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contraZwickmühle Zukunft

Von Marie-Claire Wygand / 2. April 2019
Credits: Photo by Mika Baumeister on Unsplash;

An den „Fridays for Future“ werden Schulbücher gegen Transparente eingetauscht für eine bessere Klimapolitik. Manchen sind diese Demos jedoch suspekt, zumal sie nicht in jedem Fall das Fehlen in der Schule rechtfertigen. Versuch einer Positionsbestimmung.

Ist es gut, dass Jugendliche die Schule schwänzen, um auf die Verfehlungen der Klimapolitik aufmerksam zu machen? Jein. Natürlich ist es richtig und wichtig, dass junge Leute für ihre Zukunft auf die Straße gehen. Natürlich haben sie recht damit, die Erwachsenen für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage zur Verantwortung zu ziehen. Aber: Natürlich ist es auch schlecht, dass Bildung geopfert werden muss, um überhaupt Gehör zu finden.

Ich stehe in dieser Streitfrage eigentlich auf der Seite der protestierenden Jugendlichen. Aber ich kann manches Argument der Gegenseite nicht ignorieren. Denn bei genauerem Hinsehen sind die „Fridays for Future“ definitiv gemischt zu bewerten. Dies ist also der Versuch, sich zumindest die überzeugendsten Begründungen gegen die Proteste vor Augen zu führen.

Ein zweischneidiges Schwert

So sehr dieser Streit um die Zweckmäßigkeit der Proteste die Gemüter erhitzt, so sind wir uns alle wohl einig: Es ist generell unterstützenswert, dass (junge) Menschen sich lautstark und eindrücklich für das Klima einsetzen, da die Zeit drängt. Gleichermaßen ist es tragisch, wenn Schüler*innen freitags vor dem Dilemma stehen, einzuschätzen, ob ihre Zukunft im Klassenzimmer oder auf der Straße entschieden wird.

Doch es gibt sicherlich auch solche Schüler*innen, die dem Thema nicht ausreichend reflektiert gegenüberstehen wie es die Begründerin der Bewegung, Greta Thunberg, und andere tun. Womögliche auch solche, für die die Freitagsproteste weniger der politischen Bildung, als der Verlängerung des Wochenendes dienen.

Die Ordnungswidrigkeit, die Schulschwänzen darstellt, hätte man natürlich mit Protesten am Samstag oder Sonntag umgehen können. (Ja, wahrscheinlich wären dazu weniger Schüler*innen bereit.) Tatsächlich protestieren die Schulpflichtigen auch in den Ferien. Wahr ist aber auch, dass dann die große Empörung und der Medienrummel ausgeblieben wären.

Von der Doppelmoral

Weiterhin fragen sich einige Kritiker unter den Älteren, wie es wirklich um das Engagement der Jugendlichen steht. Diese verlangen während ihrer Proteste lautstark, dass wir unseren exzessiven Konsum und so manche Gewohnheit grundlegend ändern, um das Klima und damit die Erde und uns selbst zu retten. Demonstrieren, um das Gewissen zu beruhigen, reicht nur leider nicht aus. 

Die Zahl der Vielfliegenden, zum Beispiel, steigt seit Jahren stetig, und das auch unter Jüngeren. Die 22-jährige Studentin Luisa Neubauer, die als Vorreiterin der deutschen Freitags-Demos gilt, erntet viel Kritik für ihre zahlreichen Flüge. In der Tat würde viel bewirkt, wenn wir Flugreisen vermieden oder wenigstens reduzierten, weniger Fleisch äßen und seltener Neues kauften, obwohl das Alte noch funktionstüchtig ist. Private Anpassungen sind wichtig – wenngleich sie die Politik definitiv nicht aus ihrer Verantwortung nehmen. Die Jugendlichen müssen sich wie wir alle den Spiegel vorhalten lassen: Auslandspraktika, Urlaubstrips und eine generell hohe Mobilität vor allem westlicher Wohlstandskinder werden mehr und mehr zur Norm. Doch auch diese schadet dem Klima. Genauso wie übermäßiger Konsum und die exzessive Nutzung stromfressender Streamingsdienste.

Der Generationenkonflikt

Die Älteren haben zu lange zu wenig gegen den Klimawandel unternommen. Das müssen die Jugendlichen jetzt ausbügeln, bevor es zu spät ist. Aber geht es den jungen Leuten nicht auch um einen gewollten Generationenkonflikt? Eine Auseinandersetzung über die bestehende Passivität, obwohl der Klimawandel schon heute seine Auswirkungen spüren lässt. Das zu unterstellen, geht vielleicht etwas zu weit. Aber all die Klagen, dass die Älteren und Mächtigeren zu wenig tun, kommen bei den Angesprochenen offensichtlich nicht an. So sagte Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in Polen Politiker*innen aus aller Welt ins Gesicht: „Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen“. Dass es zahlreiche Studien gibt, die von gestandenen Klimaforscher*innen erstellt wurden, und auf die sich auch Thunberg in ihrer Kritik bezieht, fällt dabei unter den Tisch.

Und auch wenn mittlerweile Gruppen wie „Parents for Future“ sich an die Seite ihrer Kinder stellen – einen Weckruf aus den Kehlen junger Klimaschützer*innen zu vernehmen hat schon seinen ganz besonderen Reiz. Die Problematik, dass mehr Arbeitende und Politikmachende oder schlicht einflussreichere Menschen demonstrieren müssten, um etwas zu erreichen, bleibt aber bestehen.

Noch verschafft ziviler Ungehorsam Gehör

Die Streiks verurteilen, wie ein uneinsichtiger Peter Altmaier (CDU) es tut, ist umso empörender, wenn ein ganz anderes Handeln erforderlich wäre: Ein schneller Kohleausstieg, strengere Vorgaben für die Autoindustrie, die Besteuerung von Kerosin, die Subventionierung öffentlicher Verkehrsmittel anstelle der von Massentierhaltung. Das zu fordern ist zwar richtig, gleichzeitig sollten die zähen demokratischen Auseinandersetzungen gegensätzlicher politischer Interessen nicht unbeachtet bleiben, zumal denen auch aus jugendlicher Sicht Rechnung getragen werden muss.

Wie lange die weltweite Protestbewegung sich Gehör verschaffen kann durch ihren zivilen Ungehorsam, ist ungewiss. Richtiggehend bedauerlich ist aber, dass das anhaltende Pochen auf den Schülerstreik auch die Debatte von ihrem eigentlichen Fokus abgebracht hat, hin zur Frage nach der Rechtmäßigkeit von Schulstreiks. Wirkungsvoller wären hier womöglich Proteste der arbeitenden Bevölkerung. Aber die bleiben aus. Wer streikt, verdient halt kein Geld; und so profitieren wir gerade alle davon, dass Schulpflichtige uns das Protestieren abnehmen.

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