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ContraFalsche Debatte zur falschen Zeit

Von Patricia Kutsch / 26. August 2016
picture alliance / dieKLEINERT.de / Paolo Calleri | Paolo Calleri

Ein Burkaverbot wurde immer mal angesprochen, aber nie wirklich angepackt. In einer Gesellschaft, die zunehmend nach rechts driftet wie auch immer deutlicher Parteien mit rechten Ansichten wählt, gibt gerade eine solche Diskussion den Rechtskonservativen und -radikalen eine hervorragende Plattform, um sich zu präsentieren, in der Öffentlichkeit zu profilieren und um Wählerstimmen zu ergattern.

Der abendländischen Gesellschaft sind vollverschleierte Frauen fremd, sie lösen bei uns auch schnell ein Unwohlsein aus. Denn wir sind es gewohnt, Menschen im Gespräch in die Augen zu sehen, um sie einschätzen zu können. Die meisten Bürger hätten ein Burkaverbot daher sicherlich schon immer begrüßt. Doch erst jetzt, wo es wieder auf Bundestagswahlen zugeht und Stammtisch-Parolen wieder salonfähig werden,wird das Thema Verbot der Vollverschleierung aus der Schublade geholt.

Fast scheint es, als wollten die großen Parteien damit Wählerstimmen sammeln, sich wieder beliebter machen nach einer unbeliebten und in großen Teilen gescheiterten Flüchtlingspolitik. Tatsächlich arbeiten sie damit aber Parteien wie der AfD zu, die auf Grundlage dieser Diskussion mit steilen Thesen und Aussagen einsteigen und so präsent in den Medien sein können. Da twittert etwa Frauke Petry direkt: „Burka-Verbot aus wahltaktischen Gründen? Original wählen! #AfD #Burka #Islam“ und auch Beatrix von Storch weist bei Twitter darauf hin: „Bei uns längst Programm #Burkaverbot ohne Wenn und Aber“.

Viel Gerede über eine verschwindend geringe Gruppe

Die Diskussion um das Burkaverbot gibt aber auch den rechten Tendenzen der normalen Bürger mehr Auftrieb. Egal, ob im realen Leben oder in sozialen Netzwerken: Das Thema bietet reichlich Diskussionsstoff. Dabei sind manche Äußerungen weder unreflektiert und nur wenig informiert, sondern schlichtweg ausländerfeindlich. Fatal daran: Diese Ausländerfeindlichkeit und die Angst vor dem Fremden wird dadurch gestützt und geschürt, dass nun auch die Politik und die etablierten Politiker die Burka zum Thema machen.

Generell bin ich auch gegen die Vollverschleierung und gegen das, was Burka, Niqab und auch das Kopftuch symbolisieren. Ein Verbot bekämpft aber nicht die Ursache dieses Frauenbilds im Islam, das übrigens in Deutschland nur von wenigen Menschen gelebt wird. Zwar gibt es keine Zahlen, weil dies nie erfasst wurde, aber Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland wettet darauf, dass man in Deutschland keine fünf Burkaträgerinnen finde. „Mit Befremden stelle ich eine Burkaisierung der Innenpolitik fest“, sagte er dem Nachrichtenportal RBB24. Der deutsch-ägyptische Politologe und Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad schätzt, dass maximal 200 bis 300 Frauen in Deutschland eine Vollverschleierung tragen. Das wären weniger als 0,1 Prozent der Einwohner Deutschlands, also eine verschwindend geringe Gruppe.

Es ist also nicht nur eine Diskussion zum falschen Zeitpunkt, sondern eine sinnlose Diskussion, die keinen Terroranschlag von radikalen Islamisten verhindern wird und stattdessen als Stimmungsmache gegen Muslime und Flüchtlinge fungiert und so bestimmten Parteien zugunsten kommen wird. Islam-Expertin Yasemin El-Menouar fasste es in der Sendung „kontrovers“ so zusammen: „Es ist eine Randgruppe, die die öffentliche Debatte über den Islam bestimmt“.

Es geht darum, was der Nicht-Muslim denkt

Diverse Politiker und Bürger argumentieren damit, dass Muslime sich integrieren müssen. Sie wollen die Unterdrückung der Frau nicht unterstützen, sondern die Frauen befreien. Sie helfen den betroffenen Frauen, über die sie sprechen, aber nicht, sondern tragen eine Diskussion um ein Kleidungsstück auf dem Rücken dieser Frauen aus. Frauen vom Zwang zu befreien, ein Kleidungsstück zu tragen, indem sie dazu gezwungen werden, das Kleidungsstück nicht zu tragen? „Ich mag die Vorstellung, selbst zu bestimmen, wer was von meinem Körper sehen kann“, sagte die 21-jährige Amathulla dem Internetportal bento. „Ich liebe den Niqab schon lange. In meinen Augen sieht er edel und wertvoll aus. Mit ihm fühle ich mich wie eine Perle in ihrer Muschel.“

Mit dem Verbot wird riskiert, dass viele Frauen künftig von ihren Männern daheim eingesperrt werden, da sie das Haus ohne Burka oder Niqab nicht verlassen dürfen. So wird Integration aktiv verhindert, denn verschleierte Frauen können sich gar nicht integrieren und weder die deutsche Kultur noch die Sprache kennenlernen, wenn sie das Haus nicht verlassen und am öffentlichen Leben teilhaben dürfen.

Treffend finde ich da die Wort von Mely Kiyak, die in ihrer Kolumne für die ZEIT schreibt: „Der Kopftuchdiskurs – von einem Gespräch kann wahrlich nicht die Rede sein – ist eine Debatte, in der es keine Sekunde lang um die Muslime geht. Er erzählt immer nur davon, was der Nichtmuslim denkt, fühlt, vermutet und wovon er sich bedroht oder beleidigt sieht.“

 

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Debatte | Schleierhaft

Pro | Wir müssen reden



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