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contraIm Teufelskreis der Retouren

Von Sonja Smolenski / 30. November 2020
picture alliance / empics | Owen Humphreys

Gratisretouren beim Onlineshopping belasten unsere Umwelt und kleine Unternehmen immens. Dabei sind kostenpflichtige Rücksendungen auch ein Gewinn für die Kundschaft.

Der Onlinehandel wächst während der Corona-Krise weiter. Versandhändler Zalando rechnet mit einem Umsatzplus von 20 Prozent in diesem Jahr. „Schrei vor Glück oder schick’s zurück“, so lautet das jahrelange Motto des Moderiesen. Einst eingeführt, um mit dem Einzelhandel mithalten zu können, sind Gratisretouren mittlerweile ein Fluch für Onlineshops – und uns. Es wird Zeit, sie wieder abzuschaffen.

Für die einen kostenlos, für die anderen ein sattes Minus

Langsam hat sich herumgesprochen: Kostenlose Rücksendungen verursachen milliardenfachen Verlust. Im Jahr 2018 wurde in Deutschland fast jedes sechste Paket zurückgeschickt. Allein bei Zalando landet sogar nahezu jede zweite Bestellung wieder im Lager. Damit sind die Deutschen im europaweiten Vergleich Spitzenreiter, wertete eine Forschungsgruppe der Universität Bamberg aus. Welchen Aufwand das hinter den Kulissen verursacht, wissen die meisten gar nicht oder ignorieren es: Im Durchschnitt kostet ein zurückgesandtes oder umgetauschtes Paket ein Unternehmen knapp 20 Euro – davon bis zu zehn Euro für die Transportkosten und nochmal zehn Euro für die Bearbeitung. Wer soll das bezahlen? Kleine Anbieter*innen können sich einen solch teuren Kund*innenservice nicht leisten und werden so vom Markt verdrängt.

Insgesamt belaufen sich die Ausgaben für zurückgenommene Bestellungen auf rund fünf Milliarden Euro jährlich. Das ist nicht nur eine enorme Belastung für den Onlinehandel. Langfristig belasten wir damit unsere eigenen Geldbeutel: Denn wir Verbraucher*innen tragen die Kosten durch weiter steigende Preise mit. Würden die Unternehmen auf Gratisretouren verzichten, könnten auch die Preise gesenkt werden – ein Gewinn für beide Seiten.

Nach ewigem Hin und Her landet das meiste im Müll

Doch nicht nur die Rücksendung an sich verursacht hohe Kosten, denn die zurückgeschickte Ware befindet sich oft nicht mehr in ihrem Originalzustand. Die Studie aus Bamberg ergab auch, dass jedes zweite zurückgegebene Produkt beschädigt ist. Im schlimmsten Fall landet die Retoure im Müll, wie das Beispiel von Amazon, dem absoluten Marktführer im Internethandel, zeigt. Erst kürzlich deckte Greenpeace auf, dass das weltweit agierende Versandhaus täglich LKW-Ladungen voll mit Artikeln im Wert von mehreren Tausend Euro entsorgt. In den meisten Fällen ist die Ware sogar neu. Warum vieles am Ende dennoch im Müll landet? Es sei günstiger, die zurückgeschickten Artikel direkt zu vernichten, als sie zwischenzulagern und wieder zu verkaufen, so die Antwort des Unternehmens. Ein irrsinniger Teufelskreis, den Gratisretouren zusätzlich fördern.

Hemmungsloses Konsumverhalten beenden

Diese Vorgehensweise ist ein Paradebeispiel für unsere westliche Überflussgesellschaft, die durch kostenlose Retouren weiter zum Kaufen ermutigt wird. Nur, auf wessen Kosten eigentlich? Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass die Arbeitnehmer*innenrechte und Umweltstandards in den Produktionsländern vernachlässigt werden, um bei uns die Preise niedrig zu halten. Doch wozu das Ganze, wenn anschließend die produzierte Ware unbenutzt im Müll landet? Das ist mehr als geschmacklose Ressourcenverschwendung! Geld für die Rücksendungen zu verlangen, könnte dazu beitragen, diese Abwärtsspirale endlich zu beenden oder zumindest zu durchbrechen.

Fakt ist, kostenlose Retouren führen zu einer dauerhaften Änderung unseres Konsumverhaltens. Ein Viertel der 14 bis 29-Jährigen gibt an, bereits bei der Bestellung geplant zu haben, das Produkt zurückzuschicken. Ein kostenloses Rückgaberecht verstärkt den Kaufanreiz und erhöht zugleich die Rücksendequote. Zalando gibt zu, dass die kostenlosen Rücksendungen dem Geschäft mittlerweile schaden. Das Unternehmen versuchte deshalb, Kund*innen mit hohen Retourenquoten per Mail zu ermahnen. Doch die Umerziehungsmaßnahmen blieben erfolglos.

Glaubt man Untersuchungen zu diesem Thema, zeigt sich: Eine vergleichsweise niedrige Rücksendegebühr von 2,95 Euro pro Paket senkt die Rückgaben nachweislich um 16 Prozent. Und ohne einen Verkaufseinbruch für den Markt zu bedeuten, wie viele Kritiker*innen befürchten. Im Gegenteil: Eine Pauschale für Rücksendungen zahlen zu müssen, regt einen bewussten Konsum an und entlastet die Wirtschaft. Endverbraucher*innen würden sich gut überlegen, ob sie das Produkt kaufen und behalten wollen, anstatt sinnlos ihren Warenkorb weiter zu füllen.

Retouren belasten unsere Umwelt und damit uns selbst

Auch die Umwelt würde es uns danken. Die Einführung von kostenpflichtigen Rücksendungen könnte die Unmengen an produziertem Müll und den CO2-Ausstoß reduzieren, den die Pakete verursachen. Die Bamberger Wissenschaftler*innen gaben an, dass Retouren in einem Jahr 238.000 Tonnen CO2 ausstoßen. Das ist so viel, „wie täglich 2.200 Mal von Hamburg nach Moskau mit dem Auto zu fahren“. Im Endeffekt schaden wir uns damit also selbst.

Umweltverbände und Forschungsgruppen fordern seit Jahren darum die gesetzliche Einführung einer Pauschale für Rücksendungen. Denn eine Entscheidung auf freiwilliger Basis reicht dabei nicht aus: Große Unternehmen locken trotz Verlusten weiterhin mit Gratisretouren, wie das Beispiel Zalando zeigt. Wenn allerdings weiterhin jede zweite Bestellung zurückgeschickt wird, bleibt nicht viel vom erhofften Umsatz – und vom verheißenen Glück schon gar nicht.

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