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Privilegien und wie man mit ihnen umgeht

Von John Kazadi / 21. Juni 2023
picture alliance / Westend61 | Olga Pankova

Wenn wir zu sehr auf die Privilegien anderer Menschen schauen, fühlen wir uns klein. Gesellschaftliche Ungleichheiten zu ignorieren, hilft einem aber auch nicht weiter.

Ich bin überzeugt, dass Privilegien Keile zwischen die Menschen treiben können. Wenn man durchhalten will, muss man sich darauf konzentrieren, was einen glücklich macht. Neid auf die Privilegien anderer Menschen bringt dich nur um das Glück, das du verdienst. Ich glaube, man muss zufrieden sein mit dem, was man hat, ohne den Kampf für das aufzugeben, was man will und was man vom Leben erwartet.

Manch ein Mensch muss um die nächste Mahlzeit kämpfen, während ein anderer Stress hat, weil er oder sie sich kein Auto oder Haus leisten kann. Dieser Stress ist aber nicht das Gleiche wie das Erleben von Not und Armut. Die zweite Person ist immer noch viel privilegierter als die erste.

Natürlich hat es Vorteile, privilegiert zu sein. Privilegien ermöglichen Menschen wie auch Gruppen einen leichteren Zugang zu bestimmten Gelegenheiten oder Diensten. Keine Privilegien zu haben, ist ein großer Nachteil. Nicht nur muss man hart arbeiten; man muss sogar kämpfen, um Dinge zu bekommen, die anderen einfach so zufliegen. Und was schmerzt mehr als Chancen oder sogar Rechte vorenthalten zu bekommen? Keinen Zugang zu Möglichkeiten zu haben, die anderen offenstehen?

Wir alle kommen mit unterschiedlichen Privilegien auf die Welt. So ist es eben. Widersprechen wirst du mir wahrscheinlich nur, wenn du gar nicht weißt, wie es sich anfühlt, bestimmte Privilegien nicht zu haben. Aber glaub mir, es ist ebenso wichtig, über Privilegien zu sprechen, wie zum Beispiel über körperliche oder psychische Gesundheit.

Selbstkritik fällt erheblich leichter, wenn man einen individuellen Fehler eingestehen muss, als wenn es darum geht, sich mit seinen eigenen Privilegien zu befassen. Es geht ja nicht nur um bestehende naturgegebene Unterschiede zwischen Menschen und ihren Fähigkeiten, sondern um fragwürdige soziale Entscheidungs- und Auswahlprozesse, die die Menschheit spalten. Die meisten Menschen verlieren die Hoffnung, wenn sie daran denken, wie privilegiert andere sind. So ist es auch hier in Malawi in Ostafrika.

Unterschiedliche Wertschätzung

Wenn du in Afrika schon einmal ein öffentliches Verkehrsmittel genutzt hast, weißt du, wovon ich rede: Ich habe noch nie einen öffentlichen Minibus („Matola“ heißt er in Malawi) benutzt, der sein Ziel erreicht hat, ohne mindestens einmal angehalten zu werden, weil die Verkehrspolizei nach Reisenden ohne offizielle Papiere suchte. Dabei ging es stets weniger um die Durchsetzung von geltendem Recht als um die Chance auf ein Bestechungsgeld.

Wer ein teures Auto fährt, wird dagegen kaum angehalten. Warum? Die Annahme ist einfach, dass jemand, der so ein Auto fährt, wohl kaum ohne gültige Papiere unterwegs ist. Was übrigens nicht immer stimmt… Aber wir lernen daraus: Wenn du reich bist und ein teures Auto fährst, könntest du sogar das Gesetz brechen – und niemanden interessiert es. Das ist hier in Malawi so, und im Rest der Welt wahrscheinlich auch.

Privilegien zu haben, öffnet Türen. Keine zu haben, schlägt Türen zu. Privilegien teilen Menschen in drei Gruppen ein: die Armen, die Mittelschicht und die Reichen. Wer als arm gilt, erfährt kaum Respekt oder Wertschätzung. Einmal war ich in einem großen Geschäft in Dzaleka, um ein Päckchen Zucker zu kaufen. Ich hatte schon bezahlt, da fuhr ein Mann vor und parkte seinen Range Rover direkt hinter mir. Wir standen also beide am Tresen und warteten darauf, bedient zu werden. Überraschung: Der Mann mit dem Auto bekam seine Ware vor mir.

Privilegien, die mein Leben verändert haben

Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich große Veränderungen an mir. Andere sehen sie auch, einschließlich meiner Familie. Mit 26 Jahren hatte ich schon die Ehre, berühmte malawische Dichter wie Q Malewezi und Robert Chiwamba kennen zu lernen. Von Begegnungen mit solchen Mentoren können viele andere junge Dichter_innen nur träumen.

Durch das Programm „The Branches Art“, das jungen Künstler_innen Chancen gibt, sich zu zeigen, bin ich mit Menschen zusammengetroffen, die meine Arbeit und meinen Beitrag zur Gemeinschaft wertschätzen. Was ich heute bin, ist das Ergebnis sowohl harter Arbeit als auch von Privilegien. (Aber über die harte Arbeit reden wir ein anderes Mal.)

Wie bin ich jemand geworden, der sich als Dichter einen Namen gemacht hat und jetzt in seiner Gemeinschaft etwas bewirken kann? Habe ich es allein so weit gebracht? Die Wahrheit ist: Auch ich habe Privilegien genossen. Wohlgemerkt, das soll kein Bekenntnis sein; eher benenne ich nur das Offensichtliche. Es liegt an jeder und jedem selbst, noch mehr zu tun, um das zu erreichen, worum sie oder er andere beneidet. Ich musste meine Privilegien erst ausgraben und anfangen, sie zu nutzen: meine Bildung, meine offene Haltung, meine Fähigkeit zu netzwerken und – vielleicht als Wichtigstes – meinen Charakter.

Privilegien eröffnen letzten Endes auch neue Perspektiven. Bei mir heißt das, dass ich mich auf meine Entwicklung konzentriere und mich von anderen nicht allzu lang aufhalten lasse.

(Übersetzung von Bianca Walther, hier das englische Original dieses Beitrags)

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