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proSocial Media kann einiges, nur keine Demokratie

Von Margit Roth / 31. Mai 2021
picture alliance / Westend61 | Petra Stockhausen

Die Macht geht vom Volk aus. Um dieses demokratische Grundprinzip zu verwirklichen, sind Meinungs- und Pressefreiheit unabdingbar. In einer Demokratie muss es möglich sein, sich über ein Thema umfassend zu informieren und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden. Doch Social Media untergräbt dieses politische Herrschaftssystem.

Laut deutschland.de nutzen 38 Millionen Deutsche, also 45 Prozent der Gesamtbevölkerung, täglich im Durchschnitt drei Stunden soziale Medien wie Facebook, Instagram und Twitter.

Im „Digital News Report“ des Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) aus dem Jahr 2017 gaben 29 Prozent der Befragten an, soziale Medien als Nachrichtenquelle zu nutzen. Zwei Jahre später sagten 55 Prozent, sie würden sich sorgen, gefälschte Informationen von wahren nicht mehr unterscheiden zu können.

Jedem seine Wahrheit?

Diese Sorge ist berechtigt. In sozialen Medien fällt es Nutzerinnen und Nutzern nicht nur zunehmend schwer, echte beziehungsweise vorgetäuschte Nachrichten zu erkennen. Die Algorithmen des Anbieters entscheiden auch darüber, welche Informationen wir überhaupt zu sehen bekommen und welche nicht. Algorithmen stellen Informationen möglichst individualisiert zusammen, um Nutzer zu halten, ihre Interessen zu bedienen und dadurch Daten zu sammeln, die monetarisiert werden können. Um dieses Ziel zu erreichen, setzen die Betreiber auf kognitive Konsonanz und Homophilie. Kognitive Konsonanz bedeutet, dass Inhalte angeboten werden, die der eigenen Meinung entsprechen, während solche Meinungen herausgefiltert werden, die den eigenen Einstellungen widersprechen. Homophilie meint, dass sich in sozialen Netzwerken auch kleinste Interessengemeinschaften zusammenfinden können, die sich in ihrer bereits gefassten Meinung wechselseitig bestätigen. Kognitive Konvergenz und Homophilie führen zu einer Filterblase, in der wir uns wohl fühlen, andere Einstellungen oder Sichtweisen aber kaum mehr eine Rolle spielen.

Sind amerikanische Verhältnisse bei uns möglich?

Ein Bespiel dafür, welchen Einfluss soziale Medien auf demokratische Prozesse haben können, zeigen die Enthüllungen des ehemaligen Cambridge Analytica-Mitarbeiters Christopher Wylie. Er erläuterte, wie die rechtskonservative Alt-Right-Bewegung zusammen mit dem russischen Geheimdienst Facebook nutzte, um Wähler*innen mittels Mikrotargeting gezielt zu manipulieren. Facebook stellte die differenzierten Nutzerprofile zur Verfügung, das Unternehmen wertete diese Daten aus und bespielte die Feeds der Nutzer*innen genau mit den Inhalten, die unentschlossene Wähler*innen auf die Seite der Republikanischen Partei ziehen sollten. Das Ergebnis ist bekannt.

Sicherlich, das Zweiparteiensystem der USA begünstigt Polarisierungen, die in unserem Mehrparteiensystem unwahrscheinlich sind. Aber auch bei uns gewinnen soziale Medien in der politischen Meinungsbildung einen immer größeren Einfluss. Die Social-Media-Analysefirma Alto untersuchte in Zusammenarbeit mit NDR und WDR 9,65 Millionen deutschsprachige Beiträge von 756.000 Nutzerinnen und Nutzern in sozialen Netzwerken. 47 Prozent von ihnen, so die 2019 veröffentlichte Studie, hatten bei politischen Themen eine Verbindung zur AfD und zu rechten Inhalten. Die Forscher*innen vermuten, dass ein Großteil der Beiträge von einigen wenigen Nutzer*innen erstellt wurde und für den Rest der Posts Bots eingesetzt wurden. Für Nutzer*innen allerdings ist das kaum erkennbar. Durch die schiere Menge an Posts täuscht die AfD eine Diskursmacht vor, die die Meinungsbildung durchaus beeinflussen kann.

Was bedeutet das für Journalist*innen?

Es geht aber nicht nur um Facebook und Co. Es geht auch nicht nur um rechte Parteien, die soziale Medien für ihre Zwecke nutzen. Es geht auch um Journalistinnen und Journalisten, die durch soziale Medien in ihrer Arbeit beeinflusst werden.

Der Wert eines Artikels bemisst sich daran, wie oft er geklickt, geliked und geteilt wird.

Aufmerksamkeit erregen Artikel vor allen Dingen dann, wenn sie ein Thema oder ein Ereignis möglichst noch vor der Konkurrenz aufgreifen und in für social Media kompatibler Form anbieten. Langes Recherchieren und differenziertes Argumentieren? Dafür fehlt die Zeit.

In ähnlicher Geschwindigkeit folgen die Reaktionen. Gingen früher einige wenige Leserbriefe mit Zeitverzögerung ein, haben kritische Journalist*innen heute im schlimmsten Fall mit einem unmittelbaren Shitstorm zu rechnen, der auch vor Beleidigungen und Gewaltandrohungen nicht Halt macht. Mit einer großen, engagierten Redaktion im Rücken mag es machbar sein, massiven Angriffen die Stirn zu bieten, für freie Journalist*innen können die Anfeindungen zu einer existenziellen Bedrohung werden. Aber sonst?

Die Folge: „Sagen, was ist“ wird abgelöst von einem „Sagen, was auszuhalten ist“. Soziale Medien wie Facebook nehmen die Funktion eines Foucaultschen Panoptikums ein, eines perfekten Überwachungssystems: Aus Angst, einen Shitstorm auf sich zu ziehen, setzt die Zensur im Kopf ein, bevor die erste Zeile geschrieben ist.

Viele Protestbewegungen wurden erst durch soziale Medien möglich. Nicht vergessen werden darf allerdings, dass Unternehmen wie Facebook profitorientierte Weltkonzerne darstellen, die Meinungen manipulieren und den eigenen Interessen entsprechend lenken können.

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