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contraBesser Impulsgeber als “Nürnberger Trichter“

Von Anna Steinmeier / 30. Juni 2021
picture alliance/KEYSTONE | CHRISTIAN BEUTLER

Der Unterricht an deutschen Schulen ist schlecht. Das hören wir überall. Jetzt geht es dem Geschichtsunterricht mit Verbesserungsvorschlägen an den Kragen. Mehr in die Breite und in die Tiefe und am besten um die ganze Welt soll es gehen. Nur leider ist das völlig unrealistisch.

Nicht einmal in zwölf Jahren Schulzeit (oder sogar mehr) ist zu schaffen, was immer öfter verlangt wird. Vielmehr stellt sich diese Art von Forderung der eigentlichen Aufgabe des Geschichtsunterrichts in den Weg: mit dem Wissen der Vergangenheit Impulse für die Zukunft geben.

Ja, ich gebe zu, zu den Anekdoten meiner Schulzeit gehört, dass ich im Geschichtsunterricht eingeschlafen bin. Der Vollständigkeit halber muss ich ergänzen, dass ich in der Nacht zuvor zu wenig geschlafen hatte. Doch ist das nicht genau das Bild, das wir von dem Geschichtsunterricht an deutschen Schulen haben: staubtrocken und langweilig – einschläfernd eben?

Eine andere Anekdote stammt von einem Geschichtslehrer, der ein Semester lang mit uns die Geschichte Afrikas – vor der Kolonialzeit – besprochen hat. Jede Gruppe bekam ein afrikanisches Land zugewiesen, um es im Detail zu betrachten und seine Geschichte zu erforschen. Diese Geschichtsstunden haben nachhaltig verändert, wie ich die Welt wahrnehme und welche Fragen ich – auch mir selbst – stelle.

Wir ernten, was wir säen

Diese zwei Beispiele sollen verdeutlichen, dass nicht der Geschichtsunterricht an sich das Problem ist. Es ist allzu einfach und trotzdem gesellschaftlich akzeptiert, den Zeigefinger immer auf die Schulen zu richten: Die machen es falsch und deshalb müssen sie es künftig besser oder mindestens anders machen.

Viele Eltern haben in dieser Hinsicht ihren Erziehungsauftrag, so scheint es, komplett in die Klassenzimmer verlagert. Dabei sollte Schule in meinen Augen etwas anderes als eine thematisch allumfassende, Wissen einflößende Maschine sein. Die mechanische Didaktik eines “Nürnberger Trichters“ hat ausgedient. Schule hat einen (anderen) Bildungsauftrag, sie ist ein Impulsgeber. Die Lehrerinnen und Lehrer vermitteln den Kindern Wissensgrundlagen und gemeinsam mit ihren Mitschülern erlernen sie Sozialkompetenzen. Die Institution Schule sät den Samen, lässt ihn zu einer Pflanze werden, die im Laufe des Lebens weiterwachsen soll, ja muss.

Die Erwartungshaltung an den Unterricht muss sich ändern

Ich war nie Klassenbeste in Mathe, aber auch die Klassenbesten haben mit dem Schulabschluss nicht alle Tiefen der Mathematik ergründet. Warum erwarten wir das dann von den Geisteswissenschaften? Dass die Kinder nach der Schule den kompletten Geschichtskanon vom Urknall bis zum Corona-Jahr kennen? Und nicht nur das: Auch bitte von jedem Land und dazu den Namen von jedem noch so kleinen Fürsten soll die Rede sein? Das ist doch absurd!

Was sollte sich dann ändern? Die Erwartungshaltung. Geschichtsunterricht ist als eine Möglichkeit zu betrachten, das Interesse von Schülerinnen und Schülern an historischen Themen und Fragestellungen zu wecken. Die eigentliche Wissensgrundlage wird ja auch nicht in der Schule vermittelt, sondern durch alltägliches Miteinander und durch lebenslanges Lernen. Nicht jede Schülerin wird Interesse an der griechischen Antike und Perikles haben, doch die Frage, warum sich die Griechen damals für die Demokratie entschieden haben, kann uns heute noch helfen, eben diese Staatsform zu schützen.

Vergangene Zeiten verstehen – und daraus eigene Schlüsse ziehen

Ein Thema des Geschichtsunterrichts, das an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben kann: der Nationalsozialismus. Mir ist es als Schülerin durchaus manchmal auf die Nerven gegangen, wie viele Stunden allein der NS-Zeit gewidmet wurden. Heute, mit einigen Jahren Abstand, beurteile ich das anders: Der Impuls, sich mit der jüngeren Geschichte des eigenen Landes, mit seinen schlimmsten Abgründen – und auch deren Folgen für die eigene Familie –, auseinanderzusetzen, ist essenziell. Man kann aktuell sehen, wohin es führt, wenn Menschen das eben nicht tun, und nationalistische Kräfte in ihr Parlament wählen. Hatten die also alle nur schlechten Geschichtsunterricht? Das denke ich nicht.

So wichtig Geschichtsunterricht ist, es werden sich längst nicht alle Menschen von den dort gesetzten Impulsen ein Leben lang leiten lassen und “das Richtige“ machen. Vermutlich haben auch diese Menschen sich wie ich grundsätzliche Fragen gestellt und schlicht ganz andere Antworten gefunden. Auch das müssen Gesellschaft und Demokratie aushalten.

Schülerinnen und Schüler sollten darum vielmehr die Skills vermittelt bekommen, die sie brauchen, um sich selbst zu informieren. Durch Projekttage mit Anti-Rassismus-Trainerinnen, die zum Beispiele andere Seiten einer bekannten Geschichte aufzeigen. Mit Zeitzeuginnen, die ihre eigenen Erfahrungen teilen. Um nur ein paar Beispiele zu erwähnen.

Klar, generell muss sich auch in den Schulen etwas tun. Doch den Geschichtsunterricht revolutionieren zu wollen, wird diesen nur anstrengender, aber nicht unbedingt aufregender machen. Eine Bildungsstätte wie die Schule sollte das bleiben, was sie ist: ein Impulsgeber, der hilft zu lernen, Gelerntes anzuwenden, aber auch zu hinterfragen. Niemand braucht Lehrmethoden, die nur auf mechanisches (Auswendig-)Lernen abzielen. Was wir alle nötig haben, ist vor allem die Fähigkeit, sich Wissen anzueignen und die Freiheit, dies überall und jederzeit zu tun.

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