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contraVielmehr Fluch als Segen

Von Bettina Ehbauer / 31. August 2018
Photo by Jonas Verstuyft on Unsplash

Als Menschen sind unsere herstellerischen Fähigkeiten denen aller anderen Tierarten weit überlegen. Von unserem technologischen Fortschrittsstreben sollten wir uns aber verabschieden. Denn Gemeinschaft, Umwelt und Gerechtigkeit bleiben dabei auf der Strecke.

Wir leben in einem Zeitalter nie gekannten technischen Fortschritts. Immer schneller entwickeln wir neue Technologien, die unseren Alltag erleichtern und durchdringen. Als das Auto oder das Telefon erfunden wurden, vergingen noch viele Jahrzehnte von der Entwicklung des ersten Prototyps bis zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und Nutzung. Beim Smartphone dauerte es kaum zehn Jahre, bis es nahezu überall auf der Welt und in jeder Gesellschaftsschicht zu finden war.

Ein Teufelskreis aus Innovation und Problemen

Viele technische Neuerungen erscheinen auf den ersten Blick sinnvoll oder nützlich. Trotzdem ist es an der Zeit, dem ungebremsten Streben nach Innovation ein Ende zu setzen. Die Technik löst vielleicht Probleme, schafft aber vor allem am laufenden Band neue. Denn die meisten Technologien haben zwei Seiten: Da ist zum einen das Potenzial, drängende Zukunftsfragen zu lösen oder unser Leben angenehmer zu gestalten. Andererseits bergen sie gleichzeitig oft schwerwiegende Risiken für Mensch oder Umwelt. Gentechnik etwa kann dazu beitragen, unsere Nahrungsmittel resistenter gegen Krankheiten und Schädlinge zu machen, viele Experten vermuten aber erhebliche andere gesundheitliche Gefahren für den menschlichen Organismus, die bislang kaum erforscht sind. Und galt die Kernenergie lange als sichere Energiequelle, so haben uns die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima eines Besseren belehrt.

Viele technische Innovationen, in die zunächst große Hoffnungen gesetzt werden, verursachen also in Wahrheit neue Probleme, für deren Lösung wiederum Technologien entwickelt werden müssen. Diesem Teufelskreis müssen wir endlich ein Ende setzen.

Moral hinkt Technik hinterher

Die inhärenten technologischen Risiken und die negativen gesundheitlichen Auswirkungen vieler Neuerungen sind aber nur die Spitze des Eisbergs von Gefahren, die durch die ungezähmte menschliche Schaffenskraft entstehen. Zwar lassen diese sich vielleicht, wie gesagt, durch die Verbesserung der bestehenden oder die Erfindung neuer Technologien eliminieren. Ein viel schwerwiegenderes Risiko aber bleibt bestehen: das offensichtliche menschliche Unvermögen, die Erfindungen verantwortungsbewusst einzusetzen und ihr Potenzial zum Wohle aller Menschen und unseres Planeten zu nutzen. Es ist paradox, der menschliche Geist hat so bemerkenswerte Dinge wie bemannte Flüge ins All hervorgebracht und sich Künstlicher Intelligenz angenommen, doch seine moralischen Fähigkeiten hinken diesen intellektuellen Meisterleistungen meilenweit hinterher.

Auch hierfür ist die Kernkraft ein treffendes Beispiel. Das Ausmaß des Leids und der Zerstörung, das die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki innerhalb weniger Sekunden anrichteten, sucht in der Geschichte seinesgleichen. Bemühungen, das Risiko eines erneuten Einsatzes von Atomwaffen zu kontrollieren, sind bislang zwar erfolgreich, doch dieser Zustand ist fragil. Die Bedrohung der Menschheit durch einen Atomkrieg bleibt wohl bestehen, so lange es Atomwaffen gibt – beziehungsweise Menschen, die in der Lage und willens sind, sie herzustellen.

Doch so weit müssen wir gar nicht blicken, wenn es um den Missbrauch von Technik für unlautere Zwecke geht. Schon heute nutzen Diktatoren und andere Verbrecher moderne Technik zur Überwachung und Unterdrückung von Bürgern oder für die Manipulation von Wahlen.

Eigentlich schade: Vielleicht gelingt es uns ja eines Tages tatsächlich, uns auf dem Mars anzusiedeln. Vermutlich werden wir ihn dann aber genauso kopflos und atemberaubend schnell zerstören, wie wir es heute mit der Erde tun.

Technik zementiert Ungerechtigkeit

Dazu kommt, dass die Menschheit von den Segnungen der Technik in höchst unterschiedlichem Maß profitiert. Vom technischen Stand der Landwirtschaft her sind wir heute in der Lage, die gesamte Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren. Aber während unsere Lebensmittelregale voll sind mit immer neuen Produkten in immer neuen Geschmacks- und Verpackungsvariationen, stirbt alle zehn Sekunden ein Kind auf der Welt an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Jeder neunte Mensch geht heute hungrig zu Bett. Unser Versagen, Technik so zu nutzen, dass sich die globale Gerechtigkeit erhöht, ist verantwortunglos und abstoßend.

Natürlich ist davon auszugehen, dass die meisten Menschen den Missbrauch von Technologie und die ungerechte Verteilung ihres Nutzens verurteilen. Doch das ist belangloses Gerede. Unser unkritischer Einsatz von Technik im Alltag spricht eine andere Sprache. Auch an den Geräten, die wir jeden Tag nutzen und die unser Leben angenehm und einfach machen, klebt Blut. Der Abbau des Erzes Coltan, das für die Herstellung von Smartphones und Computern benötigt wird, trägt beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo zur Finanzierung des Bürgerkriegs bei. In vielen Ländern des globalen Südens leiden Menschen an Krebs, Allergien oder Lungenerkrankungen, weil sie die giftigen Elektroschrotthalden (bestehend aus ausrangierten Smartphones, Computern und anderen Geräten, die aus den Industrienationen illegal dorthin exportiert werden) ausschlachten, um mit den wiederverwertbaren Metallen ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Die Hoffnung auf eine Welt, in der dank Technik die Probleme der Armut, Ernährung und Umweltzerstörung gelöst werden, ist eine Illusion. Das Hervorbringen neuer Technologien ist deshalb kein Fortschritt, nur Veränderung, oft zum Schlechteren statt zum Besseren. Das technisch Mögliche ist nicht automatisch auch das Richtige. Wir sollten aufhören, unser ganzes Tun auf das Hervorbringen immer neuer Erfindungen auszurichten und stattdessen anfangen, mit den Ergebnissen unserer Schaffenskraft verantwortungsvoll umzugehen.

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