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Kultur als Heimstätte

Von Christa Roth / 12. Juli 2016
Credits: Andreas Knapp;

Sozial ist, was Gemeinschaft schafft. Und Integration gelingt nicht nur durch Erwerbsarbeit – wie ein gemeinnütziger Stuttgarter Verein beweist.

Das Letzte, woran du denkst, wenn du gerade auf der Flucht bist, ist Kultur, sagen Geflüchtete. Stattdessen dreht sich dein Gedankenkarussell fortwährend um diese Fragen: Wie in Sicherheit gelangen? Wem vertrauen? Was mitnehmen? Woher Geld nehmen?

Und dann – was? Was kommt nach dem „nackten Überleben“? Wessen Flucht über Jahre hinweg andauert, der ist gezwungen, sich in einem Zustand der Heimatlosigkeit einzurichten, fortwährend neue Konstanten in zerütteten Biografien zu schaffen, nach denen man sich zeitweise ausrichten kann – und seien sie noch so vergänglich.

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele – eines der ältesten Festivals im süddeutschen Raum – und der Verein Zuflucht Kultur haben sich entschieden, Mozarts über 200 Jahre alte Oper Idomeneo in den Kontext aktueller Flüchtlingsbewegungen zu setzen. Aus Sicht Geflüchteter. Mit Geflüchteten.

Ein Ensemble aus iranischen, pakistanischen, afghanischen, kosovarischen, nigerianischen, mazedonischen und syrischen Asylsuchenden spielt sich zu diesem Zweck selbst und bringt so die grausame gesellschaftspolitische Realität, die derzeit ihr Leben bestimmt, für ein von dieser Realität weitestgehend unberührtes Publikum auf die Bühne. Am vergangenen Wochenende hatte das Stück, an dem professionnelle deutsche Opernsänger wie Maximilian Schmitt und Cornelia Lanz beteiligt sind, in der Barockstadt Premiere.

Über die Wirklichkeit zur Wahrheit

Nach vier Jahren hat der Trojanische Krieg etliche Menschen entwurzelt. Zu ihnen zählt Idomeneo, der kretische König. Auf dem Weg nach Hause gerät er auf hoher See in ein Unwetter und bietet den Göttern für seine Rettung ein Opfer: das erstbeste Wesen, das ihm an Land begegnet. Sein Schicksal spart nicht an Ironie, denn das Los fällt auf Idamante, Idomeneos eigener Sohn. Dieser befindet sich jedoch bereits in seinem ganz eigenen Dilemma: Er hat sich in Ilia verliebt, Tochter des letzten trojanischen Königs, die als Gefangene auf Kreta lebt und Idamantes Avancen zurückweist, obwohl er ihrem Volk die Freiheit schenkt. Um der aufgeheizten Stimmung Herr zu werden, vermählt Idomeneo Idamante gegen dessen Willen mit Elettra, die als Muttermörderin nach Kreta geflohen war und sich in den Thronfolger verliebt hatte. Daraufhin erklärt Idamante, er wolle in den Krieg ziehen.

Mozarts Werk stellt die Themen verlorene Heimat und Sehnsucht nach Geborgenheit in das Zentrum der Geschichte und kommt damit den Erfahrungen der Darsteller dramatisch nahe, die im Grunde wie die Figuren selbst allesamt Gestrandete sind. Die Oper transportiert ganz offensichtlich das klassische Kunstverständnis, das weniger der Unterhaltung dient als vielmehr den Versuch wagt, der Gesellschaft zum Zweck der Selbsterkenntnis den Spiegel vorzuhalten. Einer Gesellschaft nämlich, in der wenige Mächtige im Hintergrund die Fäden ziehen und quasi beiläufig über das Leben tausender Anderer entscheiden. „Keimzellen des Krieges“ nennt der Regisseur Bernd Schmitt die öffentliche Instrumentalisierung von Menschenmassen, die je nach Bedarf mal hilflos, mal bedrohlich oder einfach nur vollkommen anonym und fremdartig wirken sollen. Er hat sie zu Ausgangspunkten für seine Inszenierung gemacht.

