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proDes Konsums Kern

Von Melina Aboulfalah / 30. November 2020
picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert

Die Autorin dieses Textes steht dem Onlineshopping eher skeptisch gegenüber. Ist die pauschale Verteufelung von Einkäufen im Internet im Allgemeinen und von kostenfreien Retouren im Speziellen aber doch etwas kurzgedacht? Versuch eines Perspektivwechsels.

Zugegeben, beim Einkaufen im Netz ist es schwierig, aber nicht unmöglich, um Internetmonopolisten wie Amazon einen Bogen zu machen. Vor allem junge Unternehmen setzen auf Internetpräsenz, um eine breite Kundenbasis aufzubauen. Viele von ihnen werben mit nachhaltigen Produkten, die man nur per Versand erhalten kann, da ihre Artikel aufgrund mangelnder Bekanntheit kaum bis gar nicht im Ladengeschäft nebenan angeboten werden. Solange sich an dieser Situation nichts ändert, bleibt nur die Unterstützung solcher zukunftsfähiger Unternehmen durch Bestellung im Onlineshop.

Außerdem leuchtet ein, dass kostenfreie Retouren durchaus mehr Leute dazu bringen könnten, Angebote von Internetfirmen überhaupt erst auszuprobieren. Auf längere Sicht könnten also auch solche Firmen ihre Nachfrage steigern und damit wirtschaftlich werden.

Ein Fehlkauf kommt sowohl im „Real Life“ als auch online vor. Dass man dann die Ware zurückgeben kann, entspricht den Basics des Verbraucherschutzes (auch wenn der kein generelles Rückgaberecht kennt, aber immerhin ein gesetzliches Widerrufsrecht). Da ist es eigentlich nur fair, dass Menschen, die mit einem online erworbenen Produkt nicht zufrieden sind, dies ebenfalls kostenlos zurückgeben können. Denn wenn sich ein Unternehmen nur im Netz und nicht im Laden präsentiert, wo die Ware angeschaut, an- und ausprobiert werden kann, sollten die Kosten dieser besonderen Unternehmensführung nicht auf die Kundschaft abgewälzt werden.

Onlineshopping ist Zukunft (und längst Gegenwart)

Abgesehen von dem offensichtlichen Vorteil, dass Gratisretouren nun mal kostenfrei sind, sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass Onlineshopping seit den 1990er Jahren Gegenwart und Zukunft ist. Oder sollte etwa in Vergessenheit geraten sein, dass wir gerade eine Pandemie erleben? Die eigenen Produkte im Internet anzubieten, ist aktuell für kleinere Unternehmen oft die einzige Lösung, ihr Geschäft vor der Pleite zu retten.

Aus einem weiteren Grund erlebt Onlineshopping seit Beginn der Corona-Krise einen Boom: Distanz zu anderen Menschen lässt sich am besten einhalten, wenn man sich gar nicht erst unter Menschen begibt. Gerade in einer Situation, in der es das Vernünftigste ist, nicht in die Stadt zu fahren, um dort persönlich den Laden zu betreten, sollte man auf Onlineshopping ausweichen und von der häufig angebotenen Rückgabemöglichkeit Gebrauch machen. Besser, man gibt Bestelltes zurück – und das macht man eher, wenn die Retoure nichts kostet – und jemand anderes kauft das Produkt, als dass man es aufgrund teurer Rücksendung behält, aber nie nutzt oder trägt. So gibt der Mode-Riese Zalando an, 97 Prozent der retournierten Artikel wieder zum Verkauf anzubieten.

Die Umwelt leidet nur bedingt wegen Gratisretouren

Es heißt, dass Gratisretouren exzessiven Konsum förderten, da sie Onlineshopping noch bequemer machten, als es eh schon sei. Insbesondere in Sachen Mode. Die Leute bestellten Unmengen an Kleidung online, ließen sie sich in Verpackung, die dann zu Müll wird, bis vor die Haustür liefern und schickten das meiste doch wieder zurück. Diese Textil-Odyssee sei unnötig und umweltschädlich, da wegen ihr zahlreiche luftverpestende Postwagen durch die Städte brausten. So weit, so schlecht. Es ist allerdings ebenso bekannt, dass die weitaus größeren Umweltschäden direkt bei der Modeproduktion verursacht werden. Transport vor die Haustür und Retoure bilden da nur die Doppelspitze des CO2-Eisbergs. Wie so oft gilt auch beim Shopping im Internet: Weniger ist mehr. Das bezieht sich erstens auf das Einkaufen selbst, zweitens auf die Zulieferung und erst drittens auf die Retoure. Das Hauptproblem liegt also woanders.

Hilfreich wäre es, den Onlinehandel gerade jetzt nicht zu verfluchen, sondern ihn besser zu machen. Das ist des Konsums Kern. Vielleicht dieseln eines Tages nicht mehr die herkömmlichen Lieferautos durch die Gegend, sondern werden durch umweltfreundlichere E-Autos ersetzt. Zumindest wirbt DHL damit, die Brief- und Paketzustellflotte durch Elektrofahrzeuge ersetzen zu wollen. Ebenso bieten einige Modeshops an, den CO2-Ausstoß einer Bestellung zu kompensieren: Ähnlich wie bei Bahnreisen investieren sie einen kleinen Aufpreis von ein paar Cents in „grüne“ Projekte.

Es muss nicht sein, dass mit dem Trend zum Onlinekauf der Trend zur Retoure proportional zunimmt. Schließlich können Kunden sowie Unternehmen dazu beitragen, die Anzahl der Rücksendungen einzuschränken, ohne die Erwartung an kundenfreundlichen Service zu enttäuschen. Präzisere Produktbeschreibungen seitens der Unternehmen und mehr Selbstreflexion auf Seiten der Käufer würden Retouren reduzieren. Ist es nicht sinnvoller, nicht mehr das in China neuproduzierte 5-Euro-Polyester-Shirt im Laden, sondern die im Online-Secondhand-Shop feilgebotene Bluse zum selben Preis zu kaufen? Und wenn sie dann von einem E-Auto, betrieben mit Ökostrom von der Nordsee, geliefert wird, ist vielleicht schon viel gewonnen.

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