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debattePer Digitalisierung gegen Armut?

Von Alisa Sonntag / 29. Mai 2018
Credits: Photo by Yasmin Dangor on Unsplash; Lizenz CC0

Armut gibt es überall, aber sie hat weltweit verschiedene Gesichter. Das hat auch mit der zunehmenden Digitalisierung zu tun. Sie kann zur Armutsbekämpfung sowohl Chance als auch Übel sein.

„Arm ist…?“ Wer in den Waschsalon geht, weil er oder sie sich keine Waschmaschine leisten kann? Wessen Geld am Ende des Monats nur noch für eine Mahlzeit täglich reicht? Vermutlich hätte jeder den Satz anders zu Ende gebracht. Armut kann international und im Alltag so viele verschiedene Facetten haben, dass der Begriff manchmal schwer greifbar erscheint.

Um seiner Vielschichtigkeit gerecht zu werden, unterscheidet die Wissenschaft absolute und relative Armut. Von absoluter Armut sind alle betroffen, deren Grundversorgung nicht gesichert ist. Die nicht genug Geld für Essen oder das Dach über dem Kopf haben. Weltweit zählen darunter laut der Bundeszentrale für politische Bildung alle Haushalte, denen pro Kopf und Tag nicht mehr als 3,10 US-Dollar zur Verfügung stehen.

Die drängende Frage lautet für viele: Kann Digitalisierung diesen Zustand ändern?

Extreme Armut

Zunächst muss geklärt werden, was dieser „Zustand“ meint. Wer mit einem Einkommen von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag und Kopf auskommen muss, gilt als extrem arm. 1981 galt das für 44 Prozent der Weltbevölkerung – 2015 nur noch für weniger als zehn Prozent. Allerdings sind die Gewinner dieser Entwicklung nicht gleichmäßig über den Globus verteilt. Die meisten von ihnen kommen aus den asiatischen Schwellenländern und China. In Subsahara-Afrika ist in der gleichen Zeit diese extreme Armut gestiegen. Heute stammt von dort etwa die Hälfte der extrem armen Menschen weltweit, während es 1990 nur 15 Prozent waren. Bis 2030, darauf haben sich die UN-Mitgliedsstaaten zumindest offiziell geeinigt, soll extreme Armut weltweit beseitigt sein.

Die größte Herausforderung werden dabei die Staaten der Subsahara bleiben. Doch in Sachen Digitalisierung haben die afrikanischen Staaten uns etwas voraus: Mobiles Bezahlen ist dort seit 2007 möglich – ganz ohne Smartphone oder Bankkonto, sondern allein mit einem Handy ohne Internetzugang. Digital trotz Armut? Das geht offensichtlich.

Mangel oder Notlage?

Absolute Armut kann Hunger, Kinderarbeit und im schlimmsten Fall sogar den frühen Tod bedeuten. In Deutschland muss eigentlich niemand Hunger leiden – und doch gibt es Armut. Hier zeigt sich das, was Wissenschaftler „relative Armut“ nennen. Sie bemisst sich darin, wie sehr der Einzelne am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, sagt Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Als relativ arm gilt, wem maximal 50 Prozent des jeweiligen mittleren Einkommen eines Landes zur Verfügung stehen. Für eine klassische Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze zur Armut hier bei 1872 Euro monatlich – für einen Singlehaushalt sind es 892 Euro. Gemäß diesen Zahlen würde wohl ein Gutteil der Studierenden in Deutschland als arm gelten – der höchstmögliche Bafög-Satz liegt aktuell bei 735 Euro.

Wie von offizieller Seite Armut gemessen wird, sorgt jedoch regelmäßig für Kritik. Der Ökonom Walter Krämer beschreibt das als „unseriös und schwachsinnig“. Stattdessen müssten bei der Berechnung von Armut Notlagen mit bedacht werden. Zusätzlich zur Einkommensarmut würde dann auch die materielle Deprivation berücksichtigt, also das Maß, in dem Menschen ihre jeweiligen Lebensbedingungen einschränken müssen, weil das Geld nicht reicht. Beides zusammengerechnet ergibt die konsistente Armutsquote. Nach diesem Maßstab waren 2015 rund 4,2 Prozent der EU-Bevölkerung arm. Den geringsten Anteil hat dabei Schweden mit 0,4 Prozent, die größte Armut gab es in Bulgarien 16,2 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland waren es etwa drei Prozent.

Digitale Daten gegen Armut

Besonders hoch ist das Risiko, in Deutschland in Armut zu geraten, für Arbeitslose. Sie sind neunmal häufiger von konsistenter Armut betroffen als die übrige Bevölkerung. Arbeitslose haben damit in Deutschland ein so großes Armutsrisiko wie in keinem anderen EU-Staat, so der Befund des statistischen Amtes der Europäischen Union. Auch kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Migranten und Rentner sind gefährdet, besonders wenn sie in Großstädten leben. Armut bedeutet dabei häufig nicht nur gesellschaftliche Isolation, sondern auch früher zu sterben.

Hier setzen Wissenschaftler auf den Faktor Digitalisierung als Abhilfe. Gerade im Bezug auf die medizinische Versorgung könnte die Digitalisierung insbesondere für Arme mehr Chancen bieten. Künstliche Intelligenz (KI) könnte Ärzten größere zeitliche Spielräume für ihre Patienten ermöglichen oder gar einen Teil der Arbeit übernehmen. Insbesondere für alte und ärmere, aber auch zeitlich unflexiblere Menschen, die den aufwendigen und kostspieligen Weg in die Praxis scheuen, obwohl sie Rat bräuchten, erhoffen sich einige Forscher Lösungsansätze.

Offen ist laut Kritikern, ob damit einer Zwei-Klassen-Medizin Tür und Tor geöffnet würden und ob KI überhaupt in der Lage ist, auf Basis statistisch erhobener Datensätze spezifische Behandlungen auszuführen. Von der der Frage nach Verantwortlichkeiten ganz abgesehen.

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