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Leerer Schreibtisch, leerer Kopf

Von Alexander Kloß / 5. April 2022
picture-alliance / Hanna Witte | Hanna Witte

Chaos, wohin wir schauen. Beherrschen kann man es nicht, höchstens bändigen. Aber wie soll das gehen?

Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

So lautet der weltbekannte Ausspruch von Mephistopheles in Goethes “Faust“.

Sind Chaosstifter wie der teuflische Geist Mephisto wirklich daran interessiert, dass „zugrunde geht; (…) was ihr (…) das Böse nennt“, weil es sein „eigentliches Element“ darstellt? Wer nach dem Chaos sucht, wird jedenfalls schnell fündig.

Wir schreiben den 28. Mai 2016. Im Zoo von Cincinnati, Ohio, klettert ein dreijähriger Junge über eine Absperrung und fällt in den Wassergraben eines Gorillageheges. Aus Angst um die Sicherheit des Jungen entscheidet sich der Zoo, den Gorilla mit Namen Harambe zu erschießen. Der Junge bleibt fast unversehrt, Harambe hingegen erliegt seinen Verletzungen.

In Teilen des Internets hält sich seither hartnäckig eine Theorie, nach der Harambes verfrühter Tod der Auslöser für ein globales Unheil nach dem anderen war: Brexit und Donald Trumps Wahlsieg, immer häufigere Naturkatastrophen, verheerende Terroranschläge weltweit, COVID-19 und nun Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Welt scheint innerhalb der letzten Jahre tief im Chaos versunken zu sein. Und auch wenn Harambes eifrige Jünger der Apokalypse eher in den Bereich der Satire gehören, so weckt ihr skurriles Deutungsmuster doch eine ernste Frage: Wie soll man diesem ganzen Chaos überhaupt noch begegnen?

Ordnung muss sein

In Zeiten großer Umwälzungen versuchen viele Menschen, sich ins heimische Idyll zu flüchten, um wenigstens dort vor dem Rest der Welt sicher zu sein. So gab es im 19. Jahrhundert den bürgerlichen Biedermeier als Gegenbewegung zum revolutionären Vormärz. Auch zu Beginn der Coronapandemie erlebte die Flucht von der Stadt aufs Land wieder neue Höhenflüge, wie eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft aus dem letzten Jahr belegt.

Wenig verwunderlich mag deshalb der aktuelle Kreuzzug gegen das Chaos sein: Wenn er schon nicht auf internationaler Bühne triumphieren kann, so wird er wenigstens daheim mit viel Ehrgeiz ausgefochten. Die Aufräumtutorials der japanischen Autorin Marie Kondo erlebten zuletzt eine rasant steigende Nachfrage. Ähnlich erging es dem kanadischen Psychologen Jordan Peterson, dessen 2019 veröffentlichtes Selbsthilfebuch 12 Rules For Life, denen ein „Gegenmittel für das Chaos“ zugrunde liegen soll, großen Zuspruch erhielt. Die Anweisung seiner sechsten Regel bringt es dabei auf den Punkt: Räum erst einmal bei Dir zu Hause auf, bevor Du die Welt kritisierst! Doch machen uns derlei Ratschläge wirklich zu besseren, gar zu glücklicheren Menschen?

Dieses Chaos hat System

Kondos und Petersons Haltung trifft den Nerv der Zeit. Schließlich hat mehr Ordnung bisher den Wenigsten geschadet. Chaos in der Wohnung bewirke Chaos im Kopf, heißt es dort, und das braucht ja momentan nun wirklich keiner.

Doch der Putzhype entpuppte sich schnell als Allzweckwaffe, die eigentlich gar keine ist. Am Trend selbst gibt es wenig auszusetzen. Nur birgt das akribische Aussortieren die Gefahr auszuufern. Problematisch wird es dann, wenn die ordnungsfanatische Stressbewältigung daheim zum Ersatz für die Beschäftigung mit der Außenwelt wird. Auch ohne Chaos im Zimmer – das Chaos wütet überall jenseits der eigenen vier Wände ungestört weiter. Selbst durchstrukturierte Gedankengänge vereinfachen die komplexen Umstände im Hier und Jetzt nicht unbedingt zum Besseren. Eher verursachen Filteransichten Realitätsferne und Entfremdung.

Im antiken Griechenland bezeichnete das Chaos (χάος) einen Urzustand, welcher der Entstehung des Universums (des Kosmos) zuvorkam. Auch in der chinesischen Mythologie sowie im Christen- und Judentum ist ausgerechnet das Chaos der Ursprung für alles darauf Folgende. Statt als destruktiv-anarchischer Seinszustand wurde es positiv als Ausgangspunkt der göttlichen Schöpfung gesehen. Gewissermaßen dient Chaos also seit Anbeginn der Zeit als kreativer Fundus, aus dem wir bis heute schöpfen.

Genie und Wahnsinn

Den besten Beweis dafür liefert die Welt der Kunst. Während über viele Jahrhunderte strikte Vorgaben für Farben und Formen die Malerei dominierten, wurden diese Grundsätze spätestens im 20. Jahrhundert vollends verworfen. Das Einfangen von Licht, die Hervorkehrung unserer Innenwelt und der mörderische Kontext zweier Weltkriege trieben Künstler:innen zu immer neuen Ausdrucksweisen, um das Geschehene greifbar und verarbeitbar zu machen. Mit der künstlerischen Bewegung des Dadaismus und mit dem abstrakten Expressionismus gründen ganze Stilrichtungen auf chaotischer Kreativität. In der europäischen Musik fand die Atonalität Einzug. Was auf ungeschulte Ohren auch heute noch wie pure Kakophonie klingen mag, markiert einen der größten Durchbrüche moderner Musiktheorie.

Viele dieser Meilensteine verdanken wir „Chaoten“. Das Studio des irisch-britischen Ausnahmemalers Francis Bacon glich mehr einer Müllhalde als einem Atelier. Der französische Komponist Erik Satie hinterließ der Nachwelt in seiner Wohnung zwei übereinander gestapelte Konzertflügel (!) und eine „ungewöhnlich große Menge Regenschirme”. Und dann gab es natürlich noch Einsteins berühmten unorganisierten Schreibtisch in Princeton, der fast schon zum Markenzeichen für ein chaotisches Genie geworden ist.

Bemerkenswert bleibt, dass ein so scheinbar zwangloser Lebens- und Arbeitsstil symptomatisch für eine bestimmte Denkweise zu sein scheint, die lieber auf das große Ganze schaut anstatt sich im Kleinklein zu verlieren, und gerade in dieser Unordnung ihre Inspiration findet. Wen interessiert schon ein zugemüllter Arbeitsplatz, wenn man gerade die Relativitätstheorie aufstellt?

Deshalb müssen wir nicht gleich unsere guten Angewohnheiten über Bord werfen. Ohne das allgegenwärtige Chaos in Gänze begreifen zu können – wir sollten die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Wenn es Unheil mit sich bringt, sollten wir lieber vorbereitet als ihm hilflos ausgeliefert sein. Vielleicht lässt sich so ja auch das nächste Kind retten, bevor es in den Brunnen gefallen ist – oder in den Wassergraben.

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