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proKein Widerstand gegen das Schulgesetz

Von Hilistina Banze / 2. April 2019
Credits: Photo by Mika Baumeister on Unsplash;

Mir erschließt sich nicht, wieso gegenwärtig diejenigen, die sich für unsere Gesellschaft engagieren, harsch kritisiert werden. Wir sollten sie dafür feiern, dass sie trotz der zunehmenden Digitalisierung vor allem Veränderungen in der realen Welt bewirken wollen.

Befreiung der Jugend

Als Greta Thunberg begann, freitags für den Klimaschutz zu demonstrieren, anstatt zur Schule zu gehen, wuchs das Bewusstsein unter jungen Menschen, dass auch sie eine Stimme haben und Einfluss nehmen können, um etwas zum Positiven zu verändern. Greta Thunbergs Beispiel nahmen sich viele zum Vorbild. Viel zu selten wird Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Übernahme von Verantwortung in wegweisenden Situationen des “analogen“ Lebens eingeräumt. Wodurch ihnen auch die Möglichkeit verwehrt wird, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu machen. In der Schule lernen sie durch Negativkorrekturen, was sie alles noch nicht können, und zur Konformität zwingende Regeln zeigen im Alltag, dass Erwachsene das Sagen und Jugendliche sich unterzuordnen haben. So rennen sie von einer Freizeitaktivität zur Nachhilfe und weiter zum heimischen Schreibtisch, um ja dem allgegenwärtigen Prüfungsstress gerecht zu werden oder lenken sich vom gesellschaftlichen Druck mit permanentem Medienkonsum ab. Wie soll sich unter diesen Umständen das Gefühl entwickeln, mitbestimmen zu können? Insbesondere dann, wenn Jugendliche einerseits um ihren Platz in der Gesellschaft bangen, und zum anderen sehen, dass Politik nur von Menschen gestaltet wird, die mindestens dreimal so alt sind wie sie selbst? Greta Thunberg zeigt, dass es anders gehen kann und stößt damit eben jene Eliten vor den Kopf, die Jugendlichen keinen Raum für Mitbestimmung geben wollen.

Recht auf Partizipation einfordern

Kinder und Jugendliche haben auch 2019 kaum eine andere Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, als auf die Straße zu gehen. Sie erheben laut ihre Stimmen, um die Stimme einzufordern, die ihnen als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik zugesichert, jedoch bis zum vollendeten 16. bzw. 18. Lebensjahr im Wahllokal verwehrt wird.

Wollen wir uns wirklich darüber beklagen, dass junge Demokrat*innen ihr Recht auf Partizipation einfordern? Wohl kaum. Aber dann sollten wir uns auch bei der Frage nach dem „Wie“ zurückhalten und es der Kreativität der Demonstrant*innen überlassen, welchen Weg sie nehmen.

Es ist von zentraler Bedeutung, dass sie diese Proteste eben nicht in ihrer Freizeit, sondern während ihrer Schulzeit durchführen. Was wäre ein Streik im Berufsleben, der außerhalb der Dienstzeit stattfände, also keine Betriebsabläufe stören könnte? Genau: irrelevant. Denn er bliebe weitestgehend unbemerkt.

Schule muss unterstützen, nicht blockieren

Ist der Schulbesuch wichtiger als ein Engagement für den Klimaschutz? Diese Entweder-oder-Frage sollte sich nicht stellen müssen. Vielmehr ist es die Aufgabe der Schulen und diversen Ausbildungsstätten, junge Menschen auf ihr Leben nach dem Abschluss vorzubereiten. Sie sollen keine Spielbälle, sondern kritisch, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt handelnde Personen werden. Aus diesem Grund vertrete ich klar die Auffassung, dass Schulen ihren Schüler*innen die Teilnahme an Demonstrationen ermöglichen sollten. Und nicht nur das: Lehrkräfte und Schulleitungen in ganz Deutschland sollten das Thema Klimaschutz in den Unterricht integrieren, den Schüler*innen den Wert von friedlichen Protestbewegungen nahebringen und sie gegebenenfalls zu diesen begleiten. Sowohl den Lehrer*innen als auch den Beamt*innen in deutschen Schulbehörden sollte klar sein, dass die Klimademonstrationen Themen für fast jedes Unterrichtsfach bereithalten: In Sozialkunde und Politik kann man betrachten, was Demonstrationen bedeuten und wie sie wirken. In Deutsch können die Schüler*innen eine Erörterung zum Thema „Soziales Engagement oder Schulbank drücken?“ verfassen. In den Fächern Geschichte und Geografie betrachten sie die Auswirkungen des Klimawandels bisher. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Junges, politisches Potential erkennen

Politiker*innen sollten die Chance nutzen und ihren politischen Nachwuchs genauso wie die schon erwachsenen Wähler*innen für sich gewinnen. Die meisten Parteien Deutschlands beklagen, dass junge Menschen sich nicht ausreichend politisch beteiligen. Das tun sie ja jetzt. Es wäre daher genau der richtige Moment für eben diese Politiker*innen, in Schulen zu gehen und den Dialog mit Schüler*innen zu suchen, sie anzuhören, ihre Argumente aufzugreifen und ernsthaft mit ihnen zu diskutieren. In diese großen gesellschaftlichen Debatten sollten Jugendliche aktiv involviert werden, damit sie sich nicht wieder gezwungen fühlen, einen ranghohen Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf seinen Platz zu verweisen und an seine eigentlichen Aufgaben zu erinnern. Und die liegen nicht darin, Protestbewegungen wie diese zu verhindern. Es ist offensichtlich: Jugendliche in Deutschland wollen mitbestimmen. Sehen wir das als Gewinn, nicht als Widerstand gegen das geltende Schulgesetz!

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