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debatteHomo faber – braucht der Mensch mehr Technik?

Von Judith Dauwalter / 31. August 2018
Photo by Franck V. on Unsplash

Der kreativ schaffende und dadurch seine Umwelt beherrschende Mensch, so lässt sich der Begriff Homo faber knapp definieren. Entstanden ist er in der Antike, lange vor Max Frischs gleichnamigem Roman. Und noch heute beschäftigt er nicht nur die Philosophen.

„Ich habe mich schon oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind.“ Nüchtern, rational, technikgläubig – das Weltbild des Ingenieurs Walter Faber, tragische Hauptfigur in Max Frischs 1957 erschienenem Roman „Homo faber“, ist frei von Staunen und Unvorhersehbarem, für alles gibt es eine logische Erklärung.

Bis ein Flug nach Südamerika eine Reihe unglaublicher Zufälle einläutet: Nach einer Notlandung wird er durch ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn an seine Jugendliebe Hanna erinnert. Auf einer weiteren Reise verliebt er sich in eine junge Frau – ohne zu ahnen, dass sie seine und Hannas gemeinsame Tochter ist. Am Ende des Romans sterben beide. Im Grunde, weil Faber unangenehme Gefühle verdrängt: Er ist nicht fähig, sich zu äußern über eine Verletzung seiner jungen Geliebten noch verbalisiert er eigene Schmerzen.

Für den Max-Frisch-Biographen Volker Weidermann ist genau diese Entfremdung von der Natur charakteristisch für den modernen Menschen, heute sogar noch mehr als in den 1950er Jahren. „Es gibt ja nur noch sehr wenige Menschen in deutschen Großstädten, die keinen Stöpsel im Ohr haben, die nicht die minütlichen Liveticker ansehen“, beschrieb er den aus seiner Sicht gegenwärtigen homo faber gegenüber dem Südwestrundfunk im Jahr 2011. „Man lenkt sich permanent ab, aus Angst vielleicht vor etwas, vor dem man gerne abgelenkt werden möchte, man ist permanent umgeben von Gerede, von Nachrichten, von Kommunikation.“

Handwerker statt Spieler

Obwohl es im Zusammenhang mit Max Frisch vielleicht so wirkt, schon in der Antike taucht er auf: Homo – der Mensch, faber – der Handwerker und Künstler, der seine Umwelt und damit auch sein Schicksal selbst gestaltet. Ein Begriff aus der philosophischen Anthropologie, die sich mit dem Wesen des Menschen befasst. Insgesamt grenzt die Bezeichnung also den schaffenden Menschen vom allein auf die Muße konzentrierten, wörtlich „spielenden“ Menschen (lat.: homo ludens) ab.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts – unter dem Eindruck einer zunehmenden Technisierung des menschlichen Alltags – wurde der Begriff wieder in der Philosophie aufgegriffen, unter anderem in den Werken von Henri Bergson und Max Scheler.

Der Mensch als Arbeitstier

Dennoch kann man Max Frischs Roman als Höhepunkt in der Rezeption des Begriffs bezeichnen. Bis heute gilt die Figur des Walter Faber als Inbegriff des homo faber, bis heute lernt so gut wie jeder deutsche Gymnasiast den Begriff über Frischs Roman kennen. Obwohl die Entfremdung vom Natürlichen nicht unbedingt zentraler Bestandteil des von der Philosophie behandelten homo faber ist.

Das zeigen auch Hannah Arendts Überlegungen. 1958, ein Jahr nach Erscheinen von Frischs Buch, führte die Philosophin den Begriff des „animal laborans“ ein, zu dem sich der homo faber ihrer Ansicht nach entwickelt hatte: Arendt betrachtete den Menschen als, wörtlich, „Arbeitstier“, der kaum mehr aus kreativer Freude handelt, der das Staunen verloren hat und nur noch zweckorientiert herstellt.

Die österreichische Philosophin Sophie Loidolt beschrieb dieses Konzept in einem Interview mit Deutschlandfunk Nova kürzlich so: „Arendt hält das animal laborans für einen Wüstenbewohner, der eine entwurzelte, weltlose Existenz führt und in allem einen schnelllebigen Konsumartikel sieht.“ Hannah Arendt hielt das Menschenbild des homo faber in ihrer Auslegung also schon Ende der 1950er Jahre für überholt.

Kann die Technik ohne Menschen?

In Zeiten omnipräsenter Berichterstattung über Geschehnisse, egal wo auf der Welt, die von Medien und Privatpersonen nicht nur live abgebildet, sondern sogar beeinflusst werden, gewinnt der Begriff aber wieder an Bedeutung. Es ist immerhin das Zeitalter von Maschinen, die viele einst menschliche Tätigkeiten übernehmen und von Sprachassistenten, die Anrufe tätigen, das Fernsehprogramm wechseln oder Essen bestellen, ohne dass der Mensch sich vom Sofa erheben muss. Technik ist heute allgegenwärtig, nicht mehr wegzudenken. Hitzig wird sogar darüber diskutiert, inwieweit ein technisches Ebenbild – Stichwort Künstliche Intelligenz – des Menschen geschaffen werden kann.

Der Philosoph Jürgen Mittelstraß stellte in diesem Zusammenhang bei einem Vortrag im Jahr 2001 die Frage, ob irgendwann nicht mehr der Mensch die Technik beherrschen, sondern umgekehrt – ob die vom Menschen technisch geschaffene Welt, den homo faber überflüssig machen könnte. Diese Gefahr bestehe nicht, so seine direkte Antwort: Egal wie technisch der Mensch und seine Umwelt würden, die Natur werde immer Unkalkulierbares beinhalten, die menschliche Intelligenz damit immer zum Nachdenken gebraucht werden, nicht nur zum Schaffen – und deshalb unverzichtbar bleiben.

Homo faber der Zukunft

Über die Zukunft des technischen Menschen denkt auch Lino Guzzella nach, Professor in den Ingenieurswissenschaften in Zürich. Der Ingenieur als Inbegriff des homo faber sollte sich nicht mit einem fiktiven Charakter wie Walter Faber identifizieren. Der Ingenieur der Zukunft, so schrieb Guzzella in einem Artikel für die Neue Zürcher Zeitung, sei ein „Homo faber, oeconomicus et ludens“. Ein rationaler und kritischer, aber auch nutzenfokussierter sowie offener und kreativer, spielfreudiger Geist.

Inwiefern Guzzella der Wirklichkeit mit dieser Einschätzung am nächsten kommt, wird sich zeigen. Sicher ist jetzt schon, der technische Mensch befindet sich zu seiner Umwelt in einer komplexen Stellung und beinhaltet so viele Interpretations- wie Entwicklungsmöglichkeiten. Fragt sich nur, in welche Richtung.

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