Gemäß dem diesjährigen Thema der Festspiele „Passagen – Erzählungen“ geht es im Fall dieser Idomeneo-Interpretation jedoch weder um eine direkte Belehrung noch darum, vermeintlich simple Lösungswege aufzuzeigen. Vielmehr scheint es, als wollten alle Beteiligten, mit Aussagen über die Wirklichkeit zur Wahrheit zu finden. Und eine dieser Wahrheiten lautet, dass die Flüchtlingsströme auch am UNHCR nicht unbemerkt vorbeigezogen sind. 2015 hat er die Zahl der weltweiten Flüchtlinge auf über 60 Millionen Menschen geschätzt. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl Frankreichs. Und, ginge es nach bestimmten Kräften unseres Volkes, einer damit viel zu hohen Zahl. Auch wenn von dieser gerademal ein Sechstel hier angekommen ist.

Das Smartphone als identitäres Kleinod

Auf der Bühne symbolisiert ein überdimensionaler Tisch, der zuweilen zur schiefen Ebene wird, das sinkende Schiff, auf dem die Flüchtlinge allesamt nach und nach ins Rutschen kommen. Prestige oder Nationalität schützen sie auf hoher See nicht. Keinen von ihnen. (Obwohl klar ist, dass in Zeiten wieder eingeführter Grenzkontrollen der „richtige“ Pass zu einem nicht zu unterschätzenden Türöffner werden kann.1) Jeder Geflohene erzählt, singt oder spielt mithilfe eines Gegenstandes aus seinem Heimatland seine eigene Geschichte und ist mit seinem individuellen Monolog für die Handlung „ebenso wichtig“ wie der Part der (professionellen deutschen) Gesangssolisten, heißt es offiziell.

Das Konzept geht auf! Die 30 Flüchtlinge, die an der Produktion mitwirken und zum Teil selbst ausgebildete Künstler sind, erinnern daran, was für ein hohes Gut die Reisefreiheit ist; dass ein Pass niemals das einzigartige Wesen eines Menschen einfangen wird – egal, wie viele Eckdaten er umfasst. Stattdessen: Das Smartphone als Aufbewahrungsort für die eigene Identität; im Rucksack trägt man die Heimat spazieren. Das verhältnismäßig junge Publikum ist begeistert, die Aufführung ein Erfolg. Auch am zweiten Aufführungstag.

Der Name ist Programm

Was die Zuschauer am Ende beider Vorstellungen mitnehmen, ist vor allem die Botschaft, dass Kultur nicht mehr, aber auch nicht weniger ist als das, was der Mensch selbst hervorbringt. In diesem besonderen Fall fungiert sie als Zufluchtsort, wie die Initiatoren nicht müde werden, darzulegen. Sie dient als Beschäftigungstherapie, als integrative Maßnahme. Und das vielfach bemühte Mantra der interkulturellen Zusammenarbeit kommt hier im wahrsten Sinne des Wortes zum Tragen. Die Begegnung verschiedener Kulturen findet auf mehreren Ebenen statt und beschränkt sich nicht nur auf die Protagonisten. Angebote zu Körper-, Atem- und Stimmübungen, Yoga und Chorproben waren in der Probenzeit an sämtliche Flüchtlinge aus den Unterkünften gerichtet. Gegenseitiges Vorstellen traditioneller Gerichte für gemeinsame Essen, Tänze und Instrumente, Ausflüge nach Stuttgart, München und Berlin verband die Mitwirkenden auch jenseits der Werkserarbeitung.

Im Herbst gehen die Aufführungen von Idomeneo – übrigens das dritte Unterfangen dieser Art von Zuflucht Kultur e.V.– in die zweite Runde. Sogar in puncto Nachhaltigkeit zeigt sich: Der Verein wird seinem Namen mehr als gerecht und zelebriert Völkerverständigung durch kulturellen Austausch. Immer wieder.

1 www.passportindex.org

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