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(K)eine Vorstadt wie jede andere

Von Tabea Schroer, Lea Bienhaus / 11. Oktober 2015
Tabea Schroer

Clichy-sous-Bois ist 2005 durch die Jugendaufstände bekannt geworden. Seitdem wurde viel Negatives aus den Banlieues berichtet. Wir haben uns zehn Jahre danach in Clichy umgeschaut und festgestellt: Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

„Hier haben 2005 die Unruhen begonnen“, sagt der katholische Priester und zeigt auf ein kleines Wäldchen hinter einer Schule in Clichy-sous-Bois. Vor der Schule steht eine Gedenktafel, die an Zyed Benna, damals 17 Jahre alt, und Bouna Traoré, 15 Jahre alt, erinnert. Eigentlich habe er keine Zeit, aber das wolle er uns noch zeigen, bevor er zu seinem Termin gehe. „Aber das, das war ein Ausnahmezustand“, sagt er.

Gedenktafel für Zyed Benna und Bouna Traoré, die 2005 in Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückten. (Foto: Lea Bienhaus)
Gedenktafel für Zyed Benna und Bouna Traoré, die 2005 in Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückten. Foto: Lea Bienhaus

Die Proteste 2005 begannen in Clichy

Der Ausnahmezustand begann am 27. Oktober 2005 mit dem Tod von Zyed Benna und Bouna Traoré. Die beiden Jugendlichen aus Clichy-sous-Bois suchten auf der Flucht vor der Polizei auf dem Gelände eines Transformatorenhäuschens Schutz und erlitten dabei tödliche Stromschläge. Die Polizisten wussten von der Anwesenheit der Jugendlichen auf dem Gelände, blieben aber untätig. Zwei von ihnen wurden wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

„Zwar wurden die beiden Polizisten in diesem Jahr freigesprochen. Aber für die Jugendlichen ist die Polizei schuldig“, sagt der Priester. Der 27. Oktober 2005 in Clichy-sous-Bois löste Jugendproteste in Vorstädten in ganz Frankreich aus. Vielerorts kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und der Polizei. Sie dauerten insgesamt fast drei Wochen. Unzählige Autos, Mülltonnen und Häuser brannten, vier Menschen starben.

Ruhig, aber prekär

Heute ist nicht viel los in Clichy-sous-Bois. Es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint. Ein paar Schulkinder sind unterwegs, Einwohner stehen vor den Häusern und unterhalten sich. Alles ist ruhig. „So ruhig wie heute ist es hier auch normalerweise“, sagt der Priester. „Ich gehe durch die Straßen und grüße die Menschen, sie grüßen mich freundlich zurück. Es ist hier sicherer als in der Pariser Metro.“

Links eine neue Schule, im Hintergrund renovierungsbedürftige Hochhäuser in Clichy. (Foto: Lea Bienhaus)
Links eine neue Schule, im Hintergrund renovierungsbedürftige Hochhäuser in Clichy. Foto: Lea Bienhaus

Dennoch ist hier nicht alles in bester Ordnung: Die 30.000 Einwohner leben in teils sehr heruntergekommenen Hochhäusern. Fast die Hälfte der Bewohner (43,4 Prozent) lebt unter der nationalen Armutsgrenze. Die Stadt hat bereits 2003 ein Umbauprojekt gestartet. Im Süden des Städtchens stehen ein paar neuere Mehrfamilienhäuser, dennoch sind einige Wohnhäuser in einem maroden Zustand. Zudem wohnen hier auf einem Quadratkilometer mehr als 7.700 Menschen, das sind doppelt so viele Menschen wie in Berlin.

