapf auf einer themenbezogenen Podiumsdiskussion der FES zu berichten weiß, „ist eine digitale Willkommenskultur entstanden, die mehr und mehr an Bedeutung für die Integration gewinnt“. Herkömmliche Angebote hingegen seien in den Augen vieler Flüchtlinge bereits veraltet. Sein Projekt „Neu in Berlin“ untersucht, wie sich Geflüchtete in sozialen Medien untereinander austauschen und über Whatsapp organisieren. Ein mehrsprachiges Team um Stapf arbeitet daran, die wichtigsten Plattformen zum Austausch von Informationen zu identifizieren und sich in thematische Gruppendiskussionen einzubringen. Zwar ist es nicht einfach, die bedeutsamsten Austauschforen ausfindig zu machen. Jedoch kann die Zahl der Beiträge und die Qualität der Diskussion Aufschluss darüber geben, ob sich eine Beratung lohnt. Auf diesem Wege kann den Nutzern gezielt und zeitnah geholfen werden. Daneben lässt sich dieses nützliche Knowhow dafür einsetzen, klassische Anlaufstellen für Geflüchtete zu verbessern.

Mangelnder Schutz vor Datenmissbrauch

Allen Chancen zum Trotz, die ein Erfahrungsaustausch über soziale Netzwerke den Geflüchteten bieten kann, ergeben sich dabei auch Risiken. Datenschutz – gerade für politische Flüchtlinge enorm wichtig – kann jedoch nur unzureichend sichergestellt werden, wenn vertrauliche Informationen in den sozialen Medien geteilt werden. „Im schlimmsten Fall könnte dies Auswirkungen für ihre Familien in den Herkunftsländern haben“, gibt Tobias Stapf zu bedenken. Besser wäre es, die Ratsuchenden in den sozialen Medien direkt zu kontaktieren und auf sichere Internetplattformen von Hilfsorganisationen zu lenken, die einen unbedenklichen Austausch von Daten gewährleisten. Einige Wohlfahrtsverbände würden bereits mit Hochdruck an eigenen Austauschportalen arbeiten, denn so groß die Befürchtungen hinsichtlich des Informationsaustauschs in den sozialen Medien auch sein mögen, finde er dennoch statt. „Deshalb wollen wir Strategien entwickeln, die dieses Nutzerverhalten berücksichtigen.“

Die Gefahr von Parallelgesellschaften

Hat man erstmal Kontakt aufgebaut, ergibt sich allerdings ein weiteres Problem. Nicht nur wo, sondern auch wie Beratungen stattfinden, stellt Ämter und Vereine vor Herausforderungen. Den größten Nachholbedarf hat die Wissenschaftlerin Safaá AbuJarour beim Sprachangebot ausgemacht. Oftmals würde Beratung lediglich in Deutsch oder Englisch möglich sein, obwohl viele Ratsuchende nur ihre Heimatsprache beherrschen. Im Zweifelsfall wenden sich diese von den öffentlichen Beratungsstellen ab und informieren sich stattdessen in eigenen Netzwerken, die in ihrer Muttersprache verfügbar sind. „Oftmals sind diese jedoch wenig vertrauenswürdig“, warnt AbuJarour, Fake-News und ungeprüfte Behauptungen machen nämlich auch vor Hilfesuchenden nicht Halt. Einzige Abhilfe: Informationen in diversen Sprachen bereitzustellen.

Solange das nicht der Fall ist, sieht AbuJarour, die an der Uni Potsdam studiert und später den Verein Place4Refugees gegründet hat, die Gefahr von Parallelgesellschaften wachsen. „Wenn sich die Geflüchteten nicht willkommen fühlen, werden sie sich abwenden und nur noch in vertrauten Kreisen verkehren“. Um dies zu verhindern, hat sie Flüchtlinge direkt zu ihren Wünschen und Nöten befragt und ist überzeugt, dass eine „Integration 4.0“ kreative Lösungen erfordert. Gemeinsam mit einem Forschungsteam bastelt sie an einer App, die dort hilft, wo der Schuh am dringendsten drückt. Durch ihren engen Kontakt zu der Flüchtlingscommunity erhofft sie sich, ihnen ein nützliches Tool an die Hand geben zu können. Die App soll Nutzern beispielsweise dabei helfen, amtliche Dokumente in ihre Heimatsprache zu übersetzen.

Digital Empowerment von benachteiligten Gruppen

Allerdings: Die zunehmende Bedeutung von digitalen Kommunikationswegen erfordert ein Mindest-Know-how von Geflüchteten im Umgang mit technischen Hilfsmitteln. Zwar hatten über 52% von ihnen ein Smartphone bei ihrer Einreise nach Europa dabei. Doch was passiert mit den Gruppen, die im Umgang mit der neuesten Technik weniger vertraut sind? Eine Anlaufstelle für geflüchtete Frauen etwa bietet das Projekt „Digital Empowerment“ des Frauen Computer Zentrums Berlin, das den Teilnehmerinnen Basis-Medienkompetenzen vermittelt und ihnen Zugang zum Internet ermöglicht.

Noch ist die Zukunft neuer Integrationskonzepte ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt. Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch, dass eine wirklich gelungene Integration schon bald nur noch eine Frage des richtigen Klicks sein könnte.

Eine Antwort zu “Integration 4.0 – eine Frage des richtigen Klicks?”

  1. Von Sahin am 3. Februar 2017

    Ein sehr spannender Artikel über ein bislang viel zu selten diskutiertes Thema! Aus meinem eigenen Umkreis kann ich nur bestätigen, dass sich viele Geflüchtete längst über eigene Gruppen austauschen und organisieren. Jedoch gibt es – wie ganz richtig angesprochen wurde – auch die Gefahr neuer Ausschlüsse. Um das zu verhindern, sollte freies Wlan für Geflüchtete an öffentlichen Orten ermöglicht werden. Durch die digitale Kommunikation lässt sich auch ein viel besserer Draht zwischen Geflüchteten und Aufnahmegesellschaft herstellen.

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