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debatteÜben soziale Medien zu viel Einfluss auf uns aus?

Von Andrea Burkhardt / 31. Mai 2021
picture alliance / Westend61 | Infinite Lux

Nutzen und Schaden liegen oft nahe beieinander. Im Fall der sozialen Medien wird ein Konflikt zwischen klassischer Berichterstattung und neuen (journalistischen) Kommunikationsformen immer deutlicher.

Ich erinnere mich an die Zeit, als Smartphones auf dem Vormarsch waren und ich beim Spaziergang durch die Stadt immer mal wieder Menschen anschaute, wobei ich mich fragte: „Was macht der denn da? Geht es ihm nicht gut?“ Beim zweiten Blick erkannte ich dann, dass “der da“ sich lediglich beim Gehen über sein Smartphone beugte.

Heute ist das Bild “gebeugter“ Menschen längst allgegenwärtig geworden. Wie andere gewöhnte auch ich mich mit der Zeit daran, Menschen auszuweichen, die kaum auf den Weg, den Verkehr, andere Fußgänger achten, weil sie gebannt auf ihr Smartphone starren. In der Bahn ist Flirten eine Seltenheit geworden, stattdessen werden emsig die neuesten News durchstöbert. Selbst das Zusammensein mit Freunden findet kaum noch ohne einen prüfenden Blick auf den digitalen Begleiter statt.

Regelmäßiges Checken verfügbarer Apps ist zur Gewohnheit geworden, wie früher der habituelle Blick auf die Armbanduhr, die mittlerweile ebenfalls in digitaler Version daherkommt. Aber nehmen dadurch insbesondere die sozialen Medien übermäßig viel Einfluss auf unsere Gesellschaft ein?

Die Reichweite sozialer Medien nimmt zu

Wer an soziale Medien denkt, denkt meist zuerst an Facebook. Kein Wunder, denn fast drei Milliarden Menschen nutzen allein dieses digitale Medium jeden Monat. Dies entspricht einem Anteil von mehr als 40 Prozent der globalen Bevölkerung. Das im Jahr 2004 gegründete soziale Netzwerk belegt mit Blick auf Nutzer*innen weltweit Platz eins, gefolgt von YouTube und WhatsApp.

Aus dem Jahresbericht „Digital 2021“ der Social-Media-Management-Plattform Hootsuite und der Social-Media-Agentur We Are Social geht hervor, dass es insgesamt in etwa 4,2 Milliarden Nutzer*innen sozialer Medien gibt. Täglich sei ein Zuwachs von 1,3 Millionen Menschen zu verzeichnen. Dies entspricht einem Wachstum von über 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – einen solchen Anstieg gab es seit drei Jahren nicht mehr, heißt es darin. Zurückzuführen sei der enorme Zuwachs auf den weltweiten Lockdown und die damit verbundene soziale Isolation vieler Menschen.

Individuelle Berichterstattung

Die Kommunikation innerhalb der sozialen Netzwerke wirkt sich auch auf die Demokratie aus. Sowohl positiv als auch negativ. Eine Beeinflussung der politischen Meinungsbildung durch Fake News, Social Bots und Filterblasen ist nicht auszuschließen. So sind populistische Parteien bereits dabei, durch manipulative Maßnahmen in den sozialen Medien Wähler*innen für sich zu gewinnen.

Die Expertise dafür gibt es. So hat die Firma Cambridge Analytica während der letzten US-Präsidentschaftswahlen auf Basis gesammelter Nutzer*innendaten Persönlichkeitsprofile berechnet. Durch diese konnten den Nutzer*innen gezielte, quasi individuell zugeschnittene Inhalte präsentiert werden, um deren Wahlverhalten zu lenken.

Fake News, Social Bots und Filterblasen

Ähnlich bedenklich halten viele inzwischen sogenannte Fake News, die vor allem via Internet in Umlauf kommen. Zwar kursieren auch im Zeitungswesen Falschmeldungen, aber mithilfe sozialer Medien kann im Grunde jede*r solche Nachrichten verfassen und sie in kürzester Zeit verbreiten.

Daneben generieren Social Bots auf Grundlage von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz Inhalte, verbreiten diese und kommentieren sie sogar. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass ein Thema viel Aufmerksamkeit erhält und zu Debatten anregt, obwohl lediglich Maschinen die „Diskussion“ am Laufen halten.

Filterblasen wiederum entstehen durch das Verhalten der Internet-Nutzer*innen. Auf der Basis von Suchbegriffen sowie Smartphone-Daten wie GPS-Koordinaten, Einkäufen und Kontakten wird eine virtuelle Umgebung geschaffen, die auf die Nutzer*innen angepasst ist – die Filterblase. Nachrichten, Werbung, Kontakt- und Einkaufsvorschläge sind maßgeschneidert. Für manche praktisch. Allerdings erreichen so nur ausgewählte Nachrichten die Endverbraucher*in und nicht alle News, die ebenso relevant sein könnten.

Ein direkter Draht

Der Nachteil sozialer Medien ist zugleich sein Nutzen. Politiker*innen und Parteien können sich direkt mit (potenziellen) Wähler*innen in Verbindung setzen. Nutzer*innen werden durch diese kurzen Kommunikationswege eher, schneller und treffsicherer gehört. Die eigene Stimme scheint nicht mehr in der Wahlurne zu verschwinden. Für den direkten Draht bedarf es keiner Parteimitgliedschaft mehr. Vielmehr kann sich fast jede*r an politischen Auseinandersetzungen beteiligen.

Während der „Arabischer Frühling“ genannten Protestbewegung 2010 sind die politischen Potentiale sozialer Medien deutlich geworden. Demokratische Ideen verbreiteten sich neben lokalen Aufständen in Tunesien auch via Facebook und Co. und führten schließlich zu einem revolutionären Flächenbrand in der arabischen Welt. Die sozialen Medien boten hier die Möglichkeit einer größeren Meinungsfreiheit als der öffentliche Raum jener nicht demokratisch verfassten Länder.

Mittlerweile spielen für die öffentliche Meinung digitale Vereinigungen eine mindestens genauso große Rolle wie analoge Vereine und Initiativen. Räumliche Distanz kann, wie im Lockdown mithilfe von Videotelefonie-Programmen wie Zoom, fast immer problemlos überbrückt werden, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Sofern eine basale Medienkompetenz vorliegt. Dazu, warnen internationale Aktivist*innen, zähle mittlerweile nicht nur der Umgang mit digitalen Programmen, sondern auch ein kritisches Bewusstsein für den bestehenden Einfluss netzbasierter Informationen und Entwicklungen. Quellen und Themen müssten immer und überall hinterfragt, Fakten überprüft und Inhalte beurteilt werden (können).

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