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„Noch ist Polen nicht verloren“

Von Leonie Haueisen / 6. Oktober 2015
Juliusz Kossak - Pinakoteka Lizenz CC0

Was sagt eigentlich die Nationalhymne über ein Land aus? Leonie Haueisen hat die polnische Hymne unter die Lupe genommen.

Der erste Satz der polnischen Nationalhymne spricht Bände. Bereits im 18. Jahrhundert war Polen Spielball europäischer Mächte. Die mehrmalige Aufteilung und Besetzung Polens führte dazu, dass auf der Karte Europas bis zum Ende des Ersten Weltkriegs für über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Nationalstaat mehr existierte. Dann folgten der Erste und Zweite Weltkrieg und die Zeit unter sowjetischem Einfluss.

Jan Henryk Dąbrowski war ein polnischer General im 18./19. Jahrhundert. © Mathiasrex Maciej Szczepańczyk. Wikimedia Commons

Der Mazurek Dąbrowskiego ist seit dem 26. Februar 1927 offiziell die Nationalhymne Polens. Jan Henryk Dąbrowski, der heute noch als Nationalheld verehrt wird, gab dem sogenannten Dombrowski-Marsch seinen Namen. Verfasst hat den Text Józef Wybicki 1797 in der italienischen Stadt Reggio nell’Emilia. Ursprünglich trug er den Titel „Lied der polnischen Legionen in Italien“. Dies sollte an die frühen polnischen Legionen erinnern, an die Figur des polnischen Freiwilligen.

Auch noch im 19. Jahrhundert und im Ersten Weltkrieg wurden vielerorts, zum Beispiel in England, Frankreich und Österreich, polnische Legionen aus den dort lebenden Polen gebildet. Der heutige Text weicht etwas vom ursprünglichen „Lied der polnischen Legionen in Italien“ ab.

Gesungen wurde das Lied Ende des 18. Jahrhunderts in allen drei Teilen Polens, 1830/1831 beim Novemberaufstand, 1863/1864 beim Januaraufstand, 1905 bei der Russischen Revolution sowie im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die Solidarisierung mit den kämpfenden Polen führte dazu, dass der Dombrowski-Marsch in 17 Sprachen übersetzt und gesungen wurde, unter anderem beim Völkerfrühling 1848.

 

Noch ist Polen nicht verloren,
solange wir leben.
Was uns fremde Übermacht nahm,
werden wir uns mit dem Säbel zurückholen.

Marsch, marsch, Dąbrowski,
Von der italienischen Erde nach Polen.
Unter deiner Führung
vereinen wir uns mit der Nation.

Wir werden Weichsel und Warthe durchschreiten,
Wir werden Polen sein,
Bonaparte gab uns ein Beispiel,
wie wir zu siegen haben.

Marsch, marsch, Dąbrowski …

Wie Czarniecki bis nach Posen
Nach der schwedischen Besetzung,
Zur Rettung des Vaterlands
kehren wir übers Meer zurück.

Marsch, marsch, Dąbrowski …

Da spricht schon ein Vater zu seiner Basia
weinend:
„Höre nur, es heißt, dass die Unseren
die Kesselpauken schlagen.“

Marsch, marsch, Dąbrowski …

Nationalhymnen. Texte und Melodien, 1982. Stuttgart: Reclam Verlag, S. 131 f.

Vielen Deutschen fällt beim Hören der polnischen Nationalhymne sofort der Zweite Weltkrieg ein. Dabei steckt viel mehr dahinter – das besondere Wertlegen auf die nationale Identität und Souveränität – dazu am Samstag mehr – und viel europäische Geschichte. Die Polen singen ihre Nationalhymne heutzutage vor allem bei Fußballspielen.

In den nächsten Tagen wird es auf diesem Blog häufig eine „Persönlich“-Rubrik meiner Gesprächspartner geben, in der ich sie unter anderem nach der polnischen Nationalhymne – was sie damit verbinden und wann sie sie singen – frage.

2 Antworten zu “„Noch ist Polen nicht verloren“”

  1. Von Anonymous am 9. August 2018

    Oh Mann, wenn der Name schon falsch ist, was kommt als Nächstes? Die Hymne heißt nicht „Dombrowski-Marsch“, sondern „Dąbrowski-Mazurka“. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Marsch und einer Mazurka…

    1. Von Christa Roth am 17. August 2018

      Danke für die Aufklärung!

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