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debatteFridays for Future – Mutige Vorbilder oder streitlustige Schulschwänzer?

Von Christina Mikalo / 2. April 2019
Christina Mikalo

Es nahm 2018 mit einem einzigen Mädchen seinen Anfang. Heute gehen weltweit Jugendliche auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Damit machen sie sich nicht nur Freunde.

Am 20. August 2018 hat Greta Thunberg genug. Es ist der erste Schultag nach den Ferien. Schweden hat einen außergewöhnlich heißen Sommer erlebt. Die damals 15-Jährige beschließt, anstatt in den Unterricht vor den schwedischen Reichstag zu gehen. In drei Wochen sollen die Abgeordneten neu gewählt werden. Thunberg trägt ein Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ – „Schulstreik für das Klima“.

Die Schülerin will erreichen, dass die Erwachsenen beherzter gegen den Klimawandel vorgehen. „Was wir jetzt tun oder nicht tun, wird mein Leben und das meiner Freunde, Kinder und ihrer Enkelkinder beeinflussen“, wird Thunberg später in den Medien zitiert. Zunächst aber demonstriert sie fast unbemerkt und allein in Stockholm vor dem Reichstag, jeden Tag. Nach dessen Neuwahl setzt sie ihren Protest einmal pro Woche fort. Sie beschließt, so lange freitags auf die Straße zu gehen und ihren Schulstreik fortzusetzen, bis Schweden das Pariser Klimaabkommen einhält.

Eine Bewegung entsteht

Dann ändert sich alles. Thunbergs Protest erlangt öffentliche Aufmerksamkeit – und findet weltweit Nachahmer. In Deutschland, Österreich, der Schweiz, Australien und vielen anderen Ländern gehen Schüler seit einigen Monaten ebenfalls jeden Freitag für den Klimaschutz auf die Straße und versäumen dadurch Unterrichtsstunden.

Ihre Aktionen stellen sie unter das Motto „Fridays for Future“. Über soziale Medien wie WhatsApp und Facebook organisieren sich die Teilnehmer und informieren die Öffentlichkeit. Ihnen zufolge nehmen an den Protestmärschen, die bevorzugt in Großstädten wie München, Paris oder Sydney stattfinden, regelmäßig bis zu Zehntausende Schüler und Studenten teil. Bei der ersten globalen „Fridays for Future“-Demonstration am 15. März 2019 dürften es noch mehr gewesen sein: Laut der Tagesschau trafen sich auf der ganzen Welt etwa 1.700 Gruppen zum gemeinsamen Protestieren, davon allein 220 in Deutschland.

Ihre Forderungen reichen vom sofortigen Ausstieg aus der Kohleenergie bis zum Artenschutz. Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der WWF unterstützen die „Fridays for Future“-Bewegung. Und sie sind längst nicht mehr die einzigen. Inzwischen kommt auch noch von ganz anderer Seite Rückenwind.

Zwischen Unterstützung und Kritik

Unter dem Namen „Scientists for Future“ haben laut eigenen Angaben 23.000 Wissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz und Österreich eine Stellungnahme unterzeichnet. In dem Dokument heißt es, dass das Anliegen der jungen Aktivisten „berechtigt und gut begründet“ sei. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichten „bei weitem nicht aus“, um eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Damit das gelinge, müssten sich die Energiequellen, Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsummuster schnell und grundlegend ändern.

Verstärkung erhalten die jungen Demonstranten zudem von der Eltern-Gruppe „Parents for Future“. Sie geht nicht nur mit auf die Straße, sondern verteidigt ihre Kinder auch vor ihren Kritikern.

Denn über den Klimaprotesten ist ein Streit entfacht, der das Engagement der Jugendlichen und nicht ihre Forderungen betrifft. Nicht jeder begrüßt die Strategie der „Fridays for Future“-Anhänger. Vor allem Behördenmitarbeitern und manchen Politikern ist es ein Dorn im Auge, dass die Proteste während der Unterrichtszeit stattfinden. Die Schüler verstießen damit bewusst gegen die Schulpflicht, begründen sie ihre Position.

Recht gegen Recht

Rechtlich gesehen stimmt dieser Vorwurf zwar. Allerdings haben gerade deutsche Schüler offiziell auch ein Recht darauf, sich bei „zwingenden Gründen“ vom Unterricht befreien zu lassen. So steht es in den Schulordnungen der Länder. Ob eine Demonstration für das Klima jedoch als triftiger Grund ausreicht, das ist Ermessensspielraum der Schulen.

Manche Lehrer und Schulleiter unterstützen die Jugendlichen bereitwillig. Andere dagegen sind streng – und drohen den Schülern bei Fernbleiben vom Unterricht mit Strafen. „Wenn Schüler am Schulstreik teilnehmen, wird das als unentschuldigte Fehlzeit gewertet“, befindet beispielsweise ein Sprecher des thüringischen Bildungsministeriums t-online gegenüber. Viele fordern die Schüler auf, als Kompromisslösung außerhalb der Unterrichtszeiten zu demonstrieren.

Standhaft bleiben

Für die meisten Jugendlichen ist das aber keine Option, denn schließlich wollen sie mit ihren Streiks Aufmerksamkeit erregen. „Wenn ich nur außerhalb meiner Schulzeit protestiere, ist es der Politik wahrscheinlich relativ egal“, sagt etwa der 17-jährige Gymnasiast Moritz Bayerl gegenüber der Westdeutschen Zeitung. Er scheut die Auseinandersetzung, die ihm seine Haltung bringt, nicht.

Auch Greta Thunberg lässt sich von Vorwürfen und Kritik nicht irritieren. Sie könne es sogar verstehen, dass Menschen ihr feindlich begegnen, schreibt sie auf Facebook. Auf viele möge es befremdlich wirken, dass die Schüler mit einem einfachen Streik auf ein so komplexes Thema wie den Klimawandel aufmerksam machen wollten. Doch wegen der Tatenlosigkeit gegenüber der Klimakrise sehe sie gar keine andere Möglichkeit, als trotzdem weiter zu streiken – so lange, bis sich etwas ändere.

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