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contraSo naheliegend wie der Saturn

Von Yves Bellinghausen / 29. November 2019
Credits: Bild von StockSnap auf Pixabay;

Gewaltsamer Protest ist nie eine gute Idee. Er diskreditiert seine eigenen Ziele, ist undemokratisch und am Ende frisst er seine eigenen Kinder.

Es gibt Momente, in denen mir die Antifa sehr sympathisch ist: Durch welches auch noch so entlegene Dorf deutsche Neonazis heute marschieren wollen, man kann sich in der Regel darauf verlassen, dass die Antifa eine ordentliche Gegendemonstration organisiert und dem absurden Weltbild der Rechtsradikalen lautstarkt entgegentritt. Gut so! Wäre da nur nicht dieses seltsame Verhältnis zur Gewalt.

Auf der einen Seite strebt die Antifa eine gewaltfreie, antifaschistische Gesellschaft an, auf der anderen Seite schreckt sie selbst nicht vor gewaltsamen Aktionen zurück. Auch deshalb wird sie vom Verfassungsschutz als linksextrem eingestuft und beobachtet. Wer kann es ihm verübeln: Vielen Bürgern ist eine potentiell verfassungsfeindliche Organisation verständlicherweise suspekt.

Hierin liegt meines Erachtens ein erstes, eigentlich ziemlich einleuchtendes Argument gegen gewaltsamen Protest: Man riskiert seine eigenen Ziele, die ja durchaus legitim sein können. Die Antifa diskreditiert ihren Widerstand gegen den immer noch grassierenden Rechtsradikalismus; die französischen Gelbwesten („Gilets jaunes“) begannen ihre Bemühungen für sozialen Ausgleich in dem Moment zu diffamieren, als sie anfingen, Apple-Stores zu plündern; und in den ’70ern wertete die Black Liberation Army, die als Splittergruppe der Black Panther Party in den USA bekannt wurde, den Kampf gegen Diskriminierung durch ihre Gewaltbereitschaft ab.

Keine guten Voraussetzungen für eine breite Unterstützung. Dabei stellen alle drei Bewegungen wichtige Forderungen für eine gerechtere Gesellschaft.

Friedliche Wahlen statt Blutvergießen

Umfragen verdeutlichen, dass die meisten Bürger selten Sympathien für Gewalt hegen, auch dann nicht, wenn sie die eigentlichen Absichten dahinter unterstützen. Mir geht es da ähnlich. Denn genau dafür haben wir doch ein demokratisches System geschaffen: Wir müssen den politischen Gegner nicht mehr mit Waffengewalt im Bürgerkrieg besiegen, sondern können – sehr praktisch, oder nicht? – ihn ganz ohne Blutvergießen durch Wahlen vom Sockel stoßen.

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper, selbsterklärter Verteidiger der offenen Gesellschaft, wollte darin sogar die revolutionäre Neuerung der Demokratien erkennen. So lautet denn auch eines seiner bekanntesten Zitate: „Lasst Ideologien sterben, nicht Menschen“. Wer Gewalt anwendet – und hierunter verstehe ich mehr als bloße Sachbeschädigung – , der fällt in vordemokratische, blutige Zeiten zurück und wähnt sich gleichsam über dem System. Ein System, das in Europa immerhin für eine historisch einmalige Friedensphase mitverantwortlich ist.

Nur was, fragen sich jetzt wohl manche, wenn man sich in seinem Protest nicht auf den Schutz durch einen demokratischen Staat verlassen kann?

Gewalt anwenden, um Gerechtigkeit zu schaffen?!

Am 20. April 1964 stand der Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela in Südafrika vor Gericht. Der Mann, der als ANC-Führer Jahrzehnte lang für den gewaltlosen Kampf gegen die Apartheid eingetreten war, musste erklären, warum er am Ende doch zur Gewalt aufrief. „Ich (…) fühlte, dass für das afrikanische Volk ohne Gewalt kein Weg zum Erfolg führen würde in seinem Kampf gegen die Vorherrschaft der weißen Bevölkerung”, sagte Mandela in seiner berühmten vierstündigen Verteidigung. Alle gewaltfreien Wege seien ihm halt verstellt geblieben und darum habe er gar keine andere Wahl gehabt. Mahatma Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit entsprach er nicht. „Ich betrachtete Gewaltlosigkeit nach dem Gandhischen Modell nicht als unantastbares Prinzip, sondern als Taktik, die je nach Situation anzuwenden sei.” 

Während die Weltgemeinschaft sich damals über das harsche Urteil für die moralische Führungspersönlichkeit empörte, die sie in Mandela sah, sah sich Amnesty International (AI), die sich weltweit für politische Gefangene einsetzt, in einer Zwickmühle. Man unterstütze die Forderungen von Mandela, natürlich, aber man sehe sich auch dem gewaltfreien Protest verpflichtet, hieß es. Aus diesem Grund entschied AI sich seinerzeit dafür, Mandela nicht mehr als gewaltlosen, politischen Gefangenen unterstützen zu können. Das brachte der Menschenrechtsorganisation viel Kritik ein.

Zugegeben, an dieser Stelle könnte es haarig werden. Gewalt ist im besten Fall der letzte Versuch, Schlechtes abzuwehren. Allerdings lässt sich argumentieren, dass friedliche Revolutionen, wie etwa in der DDR oder in Indien, eben auch eher zu friedlichen Transitionen führen. Eine siegreiche, aber gewaltsame Revolution verspricht oft mehr, als sie halten kann. Die Geschichte hat häufig gezeigt, dass gewaltsame Proteste zu gewaltsamen Umstürzen führen und in nicht weniger gewaltsame neue Regime münden. Der Geist der Gewalt hat dabei die eigenen Ideale hintergangen. Die Russische oder die Französische Revolution sind für dieses Prinzip nur die prominentesten Beispiele, von denen wir auch heute noch einiges lernen können.

Pierre Vergniaud, während der Französischen Revolution ein Führer der Girondisten, die als gemäßigte Anhänger des gehobenen Bürgertums galten, äußerte kurz vor seiner Hinrichtung auf dem Schafott 1793: „Die Revolution ist wie Saturn: Sie frisst ihre eigenen Kinder“.

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