Doch es bedarf mehr als nur einer Renovierung. Die Jugendarbeitslosigkeit lag 2012 bei 36 Prozent. Damit liegt Clichy-sous-Bois deutlich über dem damaligen Landesdurchschnitt von 22,3 Prozent. Auch die generelle Arbeitslosigkeit liegt über dem nationalen Durchschnitt: Mit über 22 Prozent ist sie mehr als doppelt so hoch. Geschäfte und Cafés findet man hier nur im Einkaufszentrum, das auch renovierungsbedürftig ist. Eingangstüren gibt es keine. Es ist schmutzig. Es läuft keine Musik wie in anderen Kaufhäusern. An den Eingängen stehen Personen herum. Durch die Gänge weht ein süßlicher Geruch von Cannabis. Seit kurzem im gleichen Gebäude: das soziale Zentrum von Clichy-sous-Bois.

Die Schilder weisen den Weg zu einer Kirche und zu sozialen Projekten. Kinos und Geschäfte sucht man hier vergebens. (Foto: Tabea Schroer)
Die Schilder weisen den Weg zu einer Kirche und zu sozialen Einrichtungen. Kinos und Geschäfte sucht man hier vergebens. Foto: Tabea Schroer

Soziale Programme für junge Menschen

Soziale Einrichtungen gibt es hier en masse. Straßenschilder weisen vor allem auf Schulen, Bildungseinrichtungen und soziale Zentren hin. So will die Stadt die jungen Menschen auffangen. Schilder zu Kinos oder Schwimmbädern sucht man vergebens. „Clichy-sous-Bois gehört zu den jüngsten Vierteln in Frankreich“, sagt der Priester. Damit meint er die Altersverteilung: 28,2 Prozent waren 2011 unter 15 Jahre alt (nationaler Durchschnitt: 18,6 Prozent); 23,9 Prozent zwischen 15 und 29 Jahren (nationaler Durchschnitt: 13,9 Prozent). Im Jahr 2005 hatten drei Viertel der Jugendlichen unter 17 Jahren einen Migrationshintergrund.

Der öffentliche Verkehr ist nur wenig ausgebaut

An einer Bushaltestelle treffen wir eine Frau Mitte Vierzig. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit und wartet auf den Bus. Der fährt tagsüber alle dreißig Minuten. Für die knapp 25 Kilometer ins Zentrum von Paris benötigt man mehr als eine Stunde mit Bus, Regionalbahn und Metro. Die Frau erzählt, dass sie geschieden sei. Damit ist sie nicht allein. Die Scheidungsrate in Clichy-sous-Bois liegt bei 4,3 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie der französische Durchschnitt.

„Die Frauen in den Vorstädten werden mehrfach diskriminiert. Einerseits erleben sie alltäglichen Sexismus, weil sie Frauen sind, andererseits nehmen ihre Arbeitswege viel Zeit in Anspruch, weil sie in den Vorstädten wohnen“, sagt Linda Fali von der Frauenrechtsbewegung Ni putes ni soumises, die sich besonders für die Rechte der Frauen aus den Vorstädten einsetzt. Zudem seien viele Frauen alleinerziehend und deshalb eher von Armut bedroht.

Neben sozialem Programm wurde auch in die „Sicherheit“ investiert

Die Polizeiwache wurde 2010 eröffnet. (Foto: Tabea Schroer)
Die Polizeiwache wurde 2010 eröffnet. (Foto: Tabea Schroer)

Alleinerziehend ist auch die Frau an der Bushaltestelle. Sie habe einen 20 Jahre alten Sohn, der keine Arbeit finde, sagt sie. „Das kann ich nicht verstehen. Schließlich habe ich immer die Sozial- und Arbeitslosenversicherung gezahlt, aber mein Sohn profitiert trotzdem nicht davon“, klagt sie. An der Jugendarbeitslosigkeit hier hat sich seit den 2000ern wenig getan.

Dennoch fällt uns auf dem Rückweg noch eine weitere Investition ins Auge: Die Polizeiwache. Sie beeindruckt vor allem durch die wuchtige Architektur ihrer Mauer und die vielen Kameras. Im September 2010 wurde sie eröffnet, fünf Jahre nach den Protesten. Sollte die Antwort der Regierung weiterhin in sozialen Projekten und „Sicherheit“ bestehen, wären Jugendproteste auch künftig denkbar. Auch wenn der Priester uns gerne anders denken machen will.

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