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contraZeit für Selbstkritik

Von Semra Kizilkaya / 15. August 2016
Credits: Robert Wilson/ flickr: "Tilli-Kara Mosque interior, Registan Square, Samarkand, Uzbekistan"; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Nicht nur die rückläufigen Zahlen der christlichen Kirchen in Deutschland zeigen, dass der Glaube nicht mehr als zeitgemäß empfunden wird. Auch der Islam scheitert bei vielen Muslimen an den Fragen unserer Zeit, beispielsweise was die Rolle der Frau und die Demokratie angeht.

Als Muslimin in Deutschland bin ich mit Kompromissen aufgewachsen, als Minderheit in der Mehrheit, auf der Suche nach Vereinbarkeit. Es hat gut geklappt in der kleinen Stadt mit der ältesten Brauerei der Welt, in der ich Bayerin war, ohne einen Schluck Bier zu trinken.

Ich wurde akzeptiert, habe mich nie ausgeschlossen gefühlt. Warum denn auch? Religion schlug sich hauptsächlich in divergierenden Essgewohnheiten nieder und Pläne, ein Kopftuch aufzulegen, lagen noch in der Zukunft.

Umgekehrtes Bild: Sinnkrise

Doch mit dem Älterwerden und Umzug nach Berlin verkomplizierte sich das Bild. Der deutsche Alltag und der Islam schienen nicht mehr so leicht vereinbar. Was tun, wenn die Freunde jetzt nicht mehr katholisch, sondern homosexuell sind? Wie positionieren zum (verweigerten) Handschlag? Reicht ein bequemes „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ bei so vielen religiös motivierten Terrorakten?

Wir müssen einsehen, dass der Islam mit seinen modern-fundamentalistischen Strömungen eine echte Herausforderung erlebt, und das keinesfalls nur im Nahen Osten. Auch aus Deutschland reisen vermeintliche Gotteskämpfer nach Syrien. Der Zuspruch, den die antidemokratischen Entwicklungen in der Türkei von Deutschtürken der dritten Generation bekommen, zeigt, was für ein falscher Demokratiebegriff vorherrscht. Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi kritisiert die muslimischen Dachverbände in Deutschland als „meilenweit von einem aufgeklärten Islam entfernt“. Der Glaube wird an vielen Stellen nicht zeitgemäß gelebt.

Nicht umsonst forderte Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz vor einigen Tagen die Ausweisung von Imamen, die Gewalt gegen politisch andersdenkende Muslime gutheißen. Eine Studie des Soziologen Rauf Ceylan zeigt, dass ein großer Teil der importierten Imame in deutschen Moscheen nicht politisch unabhängig ist und patriarchale Strukturen eines Volksislam predigt. Es ist unbestreitbar, dass wir uns in einer Sinnkrise befinden und unser Verständnis vom Islam gründlich revidieren müssen.

Die großen Fragen bleiben unbeantwortet

Die großen Fragen, die uns europäische Muslime im alltäglichen Leben betreffen, bleiben entweder unbeantwortet oder ungehört. Zeitgemäße Antworten sind im Mainstream nicht zu finden.

Die Rollenzuschreibungen von Mann und Frau sind beispielsweise längst überholt. Eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zeigt, dass Geschlechterrollen und Erziehungsaufgaben in muslimischen Haushalten zu einem hohen Maße traditionell gelebt werden. Anti-egalitäre Begründungen im Islam werden zu wenig in ihrem historischen Kontext gelesen und sind den meisten Muslimen als religiöse Werte bekannt.

Theologische Diskussion und Bildung fehlen

Auch werden diese religiösen Werte zu wenig theologisch diskutiert und fundiert. An der Handschlagdebatte über die Verweigerung des Handschlags einer Frau zeichnen sich die fehlende innerislamische Diskussion und Meinungsdiversität ab. Es wäre erfreulich gewesen, wenn religiöse Gelehrte zu mehr Gelassenheit aufgerufen hätten, vielleicht mit dem Verweis darauf, dass der Handschlag nicht zu den Säulen des Glaubens gehöre, vielleicht mit Verweis auf eine Bandbreite an theologischen Deutungen.

Ähnlich sieht es aus mit Homosexualität. Waren dazu besonders vor dem 19. Jahrhundert noch Diskussionen unter anerkannten Gelehrten möglich, handelt es sich heute um ein striktes Tabu-Thema. Eine Diskussion wird gar nicht erst zugelassen.

Wie auch bei anderen Fragen, die ein pluralistisches Umfeld an den Islam stellt, beobachte ich folgende Tendenz: Die Positionen liberaler Gemeinden werden von der Mitte nicht angenommen. Wenn es überhaupt religiöse Vertreter der Mitte gibt, die inklusive Interpretationen thematisieren, dann tun diese das mit solch einer Befangenheit, dass man den Eindruck hat, die Gemeinde sei noch nicht bereit dafür.

Dies mag der Grund dafür sein, warum sich viele islamische Gemeinden erst nach homophoben Terrorakten wie dem in Orlando gegen Homophobie positioniert haben.

Die Verantwortung liegt bei uns

Polarisierung, Schwarz-Weiß-Denken, zunehmende Gewaltbereitschaft und der Hang zum Extremen sind zwar Herausforderungen, die sich allgemein in das vorherrschende gesellschaftliche Klima fügen, dennoch treffen sie uns Muslime im Hinblick auf Phänomene wie den IS im Besonderen.

Ein einfacher Ruf nach Aufklärung und Modernisierung aber kann nicht die Lösung sein. Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani weist in diesem Zusammenhang auf die von oben verordneten brutalen Modernisierungsversuche hin, welche alle Völker des Orients durch Kolonialisierung und laizistische Diktaturen erfahren haben. Für die islamische Welt war es eben jener Bruch mit der Tradition, der moderne Strömungen wie den Salafismus hervorgerufen und religiösen Fundamentalisten Sympathie eingebracht hat.

Wir brauchen eine Bottum-up-Bewegung, die vor allem uns in einer Demokratie lebenden europäischen Muslime in die Verantwortung nimmt. Zeitgemäße Interpretationen des Islam müssen wir als Ergebnis einer Symbiose aus der wissenschaftlichen Tradition der islamischen Theologie und heutiger wissenschaftlicher Standards herbeiführen.

Zu allererst müssten wir jedoch die Komfortzone verlassen und den Problemen ins Auge sehen. Wir müssen mehr Mut haben, uns selbst zu kritisieren, und unbequeme Themen anzusprechen. Denn „die Liebe zum Eigenen“, so sagt es Kermani, „erweist sich in der Selbstkritik“.

 

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Debatte | Ist Glaube noch zeitgemäß?

Pro | Relevanter denn je

Eine Antwort zu “Zeit für Selbstkritik”

  1. Von Martin_Schwoerer am 18. August 2016

    Danke für diesen interessanten und gut geschriebenen Beitrag!
    Mehr Dialog, mehr kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Positionen, mehr Verbindlichkeit, mehr Freundlichkeit — das benötigen wir alle.

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